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Aus der Stadt Nie mehr Klassenfahrt?
Hannover Aus der Stadt Nie mehr Klassenfahrt?
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21:16 17.09.2013
Von Conrad von Meding
Glück gehabt – ihre Studienfahrt ist noch nicht gestrichen: Schüler der Sophienschule am Dienstag vor dem Dom in Florenz. Quelle: privat
Hannover

Die Kollegien protestieren damit gegen die Pläne der Landesregierung zur Unterrichtszeitverlängerung für Gymnasiallehrer. Bei Schülern, im Kultusministerium und sogar bei der Lehrergewerkschaft GEW kommt das gar nicht gut an – bei allem Verständnis für die Verärgerung der Lehrer. Der Vorsitzende des Stadtelternrats, Rainer Gnauck, spricht von einer „Sauerei, wenn die Schüler unter der Auseinandersetzung leiden müssen“. Das allerdings sei seine persönliche Meinung: Das Gremium habe sich mit dem Thema noch nicht befasst. „Wenn jetzt aber immer mehr Schulen solche Entscheidungen fällen, werden wir das wohl in der nächsten Vollversammlung tun“, sagt Gnauck.

Das Land will mehr Unterrichtsstunden organisieren, ohne zusätzliche Lehrer einstellen zu müssen. Deshalb sollen Gymnasiallehrer künftig 24,5 Stunden Unterrichtsverpflichtung bekommen – eine Stunde mehr als bisher. Auch die Stundenreduzierung für ältere Lehrer soll wegfallen. Die Lehrer sehen im Streichen der „freiwilligen“ Klassenfahrten die einzige Möglichkeit, öffentlich Druck auszuüben. In einer stadtweiten Versammlung der Gymnasiallehrer zu Monatsbeginn wurde die Parole ausgegeben, in allen Kollegien abzustimmen – bis Monatsende sollen nun aus allen hannoverschen Schulen Ergebnisse vorliegen.

„Das ist ein Protestschrei“

Sie wissen, dass sie sich keine Freunde machen. Aber offenbar wissen sie sich nicht anders zu helfen. „Das ist ein Protestschrei“, sagt Jutta Grebe. Die Chemie- und Geschichtslehrerin gehört zum Kollegium der Elsa-Brändström-Schule, das beschlossen hat, im kommenden Schuljahr sämtliche Klassen- und Studienfahrten auszusetzen. „Wir hoffen“, sagt Grebe, die auch dem Personalrat des Gymnasiums angehört, „dass wir die Welle der Empörung, die uns jetzt entgegenschlägt, nutzen können, um nachhaltig auf unsere Situation aufmerksam zu machen“.

Dass die Landesregierung den Gymnasiallehrern eine Stunde Mehrarbeit pro Woche abverlangen will und diese dann 24,5 Stunden unterrichten müssten, dürfte vielen Arbeitnehmern als keine allzu große Zumutung erscheinen. Grebe und ihre Kollegen wissen das. „Gerade darum müssen wir in der Öffentlichkeit erklären, was die Pläne wirklich bedeuten.“

An den Gymnasien sei die Arbeitsbelastung für die Lehrer stetig gestiegen, sagt Georg Müller, der an der Elsa-Brändström-Schule Politik und Spanisch unterrichtet. Die verkürzte Zeit bis zum Abitur oder die Erhöhung der Klassenstärken seien nur zwei Beispiele für Reformen, die den Lehrern deutlich mehr Einsatz abverlangten und den Ablauf des gesamten Schulbetriebs verschlechtert hätten. Hinzu kämen jenseits der Unterrichtsverpflichtungen und Korrekturen von Klassenarbeiten immer mehr Aufgaben, die die Pädagogen im Bereich der Beratung von Eltern und Schülern bewältigen müssten. Dabei werde zunehmend auch „Lebenshilfe“ geleistet, berichtet Grebe. Unterm Strich kämen manche Kollegen auf Arbeitswochen mit 60 Stunden; gleichwohl sei das Zeitbudget häufig noch immer zu knapp, um allen Anforderungen genügen zu können.

Der Vorstoß der rot-grünen Landesregierung, die Arbeitszeit zu erhöhen und die Besserstellung älterer Kollegen rückgängig zu machen, habe „das Fass zum Überlaufen gebracht“, sagt Wolfgang Scholz vom Personalrat der Brändström-Schule. Die Klassenfahrten zu streichen, sei für die Pädagogen das einzige effektive Mittel, den steigenden Arbeitsdruck zu reduzieren und öffentlich dagegen zu protestieren. Dass damit auch die Schüler getroffen werden, ist Scholz und seinen Mitstreitern bewusst. „Wir alle finden die Fahrten pädagogisch sehr sinnvoll und würden sie auch gern weitermachen“, sagt er. Die Schulreisen, die für Lehrer quasi einen „24-Stunden-Dienst“ plus intensiver Vor- und Nachbereitung bedeuteten, seien aber der einzige Hebel, bei dem die Lehrer ansetzen könnten. Grebe spricht von einer „rechtlichen Grauzone“. Schließlich könne das Kultusministerium die Schulen nicht zwingen, Klassenfahrten anzubieten – auch wenn diese eigentlich zu einem umfassenden Bildungs- und Erziehungsauftrag dazugehörten.

