Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt „Hannover sah schrecklich aus“
Hannover Aus der Stadt „Hannover sah schrecklich aus“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:57 07.05.2015
Von Simon Benne
Die Briten sorgten bald für die Umbenennung von Straßen, Zeitungen druckten Bilder der britischen Dienstgradabzeichen – und in den Trümmern tauchten englischsprachige Schilder auf. Quelle: Hauschild-Archiv
Hannover

Der Anblick beeindruckte den Briten tief: „Hannover sah schrecklich aus“, sagt Ernie Lack: „Als ich ankam, lag alles in Trümmern. Die ganze Stadt war etwa in so einem Zustand wie heute die Aegidienkirche.“ Als junger Offizier der Royal Air Force wurde der heute 91-Jährige nach dem Krieg auf den Fliegerhorst Wunstorf versetzt. Er war einer der „Besatzer“, der „Tommys“, denen viele Deutsche anfangs mit einer seltsamen Mischung aus Feindseligkeit und Unterwürfigkeit begegneten.

„Well, die Deutschen ...“, sagt Lack, wenn man ihn fragt, wie das Zusammenleben damals war. Der frühere Pilot sitzt in seiner Wohnung in der Südstadt. Manschettenknöpfe, Krawatte, auf dem Jackett das Wappen seiner alten Schule in Edinburgh. Gäbe es das Wort Gentleman nicht, man müsste es für ihn erfinden. „Den Deutschen war sehr bewusst, dass sie den Krieg verloren hatten“, sagt Lack. Unsicher seien sie gewesen. Viele hatten resigniert. „Und bei einigen setzte sich allmählich das Gefühl durch: ,Der Führer hat uns reingelegt.‘“

In der Zeit des Wiederaufbaus halfen die Briten, Hannover wieder auf die Beine zu bringen Quelle: Hauschild-Archiv

Die Briten hatten 1945 von den Amerikanern rasch das Regiment in Hannover übernommen. Sie machten die Stadt zu einer Art Hauptsitz ihrer Zone. Schon am 11. April ernannte der englische Major G. H. Lamb den Misburger Sozialdemokraten Gustav Bratke zum Oberbürgermeister. Dabei machte Lamb den Hannoveranern schnell klar, wer bei dieser deutschen Selbstverwaltung unter britischer Oberhoheit die Hosen anhatte: „Wir ordnen an, Sie führen aus!“

Stadtkommandant Lamb residierte im Neuen Rathaus, die britische Militärverwaltung zog bald im „Stirling-House“ ein: Das ehemalige Generalkommando am Misburger Damm, der heutigen Hans-Böckler-Allee, war kurzerhand nach einem britischen Militär umbenannt worden.

Bald lebten Tausende britische Soldaten in Hannover. Meist blieben sie unter sich. Sie bildeten eine Parallelgesellschaft mit eigenen Bibliotheken und „Naafi“-Geschäften, in denen Deutsche nicht einkaufen durften. Sie hatten einen eigenen Unteroffiziersclub im Maschsee-Strandbad und eigene Kinos für englische Filme wie das Globe Cinema in der Freundallee. „In Kleefeld gab es in einer Nissenhütte sogar eine Kapelle für englische Gottesdienste“, sagt Lack.

Unter fremden Flaggen: Das Rathaus nach dem 
Einmarsch der Alliierten. Quelle: Historisches Museum Hannover

Die Briten organisierten das Überleben in der zerstörten Stadt. Bis Ende 1945 richtete die Militärregierung in Hannover 175 Dienststellen ein. Gerne beschlagnahmten die Briten dafür unzerstörte Häuser in den gehobenen Lagen von Kleefeld, Waldhausen oder am Zoo. Deren Bewohner wurden kurzerhand vor die Tür gesetzt. Bald machte in Analogie zu den „Ausgebombten“ das Wort von den „Ausgeengländerten“ die Runde.

