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Aus der Stadt Papa bleibt zu Hause
Hannover Aus der Stadt Papa bleibt zu Hause
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21:09 12.06.2015
Von Felix Harbart
Wie emanzipiert sind wir nun? HAZ-Lokalchef Felix Harbart mit Sohn Max im Zoo.
Wie emanzipiert sind wir nun? HAZ-Lokalchef Felix Harbart mit Sohn Max im Zoo. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Gleich kommt die Nummer mit dem Schotterwagen. Die habe ich drauf. Ich weiß, wie ich Max dann halten muss: Auf den Knien, Hände hoch, Gesicht zu mir. Also rein in den Stuhlkreis, den Schüttelreim mitsprechen bis zum großen Finale: „Und zum Schluss wird abgeladen.“ Da staunen sie, die anderen Herren beim Väterfrühstück der Krabbelgruppe. Ich weiß Bescheid. Ich habe Heimvorteil. Denn ich bin in Elternzeit.

Gut 30 Prozent der jungen Väter bleiben inzwischen nach der Geburt ihres Kindes für ein paar Monate zu Hause. Die meisten davon, etwa 80 Prozent, wählen die Mindestdauer von acht Wochen. Was die Elternzeit bringt, ist umstritten. Belastbare Studien gibt es bisher hauptsächlich aus Skandinavien, wo es die Auszeit für Väter schon seit den Neunzigerjahren gibt. Eine norwegische Erhebung kann man so lesen, als seien positive Effekte nur schwer zu erkennen. Eine schwedische Studie hingegen behauptet das Gegenteil: Die dortigen Forscher wollen belegt haben, dass sich die Elternzeit von Vätern nicht nur positiv auf die Entwicklung des Kindes bis hinein in die Pubertät auswirkt. Angeblich hat sie auch geholfen, die Scheidungsrate in Schweden um 30 Prozent zu senken.

Wir spielen also den Schotterwagen, und ich kenne mich aus. Zweimal schon habe ich meine Frau in der wöchentlichen Krabbelstunde vertreten. Ich habe die Wickeltasche mit Windeln, Brei und Ersatzklamotten vollgepackt, mir im Flur des Gemeindehauses die Schuhe ausgezogen und mich im Schneidersitz mit Max auf die Gummimatten im großen Saal gesetzt. Ich kenne das Lied von August-Fridolin, dem kleinen Pinguin. Ich kenne es sogar so gut, dass es mich schon als nächtlicher Ohrwurm heimsucht. Und wen ich jetzt auch besser kenne, ist Max.

Die Krabbelgruppe ist das ultimative Ventil für alle elterlichen Gefühle: Stolz, Sorge, Liebe. Hier fragt man die Krabbelgruppentante, ob es normal ist, dass das Kind noch keine Zähne hat, dass es noch nicht robbt oder läuft oder auch sonst keine Zeichen von Hochbegabung erkennen lässt. Hier holt man sich Tipps für das fachgerechte Zusammenmatschen der selbst gemachten Breis aus Gemüse, von dessen Existenz man als Mann bisher allenfalls etwas ahnte - die Pastinake allen voran.

Der Zweimonatsvater

Bei all dem lassen die Damen mich mittun, so gut ich das vermag (die Probleme fangen schon beim Schneidersitz an). Dass ausnahmsweise ein Kerl zwischen ihnen sitzt, ist ihnen auf entspannte Weise wurscht. Also rede ich mit. Über Kinderwagengrößen, Breimischungen und die ewige Frage: Strumpfhose, ja oder nein? Und weil ich in den vergangenen Wochen zu Hause war, kann ich der Debatte sogar folgen.

Ich bin, was Kritiker einen „Zweimonatsvater“ nennen. Ich schnuppere mal rein. Nicht, dass ich vorher nicht schon alle Jobs des Vaterseins übernommen hätte - Wickeln, Schlafenlegen, Füttern, Spielen. Hin und wieder habe ich das gemacht, am Wochenende eben. Aber wenn ich Max ins Bett bringen wollte, hat er über meine Schulter hinweg zur Tür geguckt. Zu Mama.

