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Aus der Stadt Wie geht es eigentlich den Obdachlosen in Hannover?
Hannover Aus der Stadt Wie geht es eigentlich den Obdachlosen in Hannover?
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00:16 27.10.2015
Von Uwe Janssen
Stabilisiert: Alfred Hasse (rechts) plauscht mit Friedrich Goosmann in seinem Zimmer im Werkheim Büttnerstraße. Quelle: Thomas
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Hannover

Brunhilde hat ein Käsebrot gegessen und eine Tasse Kaffee getrunken. Sie hat den Teller auf die Tasse gestellt und hält beides mit ihren knochigen Fingern fest. Es ist warm an diesem Oktobermorgen im Kontaktladen Mecki, viel wärmer als draußen, wo viele der Besucher die Nacht verbracht haben. Doch kaum einer zieht seine Jacke aus in dem kleinen Raum, der seit 30 Jahren als Anlaufstelle für Obdachlose in Hannover dient. Auch Brunhilde behält ihre Jacke an, unter der sie einen dicken Pullover trägt.

Übernachtet hat die 74-jährige Russlanddeutsche letzte Nacht an einem warmen, öffentlichen Ort außerhalb der City. Wo, verrät sie nicht. Den Schlafplatz preiszugeben ist ein Risiko für schutzlose Menschen wie sie. Vielleicht fährt sie wieder hin heute Abend, aber sie kann es noch nicht sagen. „Was weiß ich? Nichts ist sicher“, sagt Brunhilde mit abwesendem Blick. Seit zwölf Jahren kommt sie in den Mecki-Laden. Sie hat in einem offenen Schrank ein kleines Fach, in dem sie Sachen verstauen kann, um nicht alles mitzuschleppen. Auf der Plastikwanne klebt ein kleines Schild mit der Aufschrift „Hilde“.

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Viele sitzen einfach da und schweigen

Es ist ziemlich voll im Mecki an diesem Morgen. Vier Sozialarbeiter und eine Krankenschwester haben gut zu tun mit der Versorgung der Obdachlosen, aber es wirkt alles eingespielt. Viele trinken Kaffee, einige sorgen mit einem Becher voller klein geschnittener Früchte für einen kräftigen Vitamin-C-Schub. Vorn an einem Tisch sitzt eine Gruppe Polen, drei reden, einer ist eingenickt. Auf einer Bank hat sich ein rauschebärtiger Mann hingelegt und schläft, seinen hölzernen Gehstock hält er an sich gedrückt. Viele sitzen einfach da und schweigen.

Nur einmal wird es laut, ein Besucher fängt ohne erkennbaren Anlass an zu fluchen. Kaum jemand blickt auf. Er beruhigt sich schnell wieder. Auch Brunhilde flucht, manchmal auf Russisch, manchmal auf Deutsch. Sie habe Verfolgungsängste, und sie hegt auch Verschwörungstheorien, die bis zum Ersten Weltkrieg zurückreichen. Doch dann ist sie auch schnell wieder im Hier und Jetzt: „Hunger, Ruhe und Lachen“, sagt sie, „halten gesund.“ Dieses Lachen blitzt auf, als Besucher Jens sich dazusetzt. „Hilde, mein Schatz!“, ruft er und knufft sie am Arm, „willste mich heiraten?“ Hilde freut sich sichtlich, den viel jüngeren Jens zu sehen.

Es fehlt Geld für medizinische Versorgung

„Wir freuen uns, wenn wir sehen, dass die Menschen hier bei uns auch ihre Persönlichkeit entfalten“, sagt Sozialarbeiter Pascal Allewelt. Er macht den Job seit vier Jahren. „Es ist das untere Ende der Fahnenstange“, sagt er über die Mecki-Besucher, und er sagt: „Man muss aufpassen, dass diese Menschen in der ganzen Flüchtlingsdebatte nicht vergessen werden.“ Nach der Arbeit im Kontaktladen geht es für ihn und seine Kollegen auf der Straße weiter. „Wir gucken nach den Leuten, befragen sie nach ihrem Zustand, informieren über die Möglichkeiten, die sie haben.“

Je näher der Winter rückt, desto wichtiger wird eine Einrichtung wie das Mecki. Morgens von 8 bis 11 Uhr, am Ende der kalten Nächte, kann man sich hier versorgen lassen, mit Essen, Trinken, Wärme und auch bei kleinen Wehwehchen: Blessuren der Nacht, Entzündungen durch Verunreinigung, jetzt auch wieder vermehrt Läuse.

Dass gerade für die medizinische Versorgung Geld fehlt, betont Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes nicht nur, wenn wie beim 30-jährigen Mecki-Jubiläum vor Kurzem Vertreter der Politik und der Stiftungen zuhören. Auf rund 35.000 Euro beziffert der Leiter des Diakonischen Werks, das den Mecki-Laden betreibt, das finanzielle Loch und hofft auf Spenden, denn „es gibt Anzeichen von Verelendung“.

Lieber draußen schlafen als in Notunterkünften

Rund 3000 Obdachlose gibt es in der Stadt. Besonders hart ist die kalte Jahreszeit für diejenigen, die draußen schlafen, „Platte machen“, von etwa 400 gehen die Sozialarbeiter derzeit aus, gut ein Viertel davon sind Frauen. Die 900 Plätze in den städtischen Wohnheimen und die stationären Einrichtungen sind voll, und wie der Flüchtlingszustrom die Situation beeinflusst, vermag zu diesem Zeitpunkt noch niemand zu sagen.

