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Aus der Stadt Passagierfahrten seit 140 Jahren
Hannover Aus der Stadt Passagierfahrten seit 140 Jahren
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06:15 13.08.2012
Von Gunnar Menkens
Foto: Das ist Familie Enke im Urlaub. Stefan und Wiebke zeigen Annika und Rebekka die Stadt, Mops Amigo wendet sich ab.
Das ist Familie Enke im Urlaub. Stefan und Wiebke zeigen Annika und Rebekka die Stadt, Mops Amigo wendet sich ab. Quelle: Martin Steiner
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Das Problem ist: Die Gesellschaft kommt mit acht Personen die Gangway runter. Auf den Kopf geschnallte bunte Kegel deuten auf eine Feier. Und die „Wappen von Hannover“ mag ein stolzer Dampfer sein und schon viel erlebt haben in einem halben Jahrhundert, aber oben an Deck hat jeder Tisch nur sechs Plätze. Ob reserviert sei, fragt eine Dame den Kapitän. Heiko Ebkes, 58, weißes Hemd, oberster Knopf offen, graues Brusthaar bis zum Anschlag, Schulterklappen, macht klar: Nee, sie sollten sich setzen, wo sie wollten, man sei nicht im Kino mit Platzanweiser, und auf dem Achterdeck sei ohnehin Platz. „Das passt schon“. Acht Leute, Achterdeck - guter Witz. Kegelhütchen brechen auf, nach achtern. Das Servicepersonal, drei junge Frauen, guckt neutral.

Sonne-Wolken-Mix, Abfahrt Leinert-Brücke in Linden. Ebkes wirft den Motor an, die „Wappen von Hannover“ macht sich auf den Weg. Das Schiff ist ausverkauft, um die 60 Passagiere haben den Klassiker im Angebot gebucht, „Hannoversche Wasserstraßen“. Sechs Zylinder und 150 PS treiben den Binnendampfer an, Ebkes beschleunigt sein Eigentum auf neun Kilometer pro Stunde. Am Ufer schleicht erstes Gebüsch vorbei. Er könnte auch Tempo zwölf fahren, aber warum? „Wir sind nicht auf der Flucht, dies ist eine Ausflugsfahrt“, ist Ebkes Spruch dazu. Seine Stimme ist ein wenig kehlig, die zahlreichen Camels haben Spuren hinterlassen. Rauchen ist seine Beschäftigung am Steuer, er kennt ja mittlerweile jeden Meter dieser hannoverschen Wasserstraßen. Gelegentlich piept das Flachwassergerät, es zeigt auch Algen und Fischschwärme an. Wer nicht aufpasst, sitzt schnell fest.

Seine Fahrgäste bestellen Kuchen und Kaffee, Pils und Apfelschorle. Im Angebot ist auch der Oppenheimer Krötenbrunnen, ein lieblicher Weißwein mit 9,5 Prozent Alkohol, die Literflasche für 14 Euro. Es gibt Suppen und Würstchen und Senf aus einer Riesentube. Wer versucht, billig zu leben und Essen und Trinken an Bord zu schmuggeln, der fliegt raus. Ebkes und Steuermann Stephan Schenk, 39, haben nach Jahren im Geschäft Erfahrung mit solchen Gestalten. Lebenserfahrung. „Die gucken oft verstohlen.“ Ein handfesteres Zeichen sind vollgestopfte Rucksäcke.

Neun Kilometer pro Stunde. Es ist noch nicht lange her, da nannte man jeden Rückzug vom Alltagsstress: Entschleunigung. Das Internetlexikon Wikipedia vermutet den Ursprung des Begriffs sogar im vorvergangenen Jahrhundert, als in England Bestrebungen aufkamen, das Tempo neumodischer Eisenbahnen auf zehn Kilometer pro Stunde zu beschränken. Damals wäre die „Wappen von Hannover“ von Hektik nicht weit entfernt gewesen. Heute wäre das Schiff ein guter Tagungsort für den „Verein zur Verzögerung der Zeit“, die Österreicher fordern zum „Innehalten“ auf, sie sind Gegner von „blindem Aktivismus“. Viel zu tun gibt es an Bord ja nicht, es sei denn, die per CD verbreiteten Shanty-Chöre störten beim Innehalten. Aber das Tempo des Schiffes gefällt dem Publikum, das an diesem Augusttag Altersgruppen angehört, die nicht jede Minute ans Telefon müssen.

Die Wasserstraßentour, das ist von der Stimmung her etwas anderes als zum Beispiel die „Karibische Nacht“ mit Salsa-DJ oder das „rustikale Ferkel-Fest“. Ebkes, früher Hotelier in Hemmingen, hat sich einen Haufen Gedanken gemacht, wie man die Basis des Geschäfts, die Anwesenheit auf seinem Schiff, um einen guten Grund ergänzen könnte. Den Passagieren heute genügt es, an Tischen mit blauen Plastikdecken zu sitzen, bunte Glühbirnen über sich und Wimpel in Deutschlandfarben. Es geht um Ruhe, um ein bisschen Schauen. Passagierin Vera Knobloch darf sogar mal ans hölzerne Steuerrad und lenkt die „Wappen von Hannover“ ein Stück geradeaus über die freundliche Ihme. Die Fahrt ist ein Geburtstagsgeschenk, sie findet vier Stunden an Bord „entspannend und beruhigend“.

Heiko Ebkes erklärt gelegentlich, was links und rechts des Weges zu sehen ist. Mehr nicht. Dabei könnte er offenbar einiges erzählen von den Beschwerlichkeiten eines Binnenschiffers, von guten Leuten und Leuten, die einem das Leben schwer machen. Aber er hält es lieber so: Flussmündungen, Biergärten, Kanuklubs, alte Werften, die Schleuse Limmer. Den Rest müssen Passagiere mit sich selbst klären, es ist Zeit genug. Ob die Wasserstadt Limmer wohl jemals fertig wird? Was dieses Seezeichen bedeutet? „Nur Kleinfahrzeuge einschiffig“. Wer das riesengroße Herz in das Bettlaken geschnitten hat, das auf einer Wäscheleine hängt? Ob der Fluss nicht viel zu kalt ist, um darin zu schwimmen, wie es zwei junge Frauen tun? Erinnern sich die zwei winkenden Jungs im blauen Schlauchboot in 30 Jahren an diese Sommerferien? Heiko Ebkes, der gebürtige Ostfriese, weiß noch, wie seine Eltern zu Beginn der sechziger Jahre in Carolinensiel Zimmer vermieteten, „Fremdenzimmer, Übernachtung mit Frühstück, vier Mark 50“.

So günstig ist es heute nicht mehr. Familie Enke hat die Fahrt dennoch gebucht. Am Wochenende gab es eine große Feier im Haus, zwei 40. Geburtstage und einen Hochzeitstag dazu, deshalb fällt die Reise in diesen Ferien aus. Annika und Rebekka, die beiden kleinen Töchter, werden in Hannover unterhalten. Auf das Schiff wollten sie schon immer mal, jetzt war Gelegenheit. „Toll“, findet Mutter Wiebke die Fahrt, „wir hatten Sorge wegen der Kinder, vier Stunden“, aber das war dann kein Problem.

Als die „Wappen von Hannover“ wieder in Linden anlegt, stellt sich die Besatzung zum Abschied auf. Es ist wie im Flugzeug. Von Kegelhütchen ist nichts zu sehen. Lange abgesetzt. Auf der Fahrt zurück fehlten die Shanty-Chöre. Hat sie jemand vermisst?

Heike Schmidt 10.08.2012
Stefan Arndt 10.08.2012
11.08.2012