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Aus der Stadt Oberbürgermeister Stephan Weil im HAZ-Interview
Hannover Aus der Stadt Oberbürgermeister Stephan Weil im HAZ-Interview
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21:03 06.10.2010
Oberbürgermeister Stephan Weil im HAZ-Interview.
Oberbürgermeister Stephan Weil im HAZ-Interview. Quelle: Rainer Surrey
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Herr Weil, wie sieht Hannover im Jahr 2030 aus, wie viele Kinder ohne Migrationshintergrund wird es geben?
Am besten gefiele mir, wenn die Frage nach dem sogenannten Migrationshintergrund – ein Begriff, den ich nicht mag – dann überhaupt nicht mehr gestellt wird. Ausländische Namen würden als etwas völlig Normales betrachtet. Hannover wird bunt sein. Schon jetzt stammen 45 Prozent der hannoverschen Babys aus Einwandererfamilien, die in 20 Jahren selbst Eltern sind. Daran zeigt sich: Deutschland ist ein Einwanderungsland, aber das wurde erst im Jahr 2000 mit dem Aufenthaltsgesetz anerkannt. Im Grunde hat Deutschland ein Vierteljahrhundert in der Einwanderungspolitik verschlafen.

Gilt das auch für Hannover?
Ja, obwohl sich Hannover immer um die Förderung von Toleranz und Bildung bemüht hat. Dass aber die Frage der Integration eine Schlüsselposition für die Entwicklung unserer Gesellschaft einnimmt, ist erst in den vergangenen zehn Jahren in den Köpfen gereift.

Derzeit ist viel von Integrationsverweigerern die Rede. Ein Problem, dem sich auch Hannover stellen muss?Zunächst ist „Integrationsverweigerer“ ein schwieriger, ein schillernder Begriff, bei dem keiner genau weiß, was er bedeutet. Wir tun hier in Hannover, was wir können, etwa durch den Bau von Familienzentren oder die Einrichtung offener Ganztagsschulen. Durch solche Angebote werden Kinder gezielt gefördert, und in den Familienzentren werden auch die Eltern angesprochen.

Wenn Migranten den Angeboten des Staates den Rücken kehren, hat das auch damit zu tun, dass sie sich in sogenannten Parallelgesellschaften – ein weiteres Schlagwort – eingerichtet haben. Wie kann die Stadt das verhindern?
Eltern sollten ihre Kinder früh in die Kindertagesstätten geben, dazu rate ich bei meinen regelmäßigen Moscheebesuchen immer wieder. Dort fällt mir im Übrigen auf, dass sich die Moscheen gewissermaßen selbst ausschließen und nicht genügend auf die Menschen in ihren Stadtteilen zugehen. Hier würde ich mir mehr Offenheit wünschen. Aber wir verzeichnen einen deutlichen Zuwachs von Migranten, die ihre Kinder in Betreuungseinrichtungen anmelden, da hat sich in den vergangenen zehn Jahren viel verändert.

Als wichtig gilt, dass Migrantenkinder frühzeitig die deutsche Sprache lernen. Wie kann das umgesetzt werden?
Die vorschulische Sprachförderung ist Sache des Landes. Das Problem ist, dass die Kinder dafür in die Schulen gebracht werden müssen. Es wäre besser, wenn das Land die Sprachförderung direkt in die Kitas verlagern würde.

In Hainholz, einem Stadtteil mit hohem Ausländeranteil und viel Armut, gibt es aber lange Wartelisten für einen Kita-Platz. Was läuft da schief?
In Hainholz beträgt die Versorgung mit Kita-Plätzen, für die es ja einen Rechtsanspruch gibt, nahezu 100 Prozent, genauer gesagt 98,2 Prozent. Aber bestimmte Einrichtungen, etwa das Familienzentrum, werden besonders nachgefragt. Dort gibt es tatsächlich Wartelisten, aber wir können eben nicht Plätze für alle in der jeweiligen Wunschkita vorhalten.

In manchen Stadtteilen ist der Ausländeranteil besonders hoch, ebenso in den dort ansässigen Grundschulen. Was kann getan werden, um hier eventuell eine bessere Durchmischung zu erreichen?
Zunächst ist festzuhalten: Die Zahl der Migrantenkinder sagt noch nichts über die Qualität einer Schule aus. So habe ich die Albert-Schweitzer-Schule in Linden-Nord als eine sehr gute Schule kennengelernt. Dort liegt der Anteil an Zuwandererkindern bei mehr als 70 Prozent mit 18 verschiedenen Nationalitäten. Aber so weit es uns möglich ist, ändern wir die Einzugsgebiete einer Schule. So haben wir das soziale Wohnungsbauprojekt „Spargelacker“ bewusst dem Stadtteil Kirchrode zugeordnet. Ich halte aber gar nichts davon, zum Beispiel Kinder aus Mühlenberg jeden Morgen mit dem Bus nach Kirchrode zu befördern, damit dort die Mischung stimmt.

Im Sahlkamp hat sich in diesem Jahr gezeigt, dass es zu erheblichen Konflikten zwischen den Bevölkerungsgruppen kommen kann. Arabischstämmige Kinder haben dort bei einem Kulturfest jüdische Tänzer mit Steinen beworfen. Keimt in bestimmten Milieus ein neuer Antisemitismus auf?
Der Vorfall damals hat mich schockiert. Aber jetzt, nach sorgfältiger Untersuchung, sehen wir klarer. Der Angriff ist im Umfeld einiger weniger Familien entstanden, er kann also nicht auf die soziale Struktur eines ganzen Stadtteils zurückgeführt werden. Diese Form von Antisemitismus hat sehr viel mit dem Konflikt im Nahen Osten zu tun und ist aber vor allem auch Ausdruck eines leider verbreiteten alltäglichen Rassismus. Um dem zu begegnen, bereitet ein Bündnis verschiedener Institutionen im Stadtteil vielfältige Aktivitäten unter dem Oberbegriff „Respekt“ vor.

Muss man also feststellen, dass es auch in Hannover noch erhebliche Defizite gibt, was die Integration von Migranten betrifft?
Hannover ist die Heimat von Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft. Ich wünsche mir, dass sich Migranten mehr am gesellschaftlichen und am politischen Leben dieser Stadt beteiligen. So sitzen im Rat noch immer zu wenig Vertreter, die ausländische Wurzeln haben. Ein anderes Beispiel: In den Kleingartenvereinen liegt der Anteil von Zuwanderern bei zehn bis 40 Prozent. Die Vereinsvorstände berichten mir, dass es überhaupt keine Probleme mit den Migranten gebe, aber am Vereinsleben beteiligten sie sich kaum. Die Menschen aus Einwandererfamilien neigen allzu oft dazu, sich abzuschotten, das sollte sich ändern. Aber auch wir müssen ihnen entgegenkommen.

Der Bundespräsident hat in seiner Rede betont, der Islam gehöre zu Deutschland. Gehört er auch zu Hannover?
Ich bin Anhänger eines in religiöser Hinsicht neutralen Staates. Jeder kann seiner Religion nachgehen, wenn er sich an die Regeln hält. Es muss darum gehen, dass alle in Deutschland lebenden Menschen – egal welcher Herkunft – hier ihre Heimat finden können. Ich fühle mich jedenfalls als Oberbürgermeister aller Hannoveraner, aber das ist eigentlich selbstverständlich.

Interview: Andreas Schinkel, Volker Goebel

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