Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt "Ich bin Ballführer!"
Hannover Aus der Stadt "Ich bin Ballführer!"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 13.09.2013
Stefan Schostok wohnt in der Isernhagener Straße in der List, auf nahezu bescheiden wirkenden 75 Quadratmetern im Hochparterre.
Stefan Schostok wohnt in der Isernhagener Straße in der List, auf nahezu bescheiden wirkenden 75 Quadratmetern im Hochparterre. Quelle: Michael Thomas
Anzeige
Hannover

 Von der Straße aus kann man beinahe in die Wohnung des Kandidaten sehen. 
 Stefan Schostok wohnt in der Isernhagener Straße in der List, auf nahezu bescheiden wirkenden 75 Quadratmetern im Hochparterre. Neun Parteien leben in dem Haus. Er selbst sei „leidenschaftlicher Mieter“, sagt der 49-Jährige. Altbauten seien nach seinem Geschmack und Wohnungen eben, in denen eine gewisse Nüchternheit und Funktionalität herrsche. Tatsächlich ist beides hier zu finden, und blickt man in Schostoks Küche, ist man versucht, von einer typischen Junggesellenwohnung zu reden.

Tatsächlich lebt der Kandidat für das Oberbürgermeisteramt hier allein. Er erzählt von der Trennung von einer Freundin und davon, dass danach aus ganz verschiedenen Gründen nicht viel Zeit für Privatleben gewesen sei. Im Moment schon gar nicht, jetzt im Wahlkampf heiße es nur noch „Vollgas“. Schostok, studierter Diplom-Sozialpädogoge, sitzt im längsgestreiften Hemd am Tisch, die Ärmel hochgekrempelt – er ist im Arbeitsmodus. In der Stadt, in der Kurt Schumacher nach dem Krieg den Wiederaufbau der SPD vorantrieb, will er den Chefsessel im Rathaus erobern. Er sieht sich dabei in der Favoritenrolle, nicht nur, weil Hannover seit jeher von Sozialdemokraten regiert wird. Schostok führt an, dass er schon in seiner Zeit als Fraktionsvorsitzender im niedersächsischen Landtag, von 2010 bis 2013, weit herumgekommen sei und mit „allen Verbänden in Niedersachsen“ Kontakte geknüpft und viele Gespräche geführt habe.

Tatsächlich kann man erleben, dass der Kandidat auf manchen Veranstaltungen, auch von Wirtschaftsverbänden, begrüßt wird, als sei schon klar, wer neuer Oberbürgermeister wird. In Wahrheit ist das schwer zu kalkulieren. Auffällig sind Schostoks Bemühungen, sich vom Kandidaten der Grünen deutlich abzugrenzen. Sein Programm für die zügige Sanierung und den Ausbau von Straßen passt nicht zum bisherigen rot-grünen Kurs im Rathaus und wird von den Grünen auch als eine Setzung neuer Prioritäten aufgefasst, mit der sie nicht einverstanden sind. Auf Schostoks Plakaten findet sich der Slogan „Mein Hannover“. Will er sich die Stadt aneignen? Nein, sagt Schostok, er möchte, dass alle Hannoveraner die Stadt so verstehen wie er, als „ihr“ Hannover.

Herr Schostok, Sie wohnen mitten in der List in einer ganz normalen Etagenwohnung. Geht das überhaupt, wenn man prominent ist?

In der Tat wurde ich von Hausbewohnern schon gefragt, ob ich hier wohnen bleibe, wenn ich die Oberbürgermeisterwahl gewinne. Ich hoffe sehr, dass ich das kann, denn ich schätze die Hausgemeinschaft. Die Gärten im Innenhof werden gemeinsam gepflegt, an Wochenenden grillen die Nachbarn zusammen. Leider gebe ich derzeit im Wahlkampf Vollgas, sodass ich nicht ein einziges Mal bei Gartenarbeit oder Grillen dabei sein konnte.

Ist ein solch freundliches Miteinander typisch für Hannover?

