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Aus der Stadt Niedersachsen erlebt einen kleinen Bio-Boom
Hannover Aus der Stadt Niedersachsen erlebt einen kleinen Bio-Boom
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00:17 12.06.2017
Von Heiko Randermann
Neustart: Lars Nordbruch und sein Sohn Kersten setzen jetzt auf Bio-Milch.
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Hannover

Bio-Landwirtschaft? Lars Nordbruch schmunzelt: Daran habe er nie gedacht, nicht im entferntesten, beteuert der Milchbauer. Über 20 Jahre bewirtschaftete der 49-Jährige mit seiner Familie einen konventionell arbeitenden Betrieb bei Syke (Kreis Diepholz) mit 190 Kühen. Doch dann kam die Milchkrise und mit ihr eine Idee - und jetzt ist Nordbruch Bio-Bauer. Ein Umsteiger, und nicht der einzige: 2016 hat die Öko-Landwirtschaft in Niedersachsen erkennbar zugelegt.

20 Prozent mehr Öko-Fläche

Um 20 Prozent ist die Bio-Fläche in Niedersachsen gewachsen, auf 87 212 Hektar. Die Zahl der Öko-Betriebe nahm um 9 Prozent auf 1646 Höfe zu. Ein Rekordwachstum innerhalb eines Jahres, freut sich Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne). Bei insgesamt 37 800 Betrieben und 2,6 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Fläche in Niedersachsen bleibt die Öko-Landwirtschaft eine Nische im Angebot. Aber „es ist das einzige Segment, das wächst“, betont Meyer.

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Es gebe ein deutlich gestiegenes Interesse an der Umstellung auf Bio-Produktion, bestätigt Markus Mücke. Er ist Agraringenieur und berät seit 15 Jahren für die Landwirtschaftskammer Bauern, die umstellen wollen. Der Motor für die Entwicklung sei sehr häufig der wirtschaftliche Aspekt, so Mücke: „Ganz klar zum Beispiel die miesen Milchpreise.“

Das traf auch auf Nordbruch zu. Bis auf 22 Cent pro Liter war der Erzeugerpreis für den Liter Milch in den vergangenen Monaten gesunken, Gewinn machen die Betriebe aber erst bei 40 Cent. BioMilch brachte in derselben Zeit ziemlich konstant 48 oder 49 Cent pro Liter. Doch den Ausschlag gegeben haben zwei weitere Bedingungen: Nordbruch hat 188 Hektar Land und damit genug Fläche, um seine Kühe auf die Weide schicken zu können - hätte er die Fläche dazupachten müssen, hätte es sich nicht gerechnet.

Dazu richtete die Ammerländer Molkerei am Standort Oldenburg eine Bio-Molkerei ein - die erste in Niedersachsen. Und erst mit dem Abnehmer in der Nähe wurde die Produktion von Bio-Milch für ihn wie für andere Milchbauern realistisch. Die wirtschaftlichen Daten müssten stimmen, sagt Nordbruch. „Sonst stirbst du in Schönheit.“ Das rät auch Mücke den Bauern: „Wir sagen nicht einfach: Öko ist toll, mach doch. Wenn es nicht passt, dann sagen wir das auch.“

Bio ist deshalb weniger eine Frage der Einstellung als oftmals der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Wo ein Bio-Zweig wächst, gibt es Luft für andere, nachzuziehen: So ist seit 2012 die Zahl der Bio-Legehennen um 50 Prozent auf jetzt 2,2 Millionen Hühner angewachsen. „Fast jedes zweite Bio-Ei kommt mittlerweile aus Niedersachsen“, sagt Minister Meyer. Das Bio-Futter, das diese Tiere brauchen, musste aber bislang aus dem Ausland importiert werden. Vor diesem Hintergrund hat sich im Mai ein Ackerbaubetrieb im ostfriesischen Krummhörn entschlossen umzustellen: Auf 500 Hektar soll hier in Zukunft Bio-Futter wachsen. Auch die Einrichtung der Oldenburger Bio-Molkerei führte dazu, dass neben Nordbruchs Betrieb noch 44 weitere auf öko umstellten.

Niedersachsens Landesregierung will den Boom fördern und hat die Umstellungsprämie von 262 auf 403 Euro je Hektar für die ersten beiden Jahre erhöht. Das erleichtere den Übergang, sei aber für die grundsätzliche Entscheidung meist nicht entscheidend, sagt Mücke. Eher spiele da die öffentliche Meinung eine Rolle: Den Bauern gehe die fortlaufende Kritik an der konventionellen Landwirtschaft an die Nieren. „Die Diskussion hat zum Nachdenken angeregt“, sagt Nordbruch.

„Alle Routinen sind weg“

Doch mit dem Entschluss zur Umstellung beginnt erst die eigentliche Arbeit. „Alles, was ich gelernt und erlebt habe, trifft nicht mehr zu“, sagt Nordbruch. Herbizide sind zum Beispiel nicht mehr erlaubt, Unkraut muss mechanisch beseitigt werden - ohne, dass man dabei etwa den Mais kaputtsticht. „Bis vergangenes Jahr wusste, ich wie der Laden läuft. Jetzt fangen wir von vorne an, alle Routinen sind überholt“, meint Nordbruch.

Auch wenn er lange nicht daran dachte, Bio-Bauer zu werden, wirkt Nordbruch nicht wie ein Getriebener, sondern zeigt Aufbruchstimmung. Schließlich gebe es ja auch unerwartete schöne Seiten der Umstellung: „Was mir richtig Spaß macht, ist, dass wir jetzt neue Pflanzen anbauen können.“ Konventionelle Landwirtschaft konzentriert sich meist auf wenige Ackerfrüchte wie Weizen, Raps oder Rüben. „Bei uns blühen jetzt die Lupinen“, so Nordbruch - Futter für die Kühe. Der 49-Jährige hofft, dass der Bio-Boom nicht zu weit um sich greift: „Ein solches Plus darf es bei Bio nicht allzu oft geben, sonst rutscht der Preis noch in den Keller.“

Agrarminister Meyer könnte sich einen höheren Anteil vorstellen, ein festes Ziel von etwa 20 Prozent Bio-Anteil in der Landwirtschaft lehnt er aber ab. „Man kann da keine Planwirtschaft machen“, meint Meyer. Man müsse der Nachfrage folgen. „Wenn aber jedes Jahr der Bio-Verbrauch um 10 Prozent steigt, dann müssen wir das auch bedienen können. Ich will nicht, dass die Bio-Milch aus dem Ausland und die Bio-Kartoffel aus Ägypten kommt.“

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