Volker Baisch kann die Kritik an den Alibivätern für zwei Monate nicht mehr hören. Baisch ist Geschäftsführer der Väter gGmbH aus Hamburg, die Unternehmen dabei berät, wie sie väterfreundlicher werden können. „Viele Studien zeigen: Je früher sich ein Vater Zeit für sein Kind nimmt, desto enger wird die Bindung“, sagt Baisch. Das gelte auch dann, wenn Väter nur zwei Monate zu Hause blieben. „Die Mutter behält sozusagen den Erstzugriff auf das Kind. Sie kann auch steuern, wie der Kontakt zwischen Vater und Kind abläuft.“ Am Ende aber nutze die freie Zeit allen in der Familie - und nicht zuletzt der Partnerschaft.

Beim Babyschwimmen am Dienstagmorgen bin ich wieder der einzige Mann. Das sieht blöd aus, hat aber Vorteile, als die Kursleiterin sagt: „Und jetzt alle zum Wickeln in die Kabinen, wir sehen uns draußen wieder.“ Da wird es ganz schön eng bei denen drüben. Max und ich dagegen haben an diesem Tag, der für andere Väter ein Arbeitstag ist, in der Umkleide allen Platz der Welt.

Sind wir so emanzipiert, wie wir glauben?

Trotzdem fragt man sich, wo sie alle sind, die Elternzeitnehmer und Miterzieher, wenn ich Mal um Mal der einzige bin. Und das auch nur für zwei Monate. Sind wir am Ende nicht so emanzipiert, wie wir glauben?

Immerhin, zwei Monate sind ein Anfang. Es dauert gut zwei Wochen, da schläft Max bei mir so schnell ein wie bei meiner Frau. Er wundert sich nicht mehr, wenn ich mit ihm in den Supermarkt gehe, ins Schwimmbad oder auf den Spielplatz. Er freut sich, wenn Mama auch dabei ist. Aber wenn nicht, ist es auch in Ordnung.

Kurz: Für eine Weile bin ich: Papa. Sonst nichts.

Ich weiß nicht, ob es immer schon so war, dass der Rest der Welt mit weiser Belustigung auf junge Eltern geblickt hat. Sicher: Wir recherchieren Kinderkrankheiten im Internet, legen unsere Kinder auf Wachstumskurven und kochen frisch wegen der Schadstoffe und Nahrungszusätze. Wir gehen zum Babyschwimmen und zur musikalischen Früherziehung, und wenn uns niemand davon abhält, bringen wir dem Nachwuchs noch vor dem ersten Stuhlgang Englisch bei. All das mache ich jetzt auch. Und nur das. Man könnte auch sagen: Ich kümmere mich.

Zum Einschlafen läuft Keith Jarrett

Und doch sucht mich hin und wieder der Impuls heim, mir merkwürdig vorzukommen. Gucken die nicht irgendwann komisch im Supermarkt, wenn ich da alle Nase lang am helllichten Vormittag mit dem Kind hereinmarschiere, als hätte ich nichts anderes zu tun? Nein, tun sie wohl nicht. Aber es soll mal keiner glauben, man könnte in zwei Monaten einfach so sein ganzes Weltbild umschmeißen.

Was bleibt also? Die norwegische Studie hat nachgewiesen, dass sich die Beteiligung der Männer im Haushalt durch die berufliche Auszeit nicht verbessert hat. Auch Arbeitszeit und Löhne von Männern und Frauen hätten sich nicht angeglichen. In Norwegen, so klingt das, ist die Elternzeit ein Strohfeuer. Und hier?

Sagen wir mal so: Max und ich haben ein paar Rituale eingeführt in diesen zwei Monaten. Zum Einschlafen läuft jetzt Jazz von Keith Jarrett. Im Zoo gehen wir als erstes auf den Spielplatz und dann zu den Giraffen. Im Schwimmbad kreiseln wir so lange im Strudel herum, bis uns schwindelig wird. Irgendwann in diesen zwei Monaten hat er zum ersten Mal „Papa“ gesagt, kurz nach dem ersten Mal „Mama“.

