Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Polizei durchsucht Wohnungen von 96-Ultras
Hannover Aus der Stadt Polizei durchsucht Wohnungen von 96-Ultras
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:59 14.06.2017
Von Tobias Morchner
Quelle: Screenshot Video "Faszination Fankurve"
Anzeige
Hannover

Die Beamten der Bundes- und der Landespolizei waren nicht zimperlich, als sie sich am Mittwochmorgen ab 6 Uhr Zutritt zu Wohnungen von Mitgliedern der als gewaltbereit geltenden Ultra-Gruppierung Rising Boys Hannover verschafften.

Sie rammten Türen auf, zerschlugen mindestens eine Glasscheibe einer Wohnungstür und hatten Kollegen einer speziell ausgebildeten Beweis- und Festnahmeeinheit als Verstärkung dabei. Die Ermittler stellten die Wohnungen der Verdächtigen auf den Kopf und nahmen unter anderem Kleidungsstücke, Schuhe, Sprayerutensilien und Computer mit. Zudem stießen sie auf Bengalos und T-Shirts mit der Aufschrift ACAB. Die Abkürzung steht für den englischen Spruch „All cops are bastards“ (alle Polizisten sind Bastarde).

Anzeige

Schaden in Millionenhöhe

Die Razzia fand in Hannover-Linden, Springe, Lehre bei Braunschweig und Söhlde im Landkreis Hildesheim statt. Die Behörden ermitteln gegen insgesamt neun Mitglieder der Gruppierung, die gerne auch mal Partys organisiert, bei denen die Einnahmen „den Stadionverbotlern und Ultras bei Anwaltskosten zugutekommen“. Den Verdächtigen im Alter zwischen 20 und 27 Jahren wird unter anderem Landfriedensbruch, Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz und Sachbeschädigung zur Last gelegt.

Die Polizei ist mit einem Großaufgebot gegen Teile der Ultra-Szene von Hannover 96 vorgegangen.

Zum zehnjährigen Bestehen der Gruppierung hatten die Ultras im vergangenen Jahr ein etwa 20-minütiges Video veröffentlicht. In dem Film ist zu sehen, wie Mitglieder der Rising Boys verschiedene S-Bahnen und Regionalzüge, Lärmschutzwände und Mauern mit ihren Graffiti beschmieren – unter anderem an der Stadtbahnhaltestelle Markthalle und am Hauptbahnhof. Maskiert sind die Täter mit selbst gemachten Sturmhauben. An einen Zug sprühen sie das Wort „Farbhippies“, wobei die Buchstaben RBH (für Rising Boys Hannover) besonders hervorgehoben werden. Der Deutschen Bahn entsteht in Niedersachsen eigenen Angaben zufolge durch Farbschmierereien jährlich ein Schaden von mehreren Millionen Euro.

Trotz der Vermummung rechnen sich die Ermittler gute Chancen aus, die Sprayer überführen zu können. „Viele von ihnen tragen auf dem Video auffallende Sneaker, sodass sie identifiziert werden können“, sagt Bundespolizeisprecher Detlef Lenger. Wie groß die Vorliebe der Verdächtigen für ausgefallenes Schuhwerk ist, konnten die Fahnder am Mittwochmorgen mit eigenen Augen sehen. Einer der mutmaßlichen Sprayer hatte 20 verschiedene Paar Turnschuhe in seiner Wohnung.

Farbflecke an Turnschuhen

Den neun Verdächtigen kamen die Ermittler nach dem Spiel von Hannover 96 gegen Nürnberg auf die Schliche. Im Fanblock tauchte an diesem Tag ein Transparent mit der Aufschrift Rising Boys Hannover auf. „Nach der Bearbeitung des Fotos war zu erkennen, dass neun Ultras ihre Hände an dem Banner hatten, sodass wir davon ausgehen, dass sie zu der Gruppierung gehören“, sagt Bundespolizeisprecher Detlef Lenger. Ein Richter folgte der Argumentation der Polizei und unterschrieb die Durchsuchungsbeschlüsse. Bei diesen neun Personen wurde am Donnerstagmorgen durchsucht. Dabei beschlagnahmten die Beamten diverse Sprayer-Utensilien, Sneakers mit Farbflecken und diverse andere Beweisstücke. „Wir werden das Material in den kommenden Tagen auswerten“, sagt Lenger.

In der Fanszene wird die Polizeiaktion unterschiedlich bewertet. „Die Fangruppen werden zu kriminellen Banden stilisiert, die gemeingefährlich sind. Aber weil sie das eben nicht sind, sind sie relativ leichte Beute für die Polizei“, schreibt ein 96-Anhänger in einem Forum. „Man kann zu Fußball und dem Fanatismus stehen, wie man möchte, prügelsüchtige Idioten sind Straftäter, die man weder verdammen noch glorifizieren muss“, schreibt ein Fan der „Roten“ auf der Facebook-Seite der HAZ.

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) hat unterdessen angekündigt, das Thema Gewalt bei Fußballspielen auf einem Gipfel am 10. August in Hannover diskutieren zu wollen. Zudem hatte der Politiker sich für ein lebenslanges Stadionverbot für gewaltbereite Fans ausgesprochen.     

Ebenfalls am Mittwoch hat die Polizei fast 100 Häuser und Wohnungen von Eintracht-Braunschweig-Ultras durchsucht. Hier ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen der Attacke auf einen Polizisten.

Bernd Haase 14.06.2017
Aus der Stadt DNA-Spuren führen nach Hannover - Gibt es eine Wende bei den Göhrde-Morden?
14.06.2017