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Aus der Stadt Pädagogen berichten von Mobbing gegen deutsche Schüler
Hannover Aus der Stadt Pädagogen berichten von Mobbing gegen deutsche Schüler
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23:33 12.10.2010
Von Felix Harbart
Wer ist Freund, wer ist Feind? Die Schülerschaft teilt sich in Gruppen auf – wer die Mehrheit hat, hat das Sagen. Quelle: dpa

Deutschenfeindlichkeit? Mit dem Wort können die beiden jungen Türken, die auf dem Bolzplatz des Freizeitheims Stöcken hinterm Tor stehen, nichts anfangen. „Was soll das sein?“, fragen sie.

Die Frage ist gut, man könnte vielerlei darauf antworten. Dass es ein Neologismus ist, eine Wortschöpfung als Ausfluss der sich derzeit stets weiter- und oft um sich selbst drehenden deutschen Integrationsdebatte. Oder vielleicht, dass es ein Schlagwort der jungen Bundesfamilienministerin Kristina Schröder ist. Ein Thema wie eines, wenn einer kein rechtes Thema hat. Oder man sagt: „Na ja, wenn türkische Schüler deutsche Mitschüler mobben, weil sie Deutsche sind. Wenn sie sie ,Kartoffel‘ nennen oder ,Schweinefresser‘.“ Der junge Türke prellt seinen Ball auf den Boden und zuckt mit den Schultern. „Na klar gibt es das. Was soll daran besonders sein?“

Seit der Berliner Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) den Rassismus gegen deutsche Schüler und Lehrer zum Thema einer Tagung gemacht hat, ist die Diskussion um Migration in Deutschland um eine Facette reicher. Dass das Problem, das seit der vergangenen Woche auf den Namen „Deutschenfeindlichkeit“ hört, in Berlin an Brennpunktschulen virulent ist, bestreitet unter Pädagogen und Politologen kaum jemand. Und in der Provinz? Für Niedersachsen und Hannover könne er Probleme wie die in Berlin-Neukölln „in dieser Schärfe nicht bestätigen“, sagt Richard Lauenstein, Sprecher des GEW-Landesverbandes Niedersachsen. Sicher gebe es „Ressentiments auf beiden Seiten“. Von Mobbingverhältnissen wie in Berlin sei ihm aber nichts bekannt.

Am Stöckener Markt sitzen zwei Mädchen auf einer Bank, Teenageralter, die Augenlider sorgfältig geschminkt. Die Frage nach der sogenannten Deutschenfeindlichkeit hat für sie offensichtlich etwas Naives. „Natürlich gibt es das, vor allem, wenn die Deutschen in der Unterzahl sind“, sagt eine. Also dort, wo es eine „ethnisch-soziale Unterschichtenkonzentration“ gibt, wie es der Politologe Stefan Luft von der Uni Bremen ausdrückt.

Genau das haben die beiden Mädchen von der Parkbank erlebt. Nicht nur hier in Stöcken, auch auf einer Schule in Döhren, sagen die beiden, die selbst griechische Wurzeln haben. Dort täten sich die Ausländer zusammen, über die Nationalitäten hinweg. Dann, so klingt das, wird die Schülerschaft in Gruppen eingeteilt. In die von uns, in die Streber, in die Deutschen. „Alle möglichen Leute kriegen Ärger mit denen“, sagt eine der Schülerinnen. „Wer zu gute Noten hat, wer billige Klamotten trägt, wer nicht wie sie Ausländer ist.“

Das alles ist für den Bremer Wissenschaftler Luft „überhaupt nichts Neues“. Aber es wird offenkundiger. „In Städten schreitet die soziale Polarisierung stark voran“, sagt Luft und meint, dass die Gräben tiefer werden. Ein Schulhof in einem Problemviertel wirkt da wie ein Brennglas. „Seit 30 Jahren schon ist die schulische Segregation noch stärker als die wohnliche.“ Wer es sich leisten könne, gehe woanders hin – erst auf eine andere Schule, dann in ein anderes Viertel. Was bleibe, seien Schulen mit 80 Prozent Migrantenanteil.

„Hier sind die ausländischen Jugendlichen einmal nicht mehr die Minderheit, nicht mehr in der Defensive“, sagt Luft.

Was die Ministerin als „Deutschenfeindlichkeit“ in die Migrationsdebatte eingespeist hat, klingt aus dem Mund des Politologen eher wie ein konsequentes Befolgen der Spielregeln auf dem Schulhof: Wer die Mehrheit stellt, hat die Hosen an. Dann haben unter Umständen nicht nur die Deutschen an einer Schule schlechte Karten, sondern auch die, die sich um Erfolge im deutschen Schulsystem bemühen. „Die Migranten, die als anpasserisch gelten, sind dann oft Repressalien ausgesetzt“, sagt Luft. Das alles gebe es nicht nur in Berlin, sondern auch in Städten wie Bremen oder Hannover.

Die Erkenntnisse des Wissenschaftlers decken sich mit den Erfahrungen, die Hans-Jürgen Maurer, Geschäftsführer des Verbands Niedersächsischer Lehrkräfte, auch in der Region Hannover gemacht hat. „Sicher werden deutsche Schüler von ausländischen mitunter beschimpft – und umgekehrt“, sagt er. „Was nach innen kommt, geht eben auch mal nach außen.“

Marion Frontzek ist Leiterin der Grundschule Salzmannstraße in Linden. Auch an ihrer Schule ist der Migrantenanteil hoch, Probleme mit „Deutschenfeindlichkeit“ aber hat sie noch nie beobachtet. Was der Pädagogin hingegen auffällt, sind die wenigen engen Freundschaften zwischen Migranten und deutschen Kindern. „In der Schule vertragen sie sich prima, aber danach gehen sie getrennte Wege.“

Aber, sagt Marion Frontzek, auch die deutsch-türkischen Freundschaften würden langsam mehr. Vermutlich wegen der immer häufiger werdenden Mischehen. Die ändern die Regeln – so oder so.

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