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Aus der Stadt Pilotprojekt soll jungen Obdachlosen helfen
Hannover Aus der Stadt Pilotprojekt soll jungen Obdachlosen helfen
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17:24 19.11.2015
Von Jutta Rinas
Das Projekt WundA soll Jugendliche weg von der Strasse und in Ausbildung und Wohnraum bringen soll. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Sie sind alle noch jung, gerade mal 20 beziehungsweise 23 Jahre alt. Trotzdem waren sie alle schon mal ganz unten.

Albert etwa verliert früh seine Eltern.

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Er beginnt zu trinken, kommt mit der Polizei wegen Sachbeschädigung in Konflikt, macht Schulden. Irgendwann verliert er seine Wohnung und findet sich - mit 23 Jahren - in einem Obdachlosenheim in der Nähe von Garbsen zwischen „extremen Alkoholikern, Drogenjunkies und Exknackies“ wieder.

Pascal schafft den erweiterten Realschulabschluss, will zunächst sogar Abitur machen, bis er sich doch für eine Lehre entscheidet. Er zieht wegen häuslicher Gewalt von zu Hause aus, trinkt selten, aber wenn, dann „fast bis zur Besinnungslosigkeit“ - und landet schließlich mit 18 auf der Straße: Den Winter 2013/14 verbringt er auf dem Opernplatz.

Robin schließlich geht nach dem Hauptschulabschluss ein Jahr auf die Realschule. Er bricht ab, bekommt einen Job in einem Supermarkt, bricht wieder ab, als der Chef wechselt. Sein gewalttätiger Vater hat ihn da schon rausgeworfen. Robin schläft bei einem Kumpel, beginnt zu spielen, verschuldet sich. Irgendwann übernachtet er jede Nacht woanders, seine Klamotten lagern bei Freunden. Die einzige Lebenskonstante ist sein Rucksack, sein „Lebensretter“, in dem er alles hat, was er zum Überleben braucht.

Allen dreien bietet ein Pilotprojekt des Jugendhilfeträgers Pro Beruf jetzt eine zweite Chance. WundA heißt es. Die Abkürzung steht für „Wohnen und Arbeiten“. Hinter dem Namen, der das Wort „Wunder“ anklingen lässt, verbirgt sich ein Stück Hoffnung für junge Leute, die kein Dach mehr über dem Kopf haben. Auf 300 bis 500 schätzen die Region Hannover und das Jobcenter die Zahl der 18- bis 25-Jährigen, die derzeit arbeits- und wohnungslos sind. Die genaue Zahl kennt man nicht.

Bislang fiel diese Altersgruppe bei Hilfsangeboten durch alle Maschen. „Übernachtungsangebote für Straßenkinder wie Bed by night nehmen nur Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr auf“, sagt WundA-Projektleiterin Verena Altenhofen. In den Obdachlosenunterkünften für Erwachsene dagegen stoßen junge Männer wie Albert auf Menschen, die in den meisten Fällen viel älter sind, und denen das lange Leben auf der Straße viel stärker zugesetzt hat.

„Diese Lücke will WundA schließen“, sagt Altenhofen - mit einem Projekt, das die jungen Obdachlosen erst einmal stabilisiert, indem es ihnen ein Dach über dem Kopf verschafft. 15 von ihnen haben Platz in fünf Wohngruppen für je drei Personen. Längstens ein Jahr können sie bleiben, bis sie eine Wohnung und eine Berufsperspektive haben. Mit jährlich 650 000 Euro wird das auf drei Jahre angelegte Projekt von Jobcenter und Region Hannover finanziert.

Am Beginn stehen Lösungen für existentielle Probleme. Sind die Jugendlichen krankenversichert? Wie kommen sie von den Schulden herunter? Wie ist es mit Drogen- und Alkoholmissbrauch? Dass sich überhaupt einmal jemand kontinuierlich um sie kümmert, scheint die wichtigste Voraussetzung dafür zu sein, dass die jungen Obdachlosen nicht wieder abstürzen. Die Namen der Betreuer fallen als Erstes, wenn man die Jugendlichen fragt, warum sie jetzt Dinge schaffen, die vorher unmöglich schienen. Dazu kommt das Thema Therapie. Denn das Erstaunliche an den Biografien von Albert, Robin und Pascal ist, dass ihr Absturz oft in einem Moment passierte, in dem scheinbar endlich einmal alles in Ordnung war.

Albert macht einen „gar nicht mal so schlechten Hauptschulabschluss“, bevor er abrutscht. Lehrer bescheinigen ihm sogar, schulisch wäre deutlich mehr drin gewesen. Albert sucht sich stattdessen eine Lehre, bezieht eine eigene Wohnung und hat sogar Aussicht auf einen Ausbildungsplatz als Restaurantfachmann, als er in „ein tiefes Loch“ fällt. „Ich hätte nur noch den Ausbildungsvertrag unterschrieben brauchen“, sagt er. „Aber ich tat es nicht.“ Stattdessen geht der Jugendliche nicht einmal mehr „zum Amt“, um sich das ihm zustehende Geld abzuholen. Warum, kann er sich bis heute nicht erklären: „Ich habe mich einfach voller Leere gefühlt.“ Er macht Schulden, auch Mietschulden, fliegt aus der Wohnung, schläft bei Freunden, Schwester oder Oma, bis niemand ihn mehr aufnehmen will. Endstation: Obdachlosenunterkunft.

Auch in Pascals Leben läuft nach Schwierigkeiten wegen Gewalt im Elternhaus endlich „alles perfekt“, als er in eine Depression stürzt. Der Junge steckt mitten in einer Lehre als Industriemechaniker, als „die Leere im Kopf losgeht“. Er schwänzt die Berufsschule, bis er fliegt. „Ich hab anfangs noch versucht, mit dem Loch umzugehen“, sagt er. „Irgendwann war mir alles egal, dann ging es richtig bergab.“ Es klingt fast absurd, aber es ist wohl so: Gerade die Härte des Lebens auf der Straße hilft auch, sich von den Enttäuschungen des eigenen Lebens abzulenken. „Man ist vollauf damit beschäftigt, sich Essen und einen Schlafplatz zu suchen“, sagt Pascal.

Bei WundA bestimmen alltagspraktische Dinge das Leben. „Überlebenstraining“ nennt Altenhofen, was in einem streng geregelten Tagesablauf an fünf Tagen in der Woche geübt wird: Die Wohnung sauber halten, kochen, Müll trennen, Rücksicht auf die Nachbarn nehmen. „Viele haben das nie gelernt“, sagt Altenhofen. Die Jugendlichen müssen sich an WG-Regeln halten, die so streng sind, dass viele zu Hause lebende Altersgenossen sie wohl mit ihren Eltern nicht einmal diskutieren würden: Einmal in der Woche muss das Zimmer aufgeräumt und geputzt werden. Es darf nicht geraucht werden, Beziehungspartner müssen um 22 Uhr gehen.

An zwei Tagen in der Woche kommt ein Mitarbeiter des Jobcenters zu WundA. Ziel ist eine realistische Perspektive im Beruf. Das klappt offenbar ziemlich gut. Albert jedenfalls hat eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann angefangen. „Es konnte“, sagt er schlicht, „ja nicht ewig so weiter gehen.“

Jörn Kießler 19.11.2015
Michael Zgoll 22.11.2015
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