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Aus der Stadt Niemand will mehr Schulleiter sein
Hannover Aus der Stadt Niemand will mehr Schulleiter sein
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07:41 15.05.2013
Von Bärbel Hilbig
Die Schulleiterin der Grundschule Lüneburger Damm, Elisabeth Holtkamp, in ihrem Büro. Quelle: Tobias Kleinschmidt
Hannover

Seit 33 Jahren arbeitet Elisabeth Holtkamp als Lehrerin, und sie geht weiterhin ausgesprochen gerne zur Schule. Die 57-Jährige ist für 320 Schüler und 70 bis 80 Mitarbeiter verantwortlich - für den Ganztagsunterricht verstärken etliche zusätzliche Kräfte das Lehrerteam. Holtkamp leitet seit sechs Jahren die Grundschule Lüneburger Damm, einen „kleinen mittelständischen Betrieb“, wie sie selbst es nennt. Die Schulleiterin unterrichtet selbst noch einige Stunden pro Woche, doch meist kümmert sie sich um übergeordnete organisatorische Fragen. Da geht es unter anderem darum, welches Programm zum sozialen Lernen stimmig für die Schule wäre, oder wie durch die Inklusion demnächst behinderte Kinder und Förderschullehrer in den Schulalltag eingebunden werden. „Verwaltungsarbeit, das hört sich trocken an, aber an einer Schule hat auch das viel mit Erziehung und Fürsorge zu tun.“

Doch Elisabeth Holtkamp hat ein Problem: Die Konrektorenstelle ihrer Grundschule ist seit Februar 2012 vakant und nun bereits zum vierten Mal ausgeschrieben. „Es hat sich bisher keine einzige Person gemeldet.“ Es schwingt Enttäuschung mit, wenn sie das sagt, aber auch Verständnis. Konrektor, das bedeutet viel Stress und Verantwortung für wenig zusätzliches Geld. „Die Kollegen bekommen eine ganz geringe Zulage und unterrichten 23 statt 28 Stunden pro Woche. Das steht in keinem Verhältnis zu Arbeitsaufwand und Verantwortung.“ Dennoch wirbt Holtkamp für den Job. „Gemeinsam die Schule zu leiten macht sehr viel Spaß. Wir gestalten schließlich das Lebensumfeld für Kinder und können dabei viel bewegen.“ Und das Team an der Schule arbeite sehr gut zusammen. Für normale Lehrerstellen finden sich auch immer ausreichend Bewerber.

Landesweit gibt es seit längerem Probleme, Schulleiter- und Konrektorenposten an Grundschulen zu besetzen. Die Großstadt Hannover erschien lange Zeit davor gefeit. Inzwischen zieht sich die Suche nach Nachfolgern jedoch auch hier hin, Stellen werden häufiger nicht mehr nahtlos wiederbesetzt, sondern über längere Zeit provisorisch ausgefüllt, indem Konrektoren für Schulleiter oder Lehrer für Konrektoren einspringen.

Dieses Frühjahr hat die Landesschulbehörde - bei 56 städtischen Grundschulen in Hannover - mindestens acht Konrektoren- und sechs Schulleiterstellen ausgeschrieben. Das heißt, für mindestens ein Viertel aller Grundschulen steht die Neubesetzung einer Leitungsposition an. Rund die Hälfte der Posten tauchte nicht zum ersten Mal im „Schulverwaltungsblatt“ auf. Und es ist abzusehen, dass wieder nicht jede Stelle zum Sommer neu besetzt werden kann. Wenn sich nur ein Interessent meldet, ist die Gefahr nicht gering, dass er selbst wieder zurückzieht, oder die Landesschulbehörde den Bewerber nach der Probezeit als nicht geeignet befindet.

Also sind wieder Übergangslösungen gefragt. Manchmal klappt das gut. Doch ideal ist so eine Situation aus Sicht von Eltern und Lehrern in der Regel nicht, denn wichtige Entscheidungen werden in dieser Zeit meist verschoben, Probleme nicht immer mit voller Energie angegangen.

„Dabei legt die Grundschule doch bei den Kindern die Basis für alles, was später folgt“, sagt Silke Zaepernick, Elternratsvorsitzende der Grundschule An der Uhlandstraße. Die kleine Grundschule in der Nordstadt hatte 2010 ihre langjährige Schulleiterin verloren. Für ein Jahr sprang damals der Rektor einer Nachbarschule ein. Die Nachfolgerin wollte nur ein Jahr bleiben und dann in Pension gehen. „Aber vergangenes Jahr hat sich überhaupt keiner beworben, und sie hat ihren Ruhestand verschoben“, berichtet Zaepernick. Bisher hoffen die Eltern noch auf eine Lösung bis August.

