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Aus der Stadt „Wir sind ein Kleinod in der Stadt“
Hannover Aus der Stadt „Wir sind ein Kleinod in der Stadt“
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00:16 04.01.2015
Von Saskia Döhner
Volker Epping ist neuer Präsident der Leibniz Universität. Quelle: Tobias Kleinschmidt
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Hannover

Herr Epping, jetzt sind Sie Präsident der Leibniz-Universität. War dies immer ein Herzenswunsch von Ihnen?

In der Hochschulpolitik war ich schon lange aktiv, etwa als Landesvorsitzender im Deutschen Hochschulverband, also der Berufsvertretung der Universitätsprofessoren und des wissenschaftlichen Nachwuchses. Als Dekan der Juristischen Fakultät war ich maßgeblich an der Neuausrichtung der Fakultät im Nachgang des Hochschuloptimierungskonzepts beteiligt. Als klar war, dass Herr Barke zum Jahreswechsel sein Amt niederlegen würde, haben mich viele Kollegen und Mitarbeiter aus unterschiedlichen Fakultäten der Universität angesprochen: Ich wolle mich doch sicher bewerben. Die Unterstützung quer durch die Hochschule hat mich sehr ermutigt.

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Was sind Ihre Hauptziele?

Ich möchte den von meinem Vorgänger eingeschlagenen Weg fortsetzen, die Uni weiter voranbringen und in der Stadtgesellschaft bekannter machen, was für ein Kleinod wir sind. In Forschung und Lehre spielt die Leibniz-Universität eine wichtige Rolle, in Hannover, im Land, national und international. Das klassische hannoversche Understatement ist ja ganz schön, aber es drängt die vorgenannte Realität in den Hintergrund. Hier müssen wir sicherlich auch ein bisschen mehr klappern. Ich verstehe mich als Botschafter für die Universität auch und gerade in der Stadt. Wir werden uns weiter für die Bürger öffnen - durch Aktionen wie dem Science Slam, die „Nacht, die Wissen schaft“, Führungen über den Campus oder Tage der offenen Tür. Es wäre auch schön, wenn man Hannover im Bahnhof nicht nur als Messestadt, sondern als Messe- und Hochschulstadt bezeichnen würde. Verdient hätte es der Standort.

Ihr Vorgänger ist Professor für Mikroelektronik, Sie sind Jurist. Bekommen die Geisteswissenschaften jetzt wieder ein stärkeres Gewicht?

Präsidenten stehen über den Fächern. Ich weiß, wo die Stärken unserer Hochschule liegen, auch die bislang verborgenen Stärken, und diese will ich weiter ausbauen beziehungsweise sichtbar machen.

Wo denn zum Beispiel?

Wir haben 6000 Studenten in der gymnasialen Lehramtsausbildung. Dieses Potenzial ist vielen nicht bewusst, das muss man deutlicher nach außen tragen. Als weiteren Schwerpunkt entwickeln wir zurzeit das Forschungsprofil Wissenschaftsreflexion. So verfügen wir über mehrere Professuren im Bereich der Wissenschaftsphilosophie und der Wissenschaftssoziologie. Wir sind eng verbunden, auch personell, mit dem Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung. Der Frage, welchen Einfluss Wissenschaft auf die Gesellschaft ausübt und umgekehrt, können wir also umfassend nachgehen.

Und die bekannten Stärken?

Natürlich unsere klassisch starken naturwissenschaftlich-technischen Studiengänge. In der Quantenoptik und der Gravitationsphysik sind wir im Ranking der Deutschen Forschungsgesellschaft zusammen mit München die Nummer eins. Weitere Stärken liegen im Maschinenbau, insbesondere in der Produktionstechnik und in der Biomedizin bzw. Biomedizintechnik - auch zusammen mit der Medizinischen Hochschule. Da gibt es hochinteressante Themen, die jeden Bürger umtreiben müssten. Zum Beispiel die Entwicklung von nicht entzündlichen Implantaten ist von hoher Relevanz wenn man bedenkt, dass ein Viertel aller Operationen in diesem Bereich wegen Entzündungen schieflaufen.

Teamplaying oder geniale Einzelköpfe - womit kommt man aus Ihrer Sicht in der Wissenschaft weiter?

Man muss in seinem Fach sehr gut sein. Große Innovation gibt es meiner Meinung nach vor allem in Grenzbereichen zu anderen Fächern, durch interdisziplinäre Zusammenarbeit im Team. Alle Bereiche sollten daher zusammenarbeiten - nicht nur innerhalb der Uni. Wir brauchen auch die Expertise von außen, von außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Natürlich ist auch die Spitzeneinzelforschung wichtig. Daher hat beides seine Berechtigung.