Im Grunde schon, aber leider gibt es Ausnahmen. Ich erinnere nur an den Farbbeutelanschlag auf das Haus des ehemaligen Oberbürgermeisters Stephan Weil.

Sie sind in der Südstadt aufgewachsen und wohnen jetzt in der List. Zieht es Sie manchmal in Ihr altes Viertel?

Durchaus. So schlendere ich noch immer gern über den Wochenmarkt auf dem Stephansplatz und erinnere mich daran, wie ich als Kind auf dem Gelände gespielt habe. Erst kürzlich war ich wieder dort und habe meine Broschüren verteilt. Dabei traf ich überraschenderweise meine Mutter und meine Tante. Beide wohnen auch nicht mehr in der Südstadt, lieben es aber, auf dem Markt am Stephansplatz einzukaufen.

In der List sind Sie besonders in der Künstlerszene bekannt.

In der Tat besuche ich regelmäßig verschiedene Ateliers im Viertel. Nicht nur die Werke faszinieren mich, auch die Biographien der Künstler. Viele sind gezwungen, in prekären Verhältnissen zu leben, ihre Lebensgeschichten gehen mir sehr nahe. Einige Bilder von Lister Künstlern hängen bei mir in der Wohnung.

Ist Ihre Wohnung ein privater Rückzugsraum, oder finden hier auch politische Strategiegespräche statt?

Treffen mit Fraktionsmitgliedern gab es in meinen vier Wänden noch nie. Ich habe hier mein eigenes Reich, das ich ganz nach meinem Geschmack einrichten kann: funktional, schlicht, im Bauhaus-Stil.

Sie müssen beim Gestalten Ihrer Wohnung keinerlei Rücksicht nehmen, denn Sie wohnen ja allein.

Ja, das stimmt. Um ehrlich zu sein: Ich habe derzeit so viel um die Ohren, dass ich darüber nicht wirklich unglücklich bin. Was ich gut schaffe, ist, meine zahlreichen Freundschaften zu pflegen.

Man hat im Wahlkampf den Eindruck, dass die Oberbürgermeisterkandidaten sehr freundlich miteinander umgehen. Auch Sie bemühen die Abteilung Attacke nicht so recht. Warum nicht?

Ich bin Ballführer in dem Spiel und laufe auf das Tor zu. Es liegt also an meinen Mitbewerbern, mich anzugreifen und gegebenenfalls zu stoppen. Die CDU versucht, mich persönlich zu attackieren und konstruiert einen Gegensatz: Rechtsanwalt Matthias Waldraff als „Anwalt aller Bürger“, wie es auf den Plakaten heißt, gegen den „Berufspolitiker“ Schostok.

Ärgert Sie das?

Ja. Es stimmt einfach für meine Person nicht. Ich bin bewusst erst mit 44 Jahren in den niedersächsischen Landtag gegangen, weil ich nicht ohne Berufserfahrungen Politiker werden wollte. Mit dem Aufbau solcher Gegensätze werden immer auch Vorurteile und Ressentiments gegen Berufspolitiker geschürt. Mir rieten Parteifreunde schon sehr früh, für den Landtag zu kandidieren. Ich aber lehnte zunächst ab, denn ich wollte nicht ohne Berufserfahrung in die Politik einsteigen.

Und warum reagieren Sie so nüchtern und emotionslos auf Waldraffs Angriff, wenn er Sie doch trifft?

Das hat mit meiner Rolle zu tun. Ich finde, ich muss mich schon jetzt so verhalten, wie ich es auch als Oberbürgermeister tun würde.

Also staatstragend ...

Sachlich, ruhig und mit einer Portion Humor.

Sie tun jetzt so, als seien Sie schon fast im Amt, dabei kann das Rennen noch knapp werden. Welchen Kandidaten fürchten Sie denn mehr, Matthias Waldraff von der CDU oder Lothar Schlieckau von den Grünen?