Eltern und Schüler hat das Kollegium über seine Position informiert. Demnächst ist eine schulinterne Diskussionsveranstaltung geplant. Auch mit der Gewerkschaft GEW sei man im Gespräch, sagt Scholz. Das Brändström-Kollegium hofft nun, dass möglichst viele hannoversche Gymnasien mitziehen und sich ebenfalls für ein Aussetzen der Klassenfahrten entscheiden. Damit auch die Politiker darauf reagieren.

jk

Im Kultusministerium sieht man die Aktion „sehr kritisch“, wie Sprecher Sebastian Schumacher sagt: „Schulfahrten haben einen hohen pädagogischen Stellenwert und sind für viele Schüler ein absolutes Highlight. Deshalb bleibt es dabei: Schulfahrten und Exkursionen zu streichen ist eindeutig der falsche Weg, weil so auf dem Rücken der Kinder ein politischer Streit ausgetragen wird.“ Den Schülern werde die Freude an schulischen Aktivitäten genommen, „um der Landesregierung Druck zu machen“. Immerhin hätten Niedersachsens Gymnasiallehrer mit die niedrigste Unterrichtsverpflichtung bundesweit, und unter allen Schulformen seien die Gymnasiallehrer ohnehin am besten gestellt. Tatsächlich unterrichten Real- und Förderschullehrer in Niedersachsen 26,5 Stunden pro Woche, Hauptschullehrer 28,5 Stunden und Grundschullehrer sogar 28 Stunden pro Woche.

Schumacher betont, dass die Landesregierung den Bildungsetat um eine Milliarde Euro aufstocken wolle. Unter anderem solle es mehr Geld für Fortbildungen geben, der Ganztagsausbau solle weiter gefördert werden, auch kleinere Klassen seien Teil des Programms. Die Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung mache mit 80 Millionen Euro nur einen kleinen Teil des Programms aus – und sei zudem vom Landesrechnungshof und dem Steuerzahlerbund gefordert gewesen.

„Das wäre demotivierend“

Gut, dass sie schon in Istanbul war. „Vor zwei Wochen hatten wir unsere Abschlussfahrt mit dem 12. Jahrgang, das war für alle eine ganz tolle Reise“, sagt Michelle Behnsen. Die Abiturientin der Elsa-Brändström-Schule fände es „demotivierend“, wenn ein solches Gemeinschaftserlebnis für den nachfolgenden Jahrgang entfiele, weil die Lehrer ihrer Schule die Klassen- und Studienfahrten streichen wollen. Andererseits hat sie Verständnis für die Argumente der Pädagogen, die über eine wachsende Belastung im Schulalltag klagen. „Die Lehrer machen das mit den Fahrten ja nicht aus Eigennutz, sie wollen ein Zeichen setzen.“ Ähnlich sieht es Mitschülerin Nevin Arslan: „Das ist ein Druckmittel gegen die Landesregierung. Dort wird immer alles beschlossen, ohne dass die Schulen nach ihrer Meinung gefragt werden“, sagt die 18-Jährige.

Die Abschlussfahrten ins Ausland seien das „Highlight vor dem Abi“, meint Tobias Zapfe. Für die Lehrer bedeuteten sie wohl eher Arbeit als Vergnügen: „Die müssen zwölf Stunden am Tag ansprechbar sein – einmal war es sogar 4 Uhr nachts“, berichtet der Abiturient von seinen Erfahrungen. Ob grundsätzlich alle Gymnasiallehrer mit ihrem Stundenpensum überlastet sind, sei ein anderes Thema. Viele bereiteten ihren Unterricht intensiv vor, andere träten „eher spontan“ vor die Schüler. „Meine Lehrer sind aber immer gut vorbereitet“, versichert der 18-Jährige.
Caro aus der 6b fände es „schon etwas ziemlich Schlimmes“, wenn Klassenfahrten künftig wegfielen. Für Fünftklässler Isan ist das alles „einfach nur doof“.

jk

Von der Gewerkschaft erhalten die protestierenden Lehrer keine Rückendeckung bei ihrer Aktion. GEW-Chef Eberhard Brandt hatte gestern in der HAZ klargestellt, dass er das Streichen von Klassenfahrten zwar für „nicht unerlaubt, aber unklug“ halte. Ziel müsse vielmehr sein, die Landtagsabgeordneten davon zu überzeugen, mehr Geld für die Unterrichtsversorgung zur Verfügung zu stellen. Sonst verschiebe sich die Diskussion auf einen Nebenkriegsschauplatz.