Fest steht, dass sich die Zusammensetzung der auf der Straße Lebenden geändert hat. Waren es noch vor Jahren viele Südosteuropäer, Roma-Familien aus Rumänien oder Bulgarien, leben neben den Deutschen mittlerweile vermehrt Osteuropäer, vor allem Letten und Polen, auf hannoverschen Straßen. „Sie haben nichts, keinen Leistungsanspruch, keine Krankenversicherung, keinen Anspruch auf Anschluss ans Hilfesystem.

Offiziell haben sie Touristenstatus“, sagt Sozialarbeiter Allewelt. Aus humanitären Gründen werde ihnen im Winter ermöglicht, in Notunterkünften zu übernachten, wie es sie an der Wörthstraße oder der Schulenburger Landstraße gebe. „Aber sie fallen durch alle Raster. Sie gehen unter.“ Und manchmal nehmen sie nicht einmal die Notunterkünfte in Anspruch, was die Mecki-Sozialarbeiter sogar verstehen können. „Die Zustände sind teilweise unter aller Kanone. Gewalt, Alkoholismus, Ungezieferbefall. Da schlafen manche lieber draußen.“

Winternotfallplan soll schlimmeres verhindern

Und sie suchen sich auch neue Schlafplätze. Viele Osteuropäer campieren nach einem aktuellen Bericht des Umweltausschusses in hannoverschen Parks – zum Verdruss der Parkranger, die ihnen – wegen der Sprachbarriere oft mit Händen und Füßen – erklären müssen, dass das in Deutschland verboten ist.

Ein Winternotfallprogramm, von Diakonischem Werk, Johannitern und der Selbsthilfe für Wohnungslose (Sewo) betreut, soll Schlimmstes verhindern. Dazu gehört auch, per Flyer an die Hilfsbereitschaft und Wachsamkeit der Bürger zu appellieren, wenn sie einen Wohnungslosen bei Eiseskälte in bedenklichem Zustand entdecken.

Dass die Wohnungslosen unabhängig von Kälte und Krankheit gefährlich leben, zeigen immer wieder Überfälle. Trauriger Höhepunkt in diesem Jahr war der gewaltsame Tod eines wohnungslosen Letten, der Anfang September in einer Waldbaracke in Bothfeld erschlagen wurde.

Auch Alfred Hasse hat lange auf der Straße gelebt. Ironischerweise hat ein Sturz im Vollrausch seine Situation verändert. „Irgendwo haben sie mich gefunden, ich bin im Krankenhaus wieder aufgewacht. Als ich entlassen wurde, hat der Sozialdienst geguckt, wo was frei ist. So bin ich in der Büttnerstraße gelandet.“ Mehr als „Büttnerstraße“ muss man nicht sagen, jeder in der Szene weiß, dass das Werkheim gemeint ist, eine Einrichtung für wohnungslose Männer. Das große Haus, das von Land, Stadt und anderen Trägern finanziert wird, ist ganzjährig 24 Stunden aufnahmebereit für Hilfsbedürftige, aber keine Notunterkunft.

Geringe Jobchancen

214 Männer kann der Gebäudekomplex nahe der Vahrenwalder Straße in Einzelzimmern beherbergen, vorübergehend oder dauerhaft. Manche bleiben drei Tage und sind wieder weg, andere wie Alfred Hasse bleiben länger. Der 53-Jährige aus Stadthagen ist seit zweieinhalb Jahren hier, er hat sich stabilisiert und gerade „eine positive Rückmeldung vom Jobcenter bekommen“. Altenbetreuung vielleicht, ein Vorstellungsgespräch steht an. Dann sei vielleicht auch eine eigene Wohnung drin. „Aber in Hannover ist das schwer. Die kennen alle die Adresse hier. Da bist du gleich abgestempelt.“ Dieses Problem kennt Astrid Rehmert seit Jahren. „Selbst unter Wohnungslosen kursiert das Gerücht, dass wir hier noch große Schlafsäle haben“, sagt die Sozialdienstleiterin im Werkheim. 

Für Mecki-Stammgast Jens wäre so ein Wohnheim nichts. „Ich würde am liebsten auch hier alle Türen aufreißen“, sagt der kräftige Mann mit dem Vollbart, der neben Hildegard im Mecki-Laden hockt und seine Wollmütze zurechtrückt. Er halte es in geschlossenen Räumen einfach nicht lange aus. „Alles dreckig, alles voller Bazillen.“ Frische Luft sei das Wichtigste für ihn. Auf der Straße zu leben sei seine freie Entscheidung, behauptet Jens, der früher als Handwerker sein Geld verdient hat und „viel auf Montage“ war. Der Mecki-Laden sei eine wichtige Anlaufstelle und für einen wie ihn auch eine Möglichkeit, sich zu unterhalten. Es sei nicht alles schlechter geworden, sagt Jens. Dann ist es 11 Uhr. Der Kontaktladen schließt. Alle ziehen mit ihren Sporttaschen, Rollkoffern und Plastiktüten ihrer Wege.

Brunhilde hat ihren Platz gefunden. Spätabends sitzt sie mit ihren zerschlissenen Schuhen wieder außerhalb des Zentrums an ihrem warmen Platz, schweigt und denkt. „Ich schlafe nicht“, sagt sie. Das sei gefährlich. Aber sie wird Ruhe finden in dieser Nacht. Heute hat sie von einem Taifun in Südostasien gehört. Die Menschen dort, sagt sie, täten ihr leid.

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