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Aus der Stadt „Kein großer Tag für die Familie“
Hannover Aus der Stadt „Kein großer Tag für die Familie“
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00:17 02.07.2017
Von Michael B. Berger
Oberlandeskirchenrat Professor Christoph Künkel Quelle: dpa/Schulze
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Hannover

Herr Künkel, sogar evangelische Bischöfe jubeln über die Aussicht, dass am Freitag der Bundestag die „Ehe für alle“ beschließen wird - also die völlige Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften mit der herkömmlichen Ehe. Nur der Chef der Diakonie in Niedersachsen, also Sie, kann sich in diesen allgemeinen Freudentaumel nicht einreihen. Warum nicht?

Nicht, weil ich etwas gegen das voraussichtliche Ergebnis der Abstimmung im Bundestag habe. Aber wer von der „Ehe für alle“ redet, muss auch von Familie reden. Die aktuelle Debatte greift entschieden zu kurz. Wer sich den Artikel 6 des Grundgesetzes anschaut, wo es heißt, Ehe und Familie stünden unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes, muss zur Kenntnis nehmen, dass die weiteren Absätze von den Kindern handeln.

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Was heißt das?

Die gesamte Debatte unterschlägt, wenn sie nur die „Ehe für alle“ propagiert, den Schutz der Familie. Also: Ich begrüße, wenn es so etwas geben wird wie die „Ehe für alle“. Dabei darf aber die eigentliche Intention des Grundgesetzes nicht vergessen werden, nämlich die Familie zu schützen.

Was bedeutet denn nach Ihrer Auffassung Familie?

Eine Ehe wird zur Familie durch Kinder, die aus einer Beziehung hervorgegangen sind. Die dann in einer Lebensgemeinschaft leben. Da passiert es leider, dass Beziehungen auch auseinandergehen, was nicht selten vorkommt. Aber dann existiert immer noch die Familie. Nun ist es zwar so, dass die Ehe steuerlich privilegiert wird - auch wenn sie kinderlos bleibt. Aber wenn jemand alleinerziehend ist, ist das keineswegs so. Dann ist man plötzlich wieder Steuerklasse 1, obwohl noch Kinder da und zu versorgen sind. Das finde ich ungerecht, zumal das Armutsrisiko für diese Gruppe sehr hoch ist.

Wie hoch?

Nach den Erkenntnissen des Statistischen Landesamtes in Niedersachsen liegt es bei 46,6 Prozent. Das heißt, fast die Hälfte aller niedersächsischen Alleinerziehenden - in Niedersachsen sind das immerhin etwa 250 000 Menschen - leben am Rande des Existenzminimums. Da müsste man ansetzen, denn letztlich betrifft die „Ehe für alle“ nur eine vergleichsweise kleine Gruppe, während die Armut der Alleinerziehenden schon ein großes Problem ist.

Hat der Bundestag heute also aus Ihrer Sicht das falsche Thema auf der Tagesordnung?

Nicht dass Sie mich missverstehen: Ich begrüße es, wenn künftig Diskriminierungen von Homosexuellen noch stärker abgebaut werden, etwa was die Adoption von Kindern betrifft. Aber wir dürfen nicht vergessen, uns Gedanken darüber zu machen, wie Familien besser zu schützen sind. Es fehlt mir also der Zielpunkt, dass Ehe immer auf Familie abzielt, zumindest was das Grundgesetz betrifft. Und da haben wir ohne Frage sozialpolitisch Nachholbedarf. Im Vergleich zu der Besteuerung von Alleinerziehenden ist es ungerecht, dass Ehen ohne Kinder genauso behandelt werden wie Ehen mit Kindern. Deshalb ärgere ich mich auch, weil die Debatte zu kurz greift.

Sie sind Theologe. In der Bibel ist die Ehe eindeutig als Gemeinschaft von Mann und Frau beschrieben. Sind derartige Modelle wie die „Ehe für alle“ da nicht unbiblisch?

Ich bin froh, dass wir derartige Diskussionen überwunden haben und einen Schritt weiter sind, aber darüber darf eben die Familie nicht vergessen werden. So ist es sicherlich ein großer Tag für Schwule und Lesben, wenn an diesem Freitag im Bundestag die „Ehe für alle“ beschlossen wird. Aber noch kein großer Tag für die Familie.

Interview: Michael B. Berger

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