Doch für Schulleiter sind die Arbeitsbedingungen an kleinen Grundschulen wie der An der Uhlandstraße mit insgesamt nur acht oder noch weniger Klassen vergleichsweise unattraktiv: Es gibt keinen Konrektor, und der Schulleiter steht selbst rund 20 Stunden pro Woche im Klassenzimmer. „Es müssen aber alle Arbeiten wie an größeren Schulen erledigt werden“, sagt ein Schulleiter.

Der Schulleitungsverband Niedersachsen fordert deshalb für jede Schule eine Begrenzung der Unterrichtszeit der Leiter auf maximal zehn Wochenstunden - und einen ständigen Stellvertreter. „In der Arbeitszeit von Grundschulleitern wird bisher nicht berücksichtigt, dass sie mit einem Heer von Mitarbeitern umgehen“, sagt Andrea Kunkel vom Verband, die selbst die Grundschule Langenhagen-Godshorn leitet. Dazu gehören pädagogische Mitarbeiter für den verlässlichen Vormittag, Honorarkräfte im Ganztagsbereich und Assistenzkräfte für Inklusion.

Auch an größeren Grundschulen zieht sich die Neubesetzung von Leitungsstellen hin. In Bothfeld leitet bereits seit Ende 2011 die Konrektorin die Hoffmann-von Fallersleben-Schule. Zunächst war der Schulleiter längerfristig erkrankt, ausgeschrieben ist die Stelle seit Ende 2012. Als kommissarische Schulleiterin muss Konrektorin Ute Häßlein die ganze Zeit ohne Stellvertreter auskommen. Dennoch laufe das Schulleben rund. „Wir arbeiten sehr gut im Team. Die Kollegen entlasten mich bei der Stunden- und Vertretungsplanung. Das ist eine große Erleichterung.“ Häßlein selbst und ein weiterer Interessent haben sich als Schulleiter beworben. Doch steht eine Entscheidung noch aus.

Selbst die Grundschule Groß-Buchholzer Kirchweg - mit knapp 450 Kindern eine der größten in Hannover - lebt im Übergang. Der Schulleiter war lange Zeit krank, sein Stellvertreter sollte vor zwei Jahren plötzlich allein den Ganztagsbetrieb einführen. Gleichzeitig lief die Schulsanierung. „Das war eine ganz schwierige Situation. Allein ohne Konrektor ist das kaum zu schaffen“, sagt Nicole Dreyer, die die Schulleitung vor gut einem Jahr kommissarisch übernommen hat. Seitdem hat sich vieles wieder eingespielt. Dreyer konnte zwei Lehrerinnen gewinnen, die in dieser Zeit die Aufgaben des Stellvertreters übernahmen, denn Bewerber gab es nicht. Inzwischen ist endlich eine Konrektorin gefunden. Dreyer, eigentlich Förderschullehrerin, wartet jedoch weiter auf ihre Ernennung - und wird als normale Lehrerin bezahlt.

Auch Lehrer, die als Konrektoren aushelfen, beziehen nur ihr normales Gehalt. So wie Konrektoren, die als Schulleiter einspringen. „Da wird schon viel Geld eingespart. Motivierend ist das nicht“, sagt eine Betroffene. Ein Schulleiter nennt es gar „Ausbeutung von Kollegen. Manche machen das zwei Jahre lang.“

Am Groß-Buchholzer Kirchweg ist die Verunsicherung unter Eltern und Lehrern noch nicht ausgeräumt, solange die Schulleiterin nicht per Vertrag gebunden ist. Auch Elisabeth Holtkamp am Lüneburger Damm hofft weiter. „Ich wünsche mir einen Stellvertreter an der Seite, mit dem ich mich über Personalführung und Qualitätsentwicklung austauschen kann.“

Rektor für KWR in Sicht

Die Suche nach einem neuen Leiter für das Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasium (KWR) scheint im zweiten Anlauf erfolgreich zu verlaufen. Eine Frau und zwei Männer haben sich beworben. Die Kandidaten haben sich in Gesamtkonferenz und Schulvorstand auch den Elternvertretern vorgestellt, die sich danach positiv äußerten. „Wir gehen davon aus, dass aller Voraussicht nach spätestens zum neuen Schuljahr eine neue Leitung am Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasium die Arbeit aufnehmen kann“, sagt Kultusministeriumssprecherin Susanne Schrammar. Der Leitungsposten an dem altsprachlichen Gymnasium ist seit Mai 2012 nicht besetzt. An Gymnasien in der Region kommt es eher selten zu einer zweiten Ausschreibung. „Es ist unbefriedigend, dass solche Entscheidungsprozesse so lange dauern“, sagt Thomas von Hodenberg, Elternsprecher des KWR. Wenn in der Schulleitung eine Person fehle, liege alles brach. „Schulen müssen sich aber strategisch aufstellen und Entscheidungen wie den Einstieg in den Ganztagsunterricht oder das Werben für Sanierung und Umbauten langfristig angehen.“

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