Sie loben projektbezogene Partnerschaften. Von institutioneller Zusammenarbeit wie bei der gescheiterten Niedersächsischen Technischen Hochschule halten Sie nicht viel, oder?

Nicht, wenn sie von oben aufoktroyiert wird und innerlich blutleer ist. Die Zusammenarbeit muss von unten, von den Wissenschaftlern kommen - so, wie wir das jetzt auch machen.

Auch wenn Sie die Uni in ihrer Breite loben: Alle 90 Fächer und mehr als 180 Studien- und Teilstudiengänge werden sich ja vermutlich auf Dauer nicht halten lassen ...

Wir bekommen hinsichtlich der Lehrauslastung Vorgaben vom Land. Bis zum Wintersemester 2015/16 müssen alle Studiengänge eine Auslastung von 70 Prozent erreichen, bis zum Wintersemester 2016/17 dann sogar von 80 Prozent. Studiengänge, die diese Auslastung nicht erreichen, stehen daher zwangsläufig auf dem Prüfstand und müssen gegebenenfalls aufgegeben werden.

Welche denn?

Da möchte ich mich noch nicht festlegen.

Jeder dritte Student scheitert deutschlandweit, schätzen Experten. Was kann eine Uni dagegen tun?

Untersuchungen zeigen, dass Studierende, die sich überfordert fühlen, oft ihr Studium abbrechen. Wir sind daher bestrebt, durch intensive Beratung, Self-Assessments, Vorkurse, Schnupperstudium und andere Maßnahmen schon vor Studienbeginn deutlich zu machen, was Studienanfänger im jeweiligen Fach erwartet. Jeder sollte seine Fertigkeiten richtig einschätzen können. Andererseits können wir es uns nicht leisten, dass bei einem Ingenieur die Brücke zusammenbricht, weil er die Statik falsch berechnet hat: Das erforderliche wissenschaftliche Rüstzeug müssen unsere Absolventen also auch beherrschen. Hinsichtlich der notwendigen Anforderungen können wir somit keine Abstriche machen.

Das Geld, das die Hochschulen in Niedersachsen durch die Abschaffung der Studiengebühren verlieren, wird ausgeglichen. Aber die Grundfinanzierung ...

... reicht hinten und vorn nicht. Seit 2005 hat sich die Grundfinanzierung nicht erhöht, nur die höhere Besoldung wird vom Land ausgeglichen. Andererseits steigen die Unterhaltungskosten der Gebäude aber ständig; auch die Energie- und Heizkosten steigen ständig. So kann das nicht weitergehen.

Wie wollen Sie die Uni führen?

Ich bin ein rationaler Mensch. Wenn Konflikte da sind, müssen sie gelöst werden. Totschweigen ist keine Option. Gut zuhören, transparent entscheiden und dann die Entscheidung konsequent umsetzen - so will ich als Präsident handeln.

Zum Ausgleich gehen Sie bislang ins Uni-Fitnessstudio. Auch noch als Präsident?

Natürlich, ich habe keine Berührungsängste.

Interview: Saskia Döhner

Zur Person

Prof. Volker Epping, geboren in Dortmund, hat in Bochum Jura studiert. Der heute 55-Jährige war von 1986 bis 1997 Mitarbeiter des bekannten Völkerrechtlers Knut Ipsen. 1992 kam die Promotion, vier Jahre später die Habilitation. 1999 wurde er an die Universität Münster berufen. 2001 wechselte er nach Hannover, wo er seitdem Öffentliches Recht, Völker- und Europarecht lehrt. Bis 2009 war er mit einer Unterbrechung insgesamt fast vier Jahre Dekan der Juristischen Fakultät. Von 2009 bis 2011 war Epping Mitglied im Senat der Leibniz-Universität Hannover und der Niedersächsischen Technischen Hochschule.

In der Paschedag-Affäre, in der es um einen umstrittenen Dienstwagen für den früheren Agrar-Staatssekretär Udo Paschedag ging, vertrat Epping die CDU vor dem Staatsgerichtshof in Bückeburg und klagte erfolgreich auf die Herausgabe von Akten, die das Land zurückhalten wollte. Im Juni 2014 wurde er als einziger Kandidat zum Nachfolger von Uni-Präsident Prof. Erich Barke gewählt.

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