Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt „Nichts schreckt mich zurück“: Der Mord am Schreiber Fricke
Hannover Aus der Stadt „Nichts schreckt mich zurück“: Der Mord am Schreiber Fricke
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:12 07.03.2009
Von Thorsten Fuchs
„Todesstrafe mittels Enthauptung“ lautete das Urteil für die Witwe Fricke. Später wurde sie zu lebenslanger Haft begnadigt. Quelle: Hauptstaatsarchiv

Etwas konnte nicht stimmen, das ist dem Vater sofort klar. So drängend ist der Ton des Briefes und so unruhig die Schrift, dass der Bortenwirker Karl Pilz im sächsischen Annaberg Verdacht schöpft. „Ich muss eure Meinung wissen, muss mich zu etwas entschließen“, hat sein Sohn ihm geschrieben. „Entweder ich komme mit meiner treuen Christine, die ich niemals verlassen werde, zu euch, oder ich mache fort von hier.“

Er muss sofort aufbrechen, beschließt Karl Pilz, muss sofort ins Hannoversche reisen, um zu sehen, was seinen Sohn umtreibt. Er kann nicht wissen, dass er einen Mord entdecken wird. Noch weiß ja niemand davon, auch wenn es Gerüchte gibt in Springe, böse Gerüchte.

Es liegt in jenen Tagen im November 1870 ein knappes Dreivierteljahr zurück, dass der Färbergeselle Bernhard Pilz nach Springe gekommen ist und neben Arbeit in der Fabrik auch Kost und Logis bei der Familie des Schreibers Georg Fricke gefunden hat. Er bedeutete dort keine große Last. Er war nur einfach einer mehr. Das siebte der frickeschen Kinder war gestorben, und so lebten noch sechs bei ihnen, das jüngste sechs, das älteste 23 Jahre alt.

Die Stimmung im Haus war oft rüde. Wenn das Ehepaar Fricke nicht schon von seinem Tagwerk erschöpft war, dann zehrten Missgunst und gegenseitige Verachtung zusätzlich an ihren Kräften. Das Zusammenleben sei „von Misshelligkeiten getrübt gewesen“, sollte die königliche Oberanwaltschaft 1871 in ihrer Anklage schreiben. Beim Mann habe „eine Neigung zum Trunke“ bestanden. Dieser wiederum habe einen „anscheinend nicht grundlosen Verdacht zur Untreue“ gegen seine Frau gehegt.

Wie es überhaupt dazu kam, dass sich die beiden annäherten, der Färbergeselle Bernhard Pilz und seine Kostgeberin Christine Fricke, darüber verraten die Akten des königlichen Schwurgerichts nichts. Dabei war eine Verbindung doch sehr unwahrscheinlich, so ein ungleiches Paar waren sie: hier der 18-jährige junge Mann, dort die 43-jährige siebenfache Mutter, deren Kinder zum Teil älter sind als ihr neuer Liebhaber. Der Färbergeselle scheint sich dann auch zunächst eher für ihre Tochter interessiert zu haben, Jakubine. Mit ihr will er zunächst ein Verhältnis gehabt haben, so erklärte er später der Polizei. Aber vielleicht behauptet er dies auch nur zum eigenen Schutz, um sich nachträglich von jener verhängnisvollen Verbindung zur Witwe Fricke zu distanzieren. Jedenfalls wurden er und Christine Fricke ein Paar, und sie gaben sich nur notdürftig Mühe, dies zu verheimlichen.

Seit dem Sommer suchten sie nach Gelegenheiten, um Zeit miteinander zu verbringen, und wenn sie zu Fuß gemeinsam zum Aegidienmarkt nach Hannover gingen, dann umarmten und küssten sie sich. Unterwegs übernachteten sie im Gasthaus gemeinsam in einer Kammer, und als sie mal in Hannover waren, gingen sie gemeinsam zum Fotografen Ramm in die Celler Straße und ließen sich ablichten. Es waren Wochen voller Euphorie, und allmählich ließ das Paar alle Vorsicht fahren. Einmal wurden sie von der Hausmagd Johanna Meyer ertappt, sie „auf seinem Schoße sitzend“, ein anderes Mal „im Ziegenstalle auf Stroh liegend“. Bald wussten alle von dem Verhältnis, auch Georg Fricke blieb es nicht verborgen. „Ich will die Hurerei auseinanderbringen“, schrie er seine Frau an.

Da wurde es auch ihr unheimlich. Einmal vertröstete sie ihren Geliebten mit einem der Fotos von sich. „Komm nicht eher, bis ich dir Nachricht schicke“, schrieb sie auf einem Zettel dazu, „ich habe heute morgen schon einen furchtbaren Auftritt mit Schorse gehabt.“ Ein anderes Mal sagte sie zu Bernhard, sie könne ihren Mann nicht mehr ausstehen. Entweder werde sie ihn vergiften oder weglaufen.

