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Aus der Stadt Patienten hinter Panzerglas
Hannover Aus der Stadt Patienten hinter Panzerglas
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19:43 13.05.2012
Von Sonja Fröhlich
„Wie hinter schwedischen Gardinen, nur dass die weiß sind“: Haus 6 der Wunstorfer Forensik ist für psychisch kranke Straftäter reserviert.Körner (2) Quelle: Körner
Hannover

Christian* ist gerade volljährig geworden, als er in die geschlossene Psychiatrie kam. Zuvor hatte er mehrere kleinere Straftaten begangen und dann Ende Mai zwei Mal versucht, eine Frau zu vergewaltigen. In dem Prozess kam ein Gerichtsgutachter zu dem Schluss, dass Christian unter einer schweren Persönlichkeitsstörung leide und „erheblich schuldgemindert“ sei. Weil er weiterhin als gefährlich galt, ordnete das Gericht die Unterbringung in der forensischen Klinik an, so wie es der Paragraf 63 der Strafprozessordnung vorsieht. Forensik war für Christian ein Fremdwort. Sein Verteidiger sagte ihm damals: „Das ist wie hinter schwedischen Gardinen - nur, dass die weiß sind.“

In der Wunstorfer Forensik sind Patienten mit psychischen Defekten eingesperrt, die mittlere bis schwere Straftaten begangen haben. Auf den ersten Blick gleicht das Haus 6 mit den roten Klinkern und den weißen Fensterrahmen den anderen Kliniken der Psychiatrie in Wunstorf. Das Krankenhaus steht in einem Park gleich neben dem Stadtzentrum. Spaziergänger flanieren dort wie selbstverständlich durch die Anlage, vorbei am beruhigenden Plätschern des Klinikbrunnens, dem Gesundheitsgarten mit Heilkräuterspirale, den Skulpturengärten und Kunstobjekten. Manchmal werden dort Hochzeitspaare fotografiert.

Die Klinik freut’s. „Wir wollen, dass die Umgebung auf unsere Patienten so normal wie möglich wirkt“, sagt Andreas Tänzer, Leiter der forensischen Psychiatrie. Aber von einer Leichtigkeit des Seins kann keine Rede sein. Das Haus 6 ist speziell gesichert, die Fenster bestehen aus Panzerglas, die Türen sind mit Sicherheitsschlössern versehen und der Hof, in dem die Bewohner eine Stunde Ausgang pro Tag haben, ist mit viereinhalb Metern Doppel-Natodraht eingezäunt und wird bewacht. Schließlich sind hier 60 Sexualstraftäter, Räuber, Schläger und Betrüger untergebracht, auch solche, die andere Menschen getötet haben. Ihr Aufenthalt gilt für unbestimmte Zeit. Erst wenn die zuständige Strafvollstreckungskammer sich sicher ist, dass der Insasse kein Sicherheitsrisiko mehr darstellt, wird er entlassen.

Einer der letzten, der hier nach einem Tötungsdelikt eingewiesen wurde, war der Mann, der die Studentin Sarah Spaeth, seine Nachbarin, in einem Haus in der Kurt-Schumacher-Straße mit 50 Messerstichen getötet hatte. Ebenso der gebürtige Brasilianer, der seine Freundin Ende 2010 im Zooviertel erstach, kam zunächst in die Wunstorfer Klinik. Der 28-Jährige, bei dem Institutsleiter Tänzer während des Gerichtsverfahrens eine „seelische Abartigkeit“ diagnostiziert hatte, erwies sich als besonders schwieriger Fall. Er musste in eine noch stärker gesicherte Anstalt verlegt werden.

Aber die meisten Insassen in der Wunstorfer Klinik haben weniger schwerwiegende Taten begangen. Gut 15 Neuzugänge gibt es pro Jahr. Seit Jahren wächst die Zahl der Patienten im Maßregelvollzug. „Die Schwelle ist niedriger geworden, die Unterbringung in der Psychiatrie anzuordnen“, sagt Tänzer. Die Überlastung der Forensik sei in erster Linie dem Sicherheitsbedürfnis der Menschen und der Dämonisierung der Täter in den Medien geschuldet, kritisiert der Facharzt. „Deshalb werden auch Menschen eingesperrt, die gar nicht so gefährlich sind.“

Manche müssen sehr lange bleiben. Wer als gefährlich und nicht therapierbar gilt, auch für immer. Aus Angst vor Rückfällen ihrer Patienten und dem öffentlichen Echo darauf trauen sich die Ärzte in den Kliniken kaum mehr, günstige Prognosen vor den Strafvollstreckungsrichtern zu stellen. Dann kann es auch sein, dass jemand, der eine gefährliche Körperverletzung begangen hat, länger eingesperrt bleibt als ein Mörder, der die Mindeststrafe von 15 Jahren im Gefängnis absitzt.