Ich sehe nicht, dass einer von ihnen mir gefährlich werden kann. Ich bin sehr optimistisch. Deshalb stelle ich auf den letzten Metern vor der Wahl noch einmal deutlich mein Profil heraus. Ich stehe sowohl für eine Kontinuität in der hannoverschen Stadtpolitik als auch für neue Ideen.

An neuen Ideen ist uns bisher vor allem Ihre Forderung nach umfangreichen Straßensanierungen aufgefallen. Haben Sie noch mehr zu bieten?

Ich möchte unter anderem ein Bündnis mit Wissenschaft, Wirtschaft, Gewerkschaften und Bildungsinstitutionen schmieden, das sich für den Verbleib und die Ausbildung von Fachkräften in Hannover einsetzt. Aber auch manche auf den ersten Blick verrückte Idee sollte zumindest diskutiert und geprüft werden, zum Beispiel die „Leinewelle“.

Die Fachkräfte hat sich Ihr Kontrahent Waldraff ebenfalls auf die Fahnen geschrieben.

Das hat er von mir übernommen. Wichtig ist mir zudem, dass wir mehr Geld in den Ausbau von Ganztagsschulen investieren. Da zeichnen sich jetzt Chancen auf Landesebene ab. Das rot-grüne Kabinett hat ein Bildungspaket in der Größe von einer Milliarde Euro für die kommenden Jahre geschnürt. Davon sind mehr als 200 Millionen Euro für den Ausbau von Ganztagsschulen vorgesehen. Daraus ergibt sich eine klare Perspektive für gebundene Ganztagsschulen in Hannover. Das sind Schulen, an denen sich Lehrerinnen und Lehrer auch mit Vereinen aus Sport und der Kultur ganztägig um Schüler kümmern.

Die CDU wirft Rot-Grün vor, die Stadt von oben herab zu reagieren. Die Kaufleute murren, weil sie etwa beim Streit um den Ausbau der Stadtbahnlinie D ausgebootet fühlen. Herrscht in Hannover eine Arroganz der Macht, wie manche meinen?

Nein, das widerspricht all meinen Erfahrungen. In der Debatte um die D-Linie, in der die Region federführend war, hat die Gesprächskultur in letzter Zeit gelitten. Das muss sich wieder ändern.

Was heißt das konkret?

Bei der D-Linie geht es jetzt um die konkrete städtebauliche Ausgestaltung, etwa in der Kurt-Schumacher-Straße. Wenn ich Oberbürgermeister werde, will ich dazu einen Dialog mit allen Akteuren initiieren.

Herr Schostok, haben Sie ein politisches Vorbild?

Willy Brandt, denn er steht für eine Reformpolitik in schwierigen Zeiten. Ich bewundere seine Weitsicht und seine friedenspolitische Initiativen.

Herr Schostok, was wollen Sie zuallererst anpacken, wenn Sie zum OB gewählt werden?

Ich möchte die Stadtentwicklung bis zum Jahr 2030 in einem Gesamtkonzept darstellen. Derzeit gibt es eine Fülle einzelner Programme, vom Mobilitätsplan bis zum Wohnkonzept. Diese Vorhaben gilt es zu integrieren und aufeinander abzustimmen. Das möchte ich ab 2014 anschieben. Zuvor will ich mich um die Straßensanierung kümmern.

Was ist Ihnen im Wahlkampf lieber, der Marktplatz oder das Podium?

Ich besuche derzeit alle 51 Stadtteile von Hannover. Das bereitet mir große Freude. Ich lerne nicht nur neue Menschen kennen, sondern frische auch alte Kontakte auf. Aber auch Talkrunden und Rededuelle machen mir Spaß.

Welches war Ihr schönstes, welches Ihr schlimmstes Erlebnis im Wahlkampf?

Besonders schön war es, den Kulturtreff Vahrenheide nach 23 Jahren wieder zu besuchen. Dort hatte ich einst als Student ein Beteiligungsprojekt ins Leben gerufen. Einige der „Stadtteildiener“, wie wir uns damals nannten, habe ich sogar wieder getroffen. Negative Erfahrungen habe ich bisher nicht gemacht.

