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Aus der Stadt Handydiebstahl: Polizei filzt Taschen von Schülern
Hannover Aus der Stadt Handydiebstahl: Polizei filzt Taschen von Schülern
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00:16 08.12.2017
Die Streifenwagen parken vor dem Schulgebäude, drinnen sind die Polizeibeamten aktiv. Quelle: Katerina Jarolim-Vormeier
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Großburgwedel/Hannover

 Einen aufsehenerregenden Polizeieinsatz gab es am Montagnachmittag am Gymnasium Großburgwedel. Einer Sechstklässlerin war ihr Handy, ein iPhone 6S, abhanden gekommen. Nachdem die Mutter das Mobiltelefon ihrer Tochter mithilfe ihres eigenen Smartphones im Schulgebäude geortet hatte, informierte sie  die Schulleitung, diese rief die Polizei. Die Schüler aus rund einem halben Dutzend Klassen – Acht- und Neuntklässler, in deren Trakt das verschwundene Telefon geortet worden war – durften das Gymnasium nicht verlassen und mussten sich einer Taschenkontrolle unterziehen; die Aktion reichte über die sechste Stunde hinaus. Das Handy wurde schließlich verwaist auf einer Bank gefunden, wahrscheinlich hatte es der Dieb dort abgelegt. Doch nun wird an der Schule und in den sozialen Netzwerken heiß diskutiert, ob der Polizeieinsatz gerechtfertigt oder übertrieben war.

Gefahr im Verzug

Zunächst war in einer Jungentoilette im C-Trakt des Schulkomplexes die Hülle des Handys gefunden worden. Später gingen sechs Polizeibeamte in Begleitung von Lehrern in diesem Trakt von Klasse zu Klasse, um die Schüler über den Sachverhalt zu informieren und dem potenziellen Täter Gelegenheit zu geben, das Telefon zurückzugeben. Laut Auskunft von Kathrin Söfker, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hannover, hatte dies keinen Erfolg, deshalb beantragte das Kommissariat Großburgwedel bei der Ermittlungsbehörde eine Durchsuchungsanordnung. „Die Staatsanwältin der Bereitschaft hat eine Eilbedürftigkeit gesehen und auf Gefahr im Verzug erkannt“, sagte Söfker. Hätte man einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss erwirken wollen, hätte dies viel länger gedauert und wäre mit einer langwierigen, individuellen Personalienfeststellung verbunden gewesen. 

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Bei Grundschülern, sagte Söfker, wäre die Polizei wahrscheinlich nicht genauso wie am Großburgwedeler Gymnasium vorgegangen. Jugendliche im Alter zwischen 14 und 15 Jahren, die zudem schon strafmündig seien, hätten für eine derartige Durchsuchungsaktion aber sicher Verständnis. Es habe vor Jahren einen ähnlichen Fall gegeben, erinnert sich die Staatsanwältin, wo Eltern eine Anzeige wegen Freiheitsraubung gestellt hatten –ihr Kind war nicht pünktlich nach Hause gekommen. Auch über den Polizeieinsatz in Großburgwedel erregen sich jetzt einige Nutzer von sozialen Netzwerken, sprechen von „Rasterfahndung“,  „Sippenhaft“ und Ungleichbehandlung, weil bei ähnlichen Diebstählen nicht der gleiche  Aufklärungsaufwand betrieben worden sei. „Wir haben diese Durchsuchung angeordnet“, erläutert Kathrin Söfker, „weil wir klare Hinweise hatten, dass sich das vermeintliche Diebesgut noch auf dem Schulgelände befindet.“ Und letztendlich habe sich ja erwiesen, dass diese Annahme richtig war.

“Hier darf der Staat ruhig Flagge zeigen“

Dass die Polizei in Schulen Durchsuchungen durchführt, ist nach den Worten des Landeselternrats-Vorsitzenden Mike Finke gar nicht so selten. Meist gehe es dabei aber um die Suche nach Drogen, weniger um Diebstähle. Er finde es richtig, wie die Polizei in Großburgwedel agiert habe; im Gegensatz dazu seien die Lehrer nicht berechtigt gewesen, die Schüler zu durchsuchen. Horst Audritz, Vorsitzender des niedersächsischen Philologenverbandes, hat eine ganz persönliche Meinung zu dem Thema: „Solche Diebstähle sollte man nicht unter den Teppich kehren, hier darf der Staat ruhig Flagge zeigen.“ Aus eigener Erfahrung kennt Laura Poth,  Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW Niedersachsen,derartige Delikte von der Schule ihres Sohnes. „Und das Stehlen eines wertvollen Handys ist kein Kavaliersdelikt, hier dürfen Schulen und Ermittlungsbehörden durchaus Signale senden, dass sie dies nicht hinnehmen.“  miz

Von Michael Zgoll