Zum Thema

Lesen Sie hier alle Teile unserer Serie „Aufbruch 1945 – Als der Frieden nach Hannover kam“

Verglichen mit den darbenden Deutschen waren die Briten reich: „Wir lebten in Saus und Braus“, erinnert sich Ernie Lack. Wohl auch deshalb suchten viele Deutsche die Nähe der Sieger: „Es gab viele Kontakte zwischen deutschen Mädchen und englischen Soldaten“, sagt Lack diplomatisch. Die Polizei konstatierte schon bald nach dem Einmarsch, dass viele junge Frauen angesichts der Alliierten „sittlich gefährdet“ seien. Von „Zigarettenhuren“ war die Rede. In einem anonymen Schreiben an den Stadtkommandanten machte ein Deutscher seiner Empörung Luft: „Deutsche Männer - deutsche Treue; Deutsche Frauen - deutsche Säue. Von denen bekommt ihr die Syphilis!“

Doch auch Jobs bei den Engländern waren begehrt: Die Industriebetriebe lagen in Trümmern. „Viele Deutsche, die Arbeit suchten, fanden sie bei uns Besatzern“, sagt Ernie Lack. Ende 1945 arbeiteten schon 20 000 Zivilisten in Hannover für die Briten: Die Besatzungsmacht war der größte Arbeitgeber der Stadt. Deutsche verdingten sich als Fahrer für die Offiziere, als Kellner im Kasino oder als Putzfrauen in Soldatenunterkünften.

Hochwasser
 in den Ruinen

Die Briten richteten auf dem Schützenplatz gleich nach dem Krieg ein Depot für Treibstoff ein – und verschärften so ungewollt die schlimmste Naturkatastrophe, die Hannover bis dato getroffen hatte: Im Februar 1946 regnete es ungewöhnlich stark; Leine und Maschsee traten über die Ufer. Bald verstopfte Treibgut die Brückenlöcher: Unter anderem wurden im Bereich von Ihme- und Glockseebrücke rund 700 000 britische Benzinkanister angeschwemmt. Es kam zur größten Hochwasserkatastrophe in der Geschichte Hannovers. Der Fotograf Heinz Koberg nahm damals an der Brücke vor dem Beginenturm Treibgut auf, das vom Waterlooplatz angeschwemmt worden war. Insgesamt wurden 1666 Hektar des Stadtgebietes überschwemmt, die Schäden in der ohnehin vom Krieg gebeutelten Stadt waren immens.

Die Besiegten fanden sich dabei oft in der Rolle von Bittstellern und Bediensteten wieder. „Die Verbindungen zwischen Deutschen und Briten waren eher Zweckbündnisse“, erinnert sich Lack: „Man brauchte einander, doch man blieb auf Distanz.“ Dabei bröckelte das anfangs verhängte „Fraternisierungsverbot“ schon im Sommer 1945. „Soldaten der britischen Besatzungsarmee“, hieß es im Juni in einem Tagesbefehl von Feldmarschall Bernard Montgomery, „dürfen mit sofortiger Wirkung mit kleinen Kindern sprechen und mit ihnen spielen.“ Auch Kontakte zu Erwachsenen waren bald nicht mehr tabu. Und ranghohe britische Militärs unternahmen im Sommer 1945 gar eine Sightseeingtour zu Hannovers Kulturstätten: Von der Fürstengruft im Leineschloss bis Herrenhausen fand alles ihr Interesse, was mit den britischen Welfenkönigen zu tun hatte.

Je stärker sich die politische Großwetterlage änderte, desto stärker wandelte sich auch das Verhältnis von Briten und Hannoveranern. Als am 26. Oktober 1946 der frei gewählte Rat zusammentrat, gab sich Stadtkommandant Oberst Churchman fast wie ein väterlicher Freund: „Ich werde Ihre Arbeit mit Interesse und Sympathie verfolgen“, versprach er. „Meine Offiziere und ich sind hier, um Ihnen zu helfen.“ Sie blieben noch lange: Rund 700 britische Soldaten lebten noch 1991 in Hannover, zwei Jahre darauf räumten die Briten ihre letzten Kasernen. Als sie gingen, waren aus Besatzern längst Verbündete geworden.

Ernie Lack ist bis heute geblieben. Der Brite, Sohn eines farbigen Mediziners aus Trinidad, heiratete 1953 seine Frau Elisabeth. Eine Deutsche aus Wunstorf. „Gegen mancherlei Widerstände“, wie beide sagen. Eine Andeutung, die viel über die damaligen Verhältnisse aussagt. Aus der Distanz von mehr als 60 Jahren sehen die Lacks darauf mit mildem Lächeln zurück.

