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Aus der Stadt Polizei fahndet in Hannover nach aggressivem Hund
Hannover Aus der Stadt Polizei fahndet in Hannover nach aggressivem Hund
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21:49 23.01.2011
Mit diesem Aushang in der Straße Im Haspelfelde sucht der Halter des verletzten Yorkshireterriers nach Zeugen. Sein Hund wurde von einem Staffordshireterrier schwer verletzt. Quelle: Kristoffer Finn
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Eine Woche ist die Beißattacke des Staffordshire-Terriers her, der in der Südstadt einen kleineren Yorkshire-Terrier fast zu Tode gebissen hat. Das Tier ist allmählich auf dem Weg der Besserung, am Montag wollen die Halter es voraussichtlich aus der Tierärztlichen Hochschule wieder abholen. Doch in der Nachbarschaft hat der Vorfall böse Erinnerungen geweckt. Nach Einschätzung der Polizei war es möglicherweise der gleiche aggressive Kampfterrier, der vor anderthalb Jahren einen Dackel totgebissen hatte. Dabei dürfte das Tier eigentlich gar nicht mehr bei seinem Halter sein. Bei der Polizei jedenfalls ist der Hund als gestohlen gemeldet – auf diesem Wege ließ sich nach der ersten Beißattacke der Wesenstest umgehen. „So läuft es doch immer“, heißt es in der Nachbarschaft: „Auffällige Hunde werden eine Zeit lang bei Bekannten geparkt, bis sich die Aufregung gelegt hat.“ Dieses Mal allerdings wird es wohl dauern, bis sich die Aufregung legt. „Wir ermitteln jetzt nicht mehr nur wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz, sondern wegen einer fahrlässigen Körperverletzung“, sagt ein Beamter: „Das ist ein Straftatbestand.“

Mit welcher Brutalität der Staffordshire-Terrier vorgeht, wird aus dem Aufnahmebefund der TiHo vom Juni 2009 ersichtlich, die den schwerverletzten Rauhaardackel zu behandeln versuchte. „Bauchhöhle linksseitig komplett eröffnet, Zwerchfell eröffnet, Thorax eröffnet, Bauchmuskulatur nicht mehr vorhanden“, heißt es dort unter anderem. „Wochenlang“ sei die Blutlache am Altenbeekener Damm sichtbar gewesen, erinnert sich ein Südstädter mit Schaudern: „Anfangs lagen da Hautteile und Haare – es war schrecklich.“

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Der Halter des aggressiven Terriers, ein heute 35-jähriger Südstädter, habe sich bei diesem ersten Vorfall noch korrekt verhalten, sagt die Halterin des Dackels. „Er hat mit uns auf die Polizei gewartet und gesagt, dass es ihm leid tut.“ Ruhig habe er seine Personalien aufnehmen lassen, die Polizei habe ihn sogar nach Hause begleitet, weil er keinen Ausweis dabei hatte.

Dass es bis September 2009 dauerte, bis der Halter des Staffordshire überhaupt zum Wesenstest aufgefordert wurde, kommt den betroffenen Dackelhaltern noch heute als „eigentlich viel zu lang“ vor. Doch was sie dann erlebten, erschütterte ihr Rechtsempfinden. „Der Mann ist zur Polizei gegangen und hat seinen Hund als abhanden gekommen gemeldet“, sagt die Dackelhalterin: „Auf einmal waren wir in der Pflicht, nachzuweisen, dass der Hund noch da ist.“

Tatsächlich gelang den Hundebesitzern nach Hinweisen aus der Nachbarschaft etwa ein Jahr später ein Schnappschuss des Staffordshire-Halters mit seinem Hund. Das Foto wurde die zuständigen Behörden vorgelegt. „Aber wie sollen wir beweisen, dass es wirklich der gleiche Hund ist?“, fragt die Dackelhalterin. Die Polizei stattete dem Halter des Staffordshire einen Hausbesuch ab – doch der hatte gemerkt, wie das Foto gemacht wurde, von dem Hund war in der Wohnung keine Spur zu sehen. „Man hatte uns das schon vorher prophezeit“, sagt die Dackelhalterin: „Der Hund wird unauffindbar sein, weil der den Wesenstest ja niemals bestehen würde.“ Von einem „Ohnmachtsgefühl“ spricht sie: „Man kann solchen Menschen offenbar mit juristischen Mitteln nicht beikommen.“ Wobei sie Wert auf die Feststellung legt, dass die Polizei stets korrekt gehandelt habe. „Irgendwas stimmt vielleicht mit den Gesetzen nicht“, sinniert sie. Tatsächlich gibt es in Niedersachsen – im Gegensatz zu viele anderen Bundesländern – ein besonders hundefreundliches Hundegesetz, das Kontrollen eher als Ausnahme statt als Regel vorsieht.

