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Aus der Stadt Oliver Kalkofe: „Ich war viel zu lange nicht mehr hier“
Hannover Aus der Stadt Oliver Kalkofe: „Ich war viel zu lange nicht mehr hier“
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00:15 03.12.2012
Von Sonja Fröhlich
"Der Sinn des Fernsehens hat sich komplett gedreht": Oliver Kalkofe. Quelle: Etienne Lehnen
Hannover

Hallo, Herr Kalkofe, Sie haben zum Gespräch in das Funkhaus von ffn in Hannover eingeladen. Hier wurde damals das legendäre Frühstyxradio produziert. Dürfen wir auf ein Comeback hoffen?

Nein, so ist das leider nicht gemeint, obwohl ich persönlich nichts dagegen hätte. Ich habe wahnsinnig schöne Erinnerungen an die Zeit in Hannover, es war die prägendste und wichtigste Zeit für mich. Ich war schon viel zu lange nicht mehr hier.

Das klingt sentimental.

Das war ja auch damals eine Aufbruchzeit. Beim Frühstyxradio haben die Leute Radio gehört wie in den fünfziger Jahren. Dafür sind sie am Sonntag um 9 Uhr aufgestanden. Dafür haben sich Autofahrer auf den Autobahnraststätten im Sendegebiet versammelt. Da hat sich gezeigt, welche Macht Medien theoretisch haben können. Aber so eine Sendung ist heute leider nicht mehr denkbar.

Warum nicht?

Für so ein Projekt braucht es Mut, Zeit und viel Geld. Damals waren wir fünf Mitarbeiter, die in Vollzeit fast nur damit beschäftigt waren, für die Sendung am Sonntag zu produzieren. Wir haben Geschichten zum Hören erzählt, nicht wie heute Beiträge zum Durchhören, die höchstens zwei Minuten lang sein dürfen. Egal ob TV oder Radio, es wird immer schwieriger, überhaupt noch kreativ zu sein und Sendungen zu produzieren. Es gibt nur noch die großen Blockbuster oder ganz kleine Projekte. Das ganze Mittelfeld bricht weg - vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender trauen sich an nichts mehr ran.

Deshalb machen Sie Ihr eigenes Format. Seit Oktober läuft „Kalkofes Mattscheibe reloaded“ auf Tele 5, die Produktion finanzieren Sie selbst. Läuft das denn?

Weil wir immer an die Notwendigkeit und den Spaß von „Kalkofes Mattscheibe“ geglaubt haben, haben wir mit der Produktionsfirma Rat Pack die Finanzierung selbst in die Hand genommen. Tele 5 ist unser wichtigster Partner, Yahoo kam für den Onlinebereich dazu, aber Pay-TV brach weg, und jetzt haben wir noch eine Lücke, aber wir arbeiten trotzdem weiter und steigen nun auch in Kooperation mit Amazon ins Crowdfunding (Schwarmfinanzierung; d. Red.) ein. Jeder kann etwa mit 20, 50 oder 100 Euro Ko-Produzent der „Mattscheibe“ werden, dafür bekommt er jede Menge exklusive Überraschungen, Fanartikel, Videobotschaften und und und. Außerdem werde ich mich auf der nächsten DVD namentlich bei jedem persönlich bedanken. Firmen können sogar ganze Folgen präsentieren.

Das klingt tatsächlich nach Hilferuf.

Das müssen wir nicht schönreden. Wenn es noch wie früher wäre, müssten wir das alles nicht machen. Die Fans mit ins Boot zu holen ist inzwischen leider bei Film und TV fast unerlässlich, um überhaupt produzieren zu können. Und mir ist die Sendung wichtig genug, um dafür zu kämpfen.

In Ihrer Sendung haben Sie es böswillig auf doof machendes Fernsehen abgesehen. Wann haben Sie zuletzt etwas Gutes gesehen?

Ich kann mich kaum erinnern. Momentan muss ich ja ausschließlich den Schwachsinn sehen, je schlimmer, desto mehr davon!

Was rangiert da derzeit ganz oben?

Das Allerschlimmste ist das Elend im Nachmittagsprogramm. All diese Verdachtsfälle, Betrugsfälle und Durchfälle. „Bauer sucht Frau“, „Schwer verliebt“ oder wie sie alle heißen. Alle gleich produziert, austauschbar, furchtbar. Früher habe ich mich vor den Fernseher gesetzt, um aus der Realität zu fliehen, um bei „Ein Colt für alle Fälle“, bei „Bonanza“ oder „Raumschiff Enterprise“ eine Welt zu sehen, die ich toll finde. Heute besteht Fernsehen aus Welten mit Menschen, die ich nicht kennenlernen möchte. Der Sinn des Fernsehens hat sich komplett gedreht, man möchte nicht mehr ins Fernsehen fliehen, sondern davor wegrennen. Wer krank oder arbeitslos wird und auf den Kasten angewiesen ist, hat gleich doppelt verloren.

Stattdessen sollen Sie großer Facebook-Fan sein.

Das stimmt. Da bin ich mein eigener Chef. Bei facebook.com/kalkofe schreibe ich selbst, und jeden Tag gibt es einen „Mattscheiben“-Clip. Auf meiner Seite werden auch die alten Frühstyxradio-Fans wieder zusammengeführt.

Apropos: Was machen Sie denn nun bei ffn?

Dietmar Wischmeyer, Asso (Klaus-Dieter Richter; d. Red.) und ich nehmen gemeinsam ein paar Sachen auf, etwa für die Frühstyxradio-Weihnachtssendung. So ist jetzt zumindest noch einmal die halbe Familie zusammen. Auch in meinen früheren Stammläden am Hauptbahnhof bin ich sehr nett empfangen worden. Der Chinese wusste noch, dass ich am liebsten Rindfleisch mit Zwiebeln esse, und auch am Espressostand bin ich mit „Hallo Olli“ empfangen worden. Aus lauter Freude habe ich dann meinen Koffer dort vergessen. Er stand da aber noch, als ich zurückkam.

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