Ich bin gespannt auf die nächsten Studien. Aber so oder so: Max und ich haben uns eine Meinung gebildet.

Ein neuer Anreiz: Das Elterngeld plus

Ab dem 1. Juli will die Bundesregierung Müttern und Vätern noch mehr Flexibilität ermöglichen. Das neue Elterngeld plus soll jenen zur Verfügung stehen, die in Teilzeit arbeiten und gleichzeitig Elterngeld beziehen wollen. Die neue Leistung ersetze den Einkommensanteil, der wegen der Teilzeit entfällt, erklärt das Bundesfamilienministerium. Heißt im Klartext: Eltern können halb arbeiten und dafür doppelt so lange Elterngeld beziehen. Auf diese Weise will man es den Eltern erleichtern, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren, und sie über einen längeren Zeitraum absichern.

Bisher konnten Eltern bis zu 14 Monate lang Elterngeld beziehen, wenn beide Partner mindestens zwei Monate zu Hause blieben. Sie erhalten dann gut zwei Drittel ihres Gehaltes oder höchstens 1800 Euro.

Für Volker Baisch, Geschäftsführer der Väter gGmbH aus Hamburg, ist das Elterngeld plus der „nächste logische Schritt“ in der Familienpolitik.

Wie viele Männer das neue Modell in Anspruch nehmen werden, wird eine spannende Frage sein. Bisher sei es für Arbeitnehmer in großen Betrieben deutlich leichter, beim Chef wegen einer Elternzeit vorzusprechen, sagt Baisch, dessen Firma Unternehmen in Sachen Vereinbarkeit von Job und Familie berät. „Bei Firmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern hat sich das Zwei-Monats-Modell durchgesetzt und wird in der Regel auch von den Kollegen mitgetragen“, sagt er. „Alles, was jedoch länger ist, ist nach wie vor schwierig.“

So oder so hätten Umfragen ergeben, dass viele Arbeitnehmer sich nicht trauten, eine Elternzeit zu beantragen – obwohl sie ihnen rechtlich zusteht. „Rund 30 Prozent der Männer machen es, aber mehr als die Hälfte würde gern“, sagt Baisch.

Ebenso hätten viele Männer angegeben, dass sie gern mehr als zwei Monate daheim geblieben wären. „Sie haben aber Bedenken, dass sie nach der Elternzeit nicht auf ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren können.“

Sechs Must-haves für Eltern

Spielzeug: Irgendwie beruhigend, dass Babys sich für die gleichen Dinge begeistern ­können, wie Generationen vor ihnen: Holztiere, Autos, Bälle, Kugeln. Junge Eltern haben etwas davon immer dabei.

Schnuller: Wichtiges bis unverzichtbares Accessoire. Die Wissenschaft ist noch Studien über den Schnuller-Dreckrand im Gesicht schuldig. Er entsteht immer – egal, wie sorgsam Schnuller und Mund gereinigt werden.

Teddy: Bei manchen Kinder ständiger, bei anderen gelegentlicher Begleiter. Manche Eltern nehmen ihn tagsüber überall mit hin, damit Teddys Gesellschaft nachts für Beruhigung und somit guten Schlaf sorgt. Kann klappen, muss aber nicht.

Reiskekse: Warum Kleinkinder sie mögen, versteht kein Mensch – für ­erwachsene Gaumen schmecken sie wie sehr alte, ungewürzte Schuhsohlen. Dennoch sind sie das ultimative Mittel, um spontan für gute Laune zu ­sorgen.

Wickeltasche: Was die Handtasche für die Frau, ist die Wickeltasche für Eltern. Was da nicht reinpasst, gibt es nicht. Windeln, Feuchttücher, Wasserflasche, Ersatzklamotten, Papiertaschentücher.

Wasserflasche: Das Hantieren mit der Wasserflasche löscht auf ­wundersame Weise den Durst, obwohl es für das ungeschulte Auge scheint, als sei alles auf dem T-Shirt gelandet. Ganz entspannte Eltern kochen das Wasser nach ein paar Monaten nicht mehr ab, sondern holen es direkt aus dem Hahn.

 

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