So war es ein Zufall, dass die Polizisten, die beim Vorfall in der Vorwoche zum Tatort in der Straße Im Haspelfeld kamen, sich an den Vorgang von 2009 erinnerten. „Die Beschreibung von Hund und Halter könnte passen“, sagt Polizeisprecher Holger Hilgenberg. Überzeugen konnten sie sich selbst davon nicht: Bei diesem Vorfall floh der Halter nach kurzem Wortwechsel vom Unfallort, die Polizei traf ihn auch zuhause nicht an. Gegen den 35-Jährigen läuft jetzt ein Verfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung, weil bei dem jüngsten Vorfall auch der Halter des Yorkshires leicht verletzt wurde. Er hatte versucht, seinen Hund zu schützen, und sich dabei Abschürfungen zugezogen. Auch er lobt die Arbeit der Polizei: „Ich bin von vielen Leuten angesprochen worden, die inzwischen als Zeugen befragt wurden“, sagt er: „Da wird offenbar richtig intensiv ermittelt.“ Polizeisprecher Hilgenberg will vorerst nur bestätigen, dass es „mehrere Zeugenaussagen“ gebe, die den Beschuldigten mit dem Staffordshire gesehen haben.

Der schwer verletzte Yorkshire ist „auf dem Weg der Besserung“, wie sein Herrchen erleichtert sagt. Die Halter des getöteten Rauhaardackels haben sich schweren Herzens einen neuen Hund angeschafft – „um über den Schmerz hinwegzukommen“. Beide Halter erzählen, welche Angst sie jedes Mal beschleicht, wenn sie beim Gassigehen großen Hunden begegnen. Der Halter des Yorkshires hat zudem Zeugenaufrufe in der Nachbarschaft ausgehängt - zum Teil sind sie wieder abgerissen worden. Auch die Polizei bittet um Zeugenhinweise unter Telefon (05 11) 1 09 32 17.

Immer wieder Beißattacken

Die Meinungen über das Wesen von Staffordshireterriern gehen sowohl in der Bevölkerung als auch in der Fachwelt auseinander. Das liegt auch an ihrer Herkunft: Gezüchtet wurden die Hunde ursprünglich als sogenannte Kampfhunde in englischen Bergarbeitersiedlungen. Für Sportwetten mussten sie Ratten jagen und wurden in Hundekämpfen gegeneinander gehetzt. Als England 1835 als erstes Land in Europa Tierkämpfe verbot, wurden die Tiere umgezüchtet – seitdem werden sie vor allem als Familienhunde gehalten. Ihren Ruf als Kampfhunde haben sie heute der Tatsache zu verdanken, dass sie häufig von zweifelhaften Haltern geschätzt werden, die die enorme Kraft und die Angriffslust der Tiere mehr fördern als ihren Familiensinn.

Je nach Herkunft unterscheiden sich Staffordshirebullterrier, American-Staffordshire-Terrier und andere Rassen. Umgangssprachlich werden sie oft als „Pitbull“ unter einem Begriff summiert.

Staffordshirebullterrier, American-Staffordshire-Terrier, American-Pitbull-Terrier und Bullterrier sind im Bundesgesetz über „gefährliche Hunde“ mit einem Importverbot belegt. Sie stehen in den meisten Bundesländern auf der Liste der gefährlichen Hunde, für deren Haltung ein Wesenstest absolviert werden muss. In Niedersachsen dagegen muss ein Hund erst auffällig werden, damit ein Wesenstest angeordnet werden kann.

Am Donnerstag vergangener Woche wurde ein Staffordshireterrier aus dem Tierheim in Langenhagen-Krähenwinkel eingeschläfert, weil er beim Ausgehen seinen Gassigeher angefallen und verletzt hatte. Nach Angaben des Tierheims und der Region Hannover als zuständige Veterinärbehörde lagen keine Hinweise darauf vor, dass der Hund besonders aggressiv sein könnte. Das Tier war im vergangenen Jahr an eine Besitzerin vermittelt worden.

Mit dem Hinweis, der Hund sei „schwierig“, hatte die Frau „Bonobo“ im Dezember aber zurück ins Tierheim gebracht. „Das ist noch kein Grund, einen Wesenstest anzuordnen“, sagte ein Regionssprecher. Die Untersuchung wäre aber noch gar nicht möglich gewesen: Für den Verhaltenstest muss ein Hund mindestens 15 Monate alt sein. „Bonobo“ war zum Zeitpunkt der Beißattacke noch einen Monat jünger.

Conrad von Meding und Vivien-Marie Drews