Wenn der Forensik-Leiter durch die Etagen des Hauses 6 geht, wird er von allen Bewohnern freundlich mit Namen gegrüßt. Manche Patienten wollen mit ihm über Fußball oder über ihren Antrag für einen Ausgang sprechen. In den Wohngruppen sind die Patienten getrennt nach ihren jeweiligen Diagnosen (Persönlichkeitsstörung, Psychose, Intelligenzminderung) untergebracht. Es gibt Zweibett- und Einzelzimmer, Wohnküchen, Raucherräume und Therapiezimmer. Im Keller sind Werkstätten für die Ergotherapie. „Die Gruppen sind wie Großfamilien“, sagt Tänzer Für Problemfälle gibt es das Kriseninterventionszimmer mit einem Bett, auf dem die Patienten fixiert werden können. Für Seelenforscher gibt es keine von Grund auf bösen Menschen, die meisten Patienten seien solche, die bittere Erfahrungen in ihrem Leben machen mussten. „Ein guter Psychiater verbündet sich mit seinen Patienten und findet heraus, warum sie so geworden sind.“

Christian ist als Kind in Heimen und bei Pflegefamilien aufgewachsen, er ist sein Leben lang herumgereicht und auch misshandelt worden. Das hat nach Meinung der Ärzte seine Persönlichkeit zerrüttet und zu schweren Aggressionen geführt. Seit knapp sechs Jahren wird der 24-Jährige in Wunstorf therapiert. „Ich habe immer Angst vor meinem zweiten Ich gehabt, hier habe ich gelernt, darüber zu sprechen.“ Anfangs habe er rebelliert. Die soziale Stabilität, die intensiven Therapien scheinen ihn aber verändert zu haben. Er sei viel ruhiger geworden, versichert Christian: „Ich weiß, dass ich mir die Lockerungen erarbeiten muss.“

„Kooperieren“ die Patienten, wie es in den Psychiatrien heißt, bekommen sie Lockerungen bis hin zum Ausgang. In zwei bis drei Fällen pro Jahr flüchten Patienten auch, aber bei den Ausreißern handele es sich meist um Patienten, die vom Heimweh geplagt ihre Mutter besuchen oder die Lichter der Großstadt sehen wollten, sagt Tänzer. Den ersten größeren Zwischenfall unter seiner Leitung gab es erst kürzlich. Ende April nutzte ein 31-Jähriger seinen Freigang für einen Raub in einem Supermarkt. Zeugen konnten ihn überwältigen. Der Mann lebte bereits im offenen Vollzugshaus, er sollte schon bald entlassen werden. Nun dürften die über Jahre mühsam erkämpften Lockerungen gestrichen sein.

Der Erfolg der Behandlungen wird auch an der Rückfallquote der Straftäter gemessen. Während diese in den forensischen Psychiatrien bei 20 Prozent liegt, ist sie bei Straftätern, die aus Gefängnissen entlassen werden, doppelt so hoch. Seit das Land im Jahr 2006 für seine forensischen Patienten ein Nachsorgesystem etabliert hat, bei dem ehemalige Bewohner weiter ambulant betreut und kontrolliert werden, liegt die Rückfallquote laut Tänzer in der Wunstorfer Forensik bei etwa fünf Prozent.

Auch Christian soll im nächsten Jahr entlassen werden. Zur Vorbereitung wohnt er jetzt in einem der beiden offenen Häuser der Klinik und darf sich tagsüber frei bewegen. Einmal wurde er auf der Straße beleidigt. Er spürte, wie die alte Wut in ihm aufstieg. Er habe sich aber zusammengerissen. „Ich habe Perspektiven. Ich möchte nicht, dass die wieder verpuffen.“ Denn wenn er draußen auffällt, geht es schnell wieder zurück.

*Name von der Redaktion geändert

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