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Aus der Stadt Onkel Ollis Wundertüte
Hannover Aus der Stadt Onkel Ollis Wundertüte
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20:12 04.07.2013
Von Andreas Schinkel
Im Kiosk von Marc Oliver Schrank gibt es 200 Biersorten, 100 verschiedene Limos, etliche Weine – und inzwischen auch politische Satire.Wallmüller
Im Kiosk von Marc Oliver Schrank gibt es 200 Biersorten, 100 verschiedene Limos, etliche Weine – und inzwischen auch politische Satire.Wallmüller Quelle: Michael Wallmueller
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Hannover

Der Laden ist voll, wieder einmal. Die Kunden drücken sich im Halbdunkeln zwischen Getränkekästen herum, bleiben vor Regalen mit Unmengen von Bierflaschen stehen. „Onkel Olli, hast du noch dieses bayerische Starkbier, das ich so gern mag?“, fragt eine junge Frau. Der Mann hinter dem Tresen mit dem orangefarbenen T-Shirt schüttelt den Kopf, greift aber zielsicher ins Regal. „Das hier schmeckt ähnlich“, sagt er. Die Frau vertraut ihm blind und bezahlt.

Marc Oliver Schrank betreibt mehr als nur einen Kiosk. Der Laden gegenüber der Lutherkirche ist ein Stadtteiltreff. Hier, mitten im Nordstädter Kiez, versammelt sich an lauen Sommerabenden die Szene. Asymmetrische Frisuren, Tätowierungen, Nieten und Piercings gehören zum Dresscode. Man hält einen Schwatz, tauscht Neuigkeiten aus dem Viertel aus. „Das ist hier wie auf’m Dorf“, sagt Martin, der jeden Feierabend bei „Onkel Olli“ vorbeischaut. Seit vier Jahren betreibt Schrank seinen Kiosk, 13 Stunden am Tag. „Ich habe nie geschlossen außer am Neujahrstag. Da wollen die Leute komischerweise kein Bier trinken“, sagt der 33-Jährige. Mehr als 200 Biersorten hat er im Angebot, hinzu kommen rund 100 verschiedene Limonaden sowie etliche Weine. „Der Olli hat alles“, sagt ein Stammkunde.

Doch Kultkiosk allein scheint Schrank nicht mehr zu reichen. Er kämpft jetzt um nichts Geringeres als den Einzug in den Bundestag. „Wenn ich erst mal gewählt bin, werde ich mir richtig die Taschen vollstopfen“, sagt er und verzieht keine Miene.

Schrank kandidiert für die Satire­partei „Die Partei“ und sammelt Unterschriften, um den wahlrechtlich vorgeschriebenen „Rückhalt in der Bevölkerung“ zu dokumentieren. 2000 Unterstützer muss „Die Partei“ in Niedersachsen vorweisen, zwei Drittel sind schon zusammen. Formal soll alles korrekt laufen, um bei der Bundestagswahl am 22. September zugelassen zu werden. Gleichwohl zeigt ein Blick ins Programm, dass es der Partei nicht um ernst gemeinte politische Forderungen geht, sondern darum, den etablierten Parteien einen Zerrspiegel vorzuhalten. Von „Einführung der Faulenquote“ ist die Rede und einem „G 1 Schulsystem“ mit Abitur nach der 5. Klasse. Das gewährleiste eine frühe Integration in den Arbeitsmarkt. Gegründet hat die Anti-Partei der ehemalige Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“, Martin Sonneborn.

Was als großer Spaß beginnt, kann im Ernst enden. So hat es „Partei“-Mann Bastian Langbehn bis ins Lübecker Parlament geschafft. 1,3 Prozent der Stimmen reichten, um aus dem Politclown einen Abgeordneten zu machen, der sich jetzt mit „Bürgeranfragen“ und „Bauleitplanungen“ herumschlägt.

So weit denkt Schrank nicht. Denn damit Onkel Olli auf einer Bank im Bundestag Platz nehmen darf, muss „Die Partei“ die Fünf-Prozent-Hürde überspringen - eine Utopie. Immerhin hat es der Kiosk-Mann bis zum Landesvorsitzenden gebracht. Der Begriff „Spaßpartei“ führe völlig in die Irre, meint er, denn der Titel sei für die FDP reserviert.

Onkel Olli ist weder Kabarettist noch Selbstdarsteller. Mit seinem gescheitelten Haar, der geometrischen Hornbrille und dem ernsthaften Gesicht wirkt er geradezu brav. Tatsächlich ist es ihm ernst - nicht so sehr mit dem Bundestagsmandat, vielmehr mit der politischen Satire. „Frau Merkel sagt, die CDU mache die beste Politik für die Menschen“, erzählt Schrank. Das sei ein inhaltsleerer Satz. „Deshalb sagen wir einfach: ,Die Partei’ ist sehr gut‘“.

Nicht nur die Phrasen der Berufspolitiker gehen dem Kioskinhaber auf die Nerven. Er beklagt, dass die Mandatsträger den Kontakt zum Alltagsleben der Menschen verloren haben. „Ich dagegen stehe mitten im Kiez und sage: Wir wollen, was die Menschen wollen.“ Wieder vermisst man ein schelmisches Grinsen bei einem solchen Satz, aber Onkel Olli muss auch schon den nächsten Kunden bedienen, der nach einer herben Biersorte aus den USA fragt.

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