Wie entspannen Sie sich nach einem harten Wahlkampftag?

Mein Tag dauert derzeit von 6 Uhr morgens bis 23 Uhr abends. Da bleibt nicht viel Zeit für Entspannung. Aber ich genieße es, abends die Zeitung von morgen zu lesen.

Was meinen Sie, wie wird die Wahl ausgehen?

Ich bin überrascht, mehr Zustimmung zu bekommen als ich anfangs gedacht hatte. Mein Ziel ist, möglichst im ersten Wahlgang ein Ergebnis von 50 Prozent plus X zu erreichen.

„Mein Ziel sind 50 Prozent plus x“

 Herr Schostok, was wollen Sie zuallererst anpacken, wenn Sie zum OB gewählt werden?

Ich möchte die Stadtentwicklung bis zum Jahr 2030 in einem Gesamtkonzept darstellen. Derzeit gibt es eine Fülle einzelner Programme, vom Mobilitätsplan bis zum Wohnkonzept. Diese Vorhaben gilt es zu integrieren und aufeinander abzustimmen. Das möchte ich ab 2014 anschieben. Zuvor will ich mich um die Straßensanierung kümmern.

Was ist Ihnen im Wahlkampf lieber, der Marktplatz oder das Podium?

Ich besuche derzeit alle 51 Stadtteile von Hannover. Das bereitet mir große Freude. Ich lerne nicht nur neue Menschen kennen, sondern frische auch alte Kontakte auf. Aber auch Talkrunden und Rededuelle machen mir Spaß.

Welches war Ihr schönstes, welches Ihr schlimmstes Erlebnis im Wahlkampf?

Besonders schön war es, den Kulturtreff Vahrenheide nach 23 Jahren wieder zu besuchen. Dort hatte ich einst als Student ein Beteiligungsprojekt ins Leben gerufen. Einige der „Stadtteildiener“, wie wir uns damals nannten, habe ich sogar wiedergetroffen. Negative Erfahrungen habe ich bisher nicht gemacht.

Wie entspannen Sie sich nach einem harten Wahlkampftag?

Mein Tag dauert derzeit von 6 Uhr morgens bis 23 Uhr abends. Da bleibt nicht viel Zeit für Entspannung. Aber ich genieße es, abends die Zeitung von morgen zu lesen.

Was meinen Sie, wie wird die Wahl ausgehen?

Ich bin überrascht, mehr Zustimmung zu bekommen als ich anfangs gedacht hatte. Mein Ziel ist, möglichst im ersten Wahlgang ein Ergebnis von 50 Prozent plus x zu erreichen.

Interview: Andreas Schinkel, Volker Goebel

Mehr zum Thema

Der Wahlkampf um die Spitzenposition im Rathaus gewinnt an Fahrt. Beim HAZ-Kandidatenforum im Anzeiger-Hochhaus haben die vier OB-Anwärter sich sichtlich Mühe gegeben, mit griffigen Positionen Abgrenzungen vorzunehmen.

Conrad von Meding 06.09.2013
Aus der Stadt HAZ-Forum vor der OB-Wahl - Das große OB-Duell

Knapp drei Wochen vor der Oberbürgermeisterwahl sind Matthias Waldraff (CDU), Stefan Schostok (SPD), Lothar Schlieckau (Grüne) und Maren Kaminski (Linke) im HAZ-Forum aufeinandergetroffen. 150 HAZ-Leser diskutierten im Anzeiger-Hochhaus mit, etliche Zuschauer beim Live-Stream beteiligten sich digital an der Debatte.

Conrad von Meding 05.09.2013

Im Rennen um das höchste Amt der Stadt fordern die Grünen die SPD heraus. Ihr Kandidat Lothar Schlieckau spricht im HAZ-Interview von einer historischen Chance, von seiner Liebe zur Musik und von den schönen Seiten der Stadt.

12.09.2013
Tobias Morchner 10.09.2013
Andreas Schinkel 13.09.2013