Es traf sich also gut, dass Georg Fricke am 2. Oktober 1870 plötzlich starb. Er hatte an jenem Abend über Erbrechen und heftige Schmerzen geklagt, wie so oft in den letzten Tagen. So schlimm jedoch war es noch nie. Um elf Uhr abends war er tot.

Niemand hatte einen ernsthaften Verdacht. Georg Fricke wurde nicht obduziert. Aber es gab Getuschel, Vermutungen, und wohl auch unter diesem Druck schrieb Bernhard Pilz seinen Eltern. Zweimal innerhalb weniger Tage erhielten sie seine Briefe. Er war offenbar entschlossen. „Nichts schreckt mich zurück“, schrieb er. Doch so heftig er auch bat, die Eltern wollten nicht einwilligen in die Verbindung zur Witwe Fricke.

So reiste Karl Pilz nach Hannover, um seinen Sohn von diesen Heiratsplänen abzubringen. Und wahrscheinlich hätte nie jemand von dem Mord an dem Schreiber Georg Fricke erfahren, wenn sich seine Witwe vom Erscheinen des Karl Pilz nicht so unter Druck gesetzt gefühlt hätte.

Sein Sohn habe ihren Mann „auf der Seele“, herrscht die Witwe den Vater ihres Geliebten an. Entweder er erlaube die Verbindung, oder sie werde ihren Geliebten bei der Polizei anzeigen. Doch Karl Pilz, der Bortenwirker aus Annaberg, lässt sich davon nicht beeindrucken. Er geht – es ist der 28. November 1870 – zur Polizei. Sein Sohn, teilt er mit, müsse dringend vernommen werden. Es gehe um Mord.

Der Medizinalrat Dr. Burkhardt findet in Georg Frickes exhumiertem Leichnam chromsaures Kali, einen hochgiftigen Stoff, der normalerweise zum Färben verwendet wird. Die Witwe Fricke streitet zunächst alles ab. Nicht einmal das Verhältnis zum Färbergesellen Pilz gibt sie anfangs zu. Zu belastend, zu eindeutig sind die Aussagen – die der Hausmagd, der Kinder und auch des Geliebten, Bernhard Pilz. Ja, er habe chromsaures Kali aus der Färberei mitgebracht und der Witwe Fricke übergeben – zunächst eine haselnuss-, dann noch einmal eine walnussgroße Menge. Sie hat es ihrem Mann, wie sie schließlich gesteht, in Kaffee und in Kamillentee verabreicht. Als er sich über den schlechten Geschmack beschwerte, habe sie den Mund abgewischt und seine Bedenken „mit Liebkosungen zerstreut“.

Die ältere Frau, die den unbedarften jungen Mann verführt – zunächst sexuell, dann zu einem Verbrechen: Das ist die Version, die das königliche Schwurgericht am 30. März 1871 für wahr erkennt. Bernhard Pilz wird als Mitschuldiger zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt, die er in der königlichen Strafanstalt Lüneburg verbüßen muss. Mehrmals bittet er um vorzeitige Entlassung, findet aber kein Gehör. Bei der Witwe Fricke erkennt das Gericht auf „Todesstrafe mittels Enthauptung“ – ein Urteil, das kurz darauf zu lebenslänglicher Haft abgemildert wird.

Auch sie ersucht mehrmals um Begnadigung von ihrer „wohlverdienten Strafe“, wie sie schreibt. Am 15. 12. 1892 hat sie Erfolg. Der Kaiser erlässt den Rest ihrer Strafe. Nach fast 22 Jahren wird sie aus dem Gefängnis entlassen. Da ist sie 65 Jahre alt. Wohin sie gegangen ist und wo sie den Rest ihres Lebens verbracht hat, darüber verraten die Akten kein Wort.

Ein neues Netzwerk will Flüchtlinge bei ihrer Suche nach einem Arbeits- oder Ausbildungsplatz unterstützen. Geplant ist, bis Oktober 2010 bundesweit 3000 Menschen in Arbeit oder Ausbildung zu vermitteln, in Hannover sollen es 80 sein.

Veronika Thomas 07.03.2009

Unter dem Motto „Politik zum Anfassen“ öffnet der niedersächsische Landtag am Sonnabend seine Türen für die Öffentlichkeit. Von 10 bis 18 Uhr können Interessierte einen Blick in zahlreiche Räume werfen, die sonst nicht zugänglich sind.

07.03.2009

Darf ein Mann, der seine Schwester verteidigt, einen Angreifer zusammenschlagen? Oder ist es ein „Nothilfeexzess“, wenn er dem Aggressor das Knie ins Gesicht rammt? In diesen Fragen gipfelte am Freitag ein Prozess vor dem Schwurgericht.

Hans-Peter Wiechers 09.03.2009