Erlaubt aber ist der Protest. Das stellte das Kultusministerium am Dienstag auf Anfrage klar. Zwar seien Schulfahrten ein wichtiger Bestandteil der Unterrichts- und Erziehungsarbeit in der Schule. Trotzdem aber sei laut Schulfahrtenerlass die Teilnahme an Studien- und Klassenfahrten mit Übernachtung für Lehrkräfte freiwillig. Die individuell begründete Entscheidung einzelner Lehrkräfte, keine Schulfahrten mehr zu absolvieren, müsse daher akzeptiert werden, sagt Ministeriumssprecher Schumacher: „In der Summe der Individualentscheidungen aber werden jetzt tatsächlich Fakten geschaffen.“

So sehen es die Schulleiter

Die meisten hannoverschen Schulleiter halten es aus pädagogischen Gründen für falsch, Klassen- und Studienfahrten zu streichen. Zwar gibt es bei ihnen viel Verständnis für Ärger und Verbitterung bei den Kollegen angesichts der von der Landesregierung geplanten Mehrarbeit. Trotzdem betonen die von der HAZ befragten Schulleiter den Wert der gemeinsamen Schulfahrten für die Teambildung in den Klassen und Jahrgängen, für das kollektive Schulerleben und die gemeinsame Reiseerfahrung. Ein Überblick:

Schillerschule: Als „Verzweiflungstat“ wertet Schulleiterin Beate Günther den angedrohten Klassenfahrtboykott der Elsa-Brändström-Lehrer. Er treibe einen Keil zwischen Lehrer, Eltern und Schüler. Wichtiger sei eine politische Lösung. So solle das Land doch zunächst einmal das Instrument von Schulinspektionen nutzen, um die Belastung von Lehrern im Schulalltag festzustellen. Schnell würden sie registrieren, dass man eine 45-Minuten-Unterrichtsstunde mit dem Faktor 2,5 multiplizieren müsse, um auf die tatsächliche Arbeitsbelastung zu kommen. „Und neben Klassenfahrten werden ja auch viele andere außerschulische Aktivitäten wie Projekttage, Exkursionen, Einzelgespräche mit Eltern und Schülern oder Berufsinformationsveranstaltungen nicht vergütet“, stellt Günther fest.

Sophienschule: Auf die aktuelle Mehrarbeit für Lehrer durch Inklusion und Ganztagsbetreuung verweist Leiterin Brigitte Helm. „In dieser Lage die Stundenbelastung zu erhöhen ist schwierig“, formuliert sie vorsichtig. Möglicherweise finde das Kollegium aber andere Antworten als einen Klassenfahrtboykott, um auf die Arbeitsüberlastung aufmerksam zu machen. Zudem sei das schuleigene Landheim in Hambühren sehr beliebt und – um wirtschaftlich überleben zu können – auf eine regelmäßige Auslastung angewiesen.

Goetheschule: Schon in den achtziger Jahren, erinnert sich Wilhelm Bredthauer, hätten Lehrer aus Protest gegen Stundenerhöhungen damit gedroht, freiwillige Angebote wie die Betreuung von Klassenfahrten zu streichen. Er halte dies für ein „wirkungsloses Instrument“, wenngleich die dahinter stehenden Forderungen vollkommen berechtigt seien. Bei der ständigen Mehrbelastung von Pädagogen, so auch die Meinung anderer Schulleiter, müsste es eigentlich Stundenreduzierungen für Lehrer aller Schulstufen geben und keine Aufstockung für eine einzelne Gruppe wie die Gymnasiallehrer.

Humboldtschule:Klassenfahrten sind ein wichtiger Bestandteil unserer Erziehungsarbeit“, meint Henning Lawes. Das sähen die Lehrkräfte prinzipiell genauso. Auf der anderen Seite hätten Pädagogen im Alltag immer mehr mit „unerzogenen Kindern von unerzogenen Eltern“ zu tun und müssten immer mehr therapeutische sowie organisatorische Arbeit außerhalb des Unterrichts leisten. „Wenn den Lehrern in dieser Situation noch mehr Stunden aufgebürdet werden, ist das eine Verletzung der Fürsorgepflicht des Dienstherrn“, sagt der Schulleiter mit Blick auf die Landesregierung.

miz

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