Ehrung für Tote des NS-Massakers

Damals war sie erst zehn Jahre alt, doch den Anblick hat sie nicht vergessen: „Kurz vor der Kapitulation durchquerte ein langer Zug von Menschen in schwarz-weiß gestreifter Bekleidung unsere Abelmannstraße“, sagt Annemarie Bolla, die seinerzeit in Döhren lebte. „Wir Kinder standen auf dem Gehweg und sahen diesen traurigen Anblick ohne zu wissen, dass diese Menschen zum Seelhorster Friedhof geführt wurden, wo sie sich erst ihre Gräber ausheben mussten und danach erschossen wurden.“

Mehr als 150 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter trieb die Gestapo am 
6. April 1945 auf dem Seelhorster Friedhof zusammen. Nur ein Einziger, der sowjetische Hauptmann Peter Palnikow, entging dem Massaker. Er informierte wenige Tage darauf die Amerikaner. Diese zwangen mutmaßliche Nazis, die Leichen zu exhumieren. In einem Trauerzug wurden die Toten am 2. Mai mit Lastwagen zum Maschsee gefahren und am Nordufer würdig bestattet.

Erst im Jahr 2012 gelang es der Historikerin Janet von Stillfried durch spektakuläre Funde in Archiven, die Identität einer großen Zahl der Ermordeten aufzuklären, die am Maschsee beigesetzt wurden. „Der Älteste war 59 Jahre alt“, sagt sie, „der Jüngste gerade 17.“

Lesen Sie weiter:

Hannover ist ein dunkler, furchterregender Platz“

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Mehr zum Thema

Zeitzeugen aus allen Hemminger Stadtteilen sprechen auf Einladung des Heimatbundes darüber, wie sie persönlich den 10. April 1945 erlebt haben - den Tag des Kriegsendes in Hemmingen. Vier von ihnen stellen wir hier vor.

Andreas Zimmer 17.04.2015
Aus der Stadt Serie: Als der Frieden nach Hannover kam - Die Amerikaner brachten Kaugummis mit

Vor genau 70 Jahren wurde Hannover von den Amerikanern erobert. In der Stadt herrschte Chaos – doch zugleich begann eine lange Ära des Friedens. Wie viele Menschen in den letzten Kämpfen um Hannover noch starben, weiß niemand.

Simon Benne 12.04.2015
Aus der Stadt Ende des zweiten Weltkriegs - Ein Feldwebel rettet das Rathaus

Der Feldwebel Wilhelm Plenge bewahrte das Neue Rathaus in den letzten Kriegstagen vor der Zerstörung. Und dazu griff er zu einer List.

Simon Benne 11.04.2015

Hannovers Mountainbiker bekommen im Stadtwald einen weiteren Parcours. Die Strecke in der Eilenriede soll um eine sogenannte „Dirtline“ erweitert werden. Die Pläne sollen in den kommenden Wochen den Ratsgremien zur Abstimmung vorgelegt werden.

Andreas Schinkel 25.04.2015
Aus der Stadt Musikprojekt des Bistums - 900 Hände für ein Halleluja

Rund 900 Jungen und Mädchen aus katholischen Grundschulen haben die Turnhalle der Ludwig-Windthorst-Schule mit guter Laune gefüllt. Gemeinsam sangen sie am Mittwoch beim Musikkprojekt „Halleluja mit Händen und Füßen“ des Bistums Hildesheim.

Simon Benne 25.04.2015
Aus der Stadt Nach monatelanger Abrissphase - Neuaufbau am Landtag beginnt

Im niedersächsischen Landtag beginnt rund neun Monate nach dem Auftakt der Abrissarbeiten der Wiederaufbau des Plenarsaals. In Kürze würden insgesamt 120 bis zu 22 Meter lange Pfähle zum Stützen des neuen Plenarsaals in den Boden gelassen, gab Finanzminister Peter-Jürgen Schneider (SPD) bekannt.

23.04.2015