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Aus der Stadt Polizei findet weitere vier Verdächtige
Hannover Aus der Stadt Polizei findet weitere vier Verdächtige
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22:53 24.06.2010
Von Thorsten Fuchs
Auf dem Sahlkampmarkt kam es am Sonnabend zu den Übergriffen auf eine jüdische Tanzgruppe. Quelle: Rainer Surrey

Bei den vier Verdächtigen handelt es sich um zwei Elfjährige, einen Neun- und einen 16-Jährigen. Alle seien arabischstämmig, teilte die Polizeidirektion Hannover am Donnerstag mit. Der nach HAZ-Informationen aus dem Irak stammende 16-Jährige sei früher bereits durch Sachbeschädigung und Körperverletzung aufgefallen. Bereits am Mittwoch waren ein 14-jähriger Deutscher und ein 19-jähriger gebürtiger Nordafrikaner ermittelt worden.

Alle sechs sollen an den antisemitischen Übergriffen am Wochenende im hannoverschen Stadtteil Sahlkamp beteiligt gewesen sein. Dabei haben nach Augenzeugenberichten überwiegend arabischstämmige Kinder und Jugendliche bei einem Stadtteilfest eine jüdische Tanzgruppe mit gröberen Kieselsteinen beworfen und judenfeindliche Parolen gerufen. Eine Tänzerin wurde dabei leicht verletzt. Insgesamt geht die Polizei von neun Tatverdächtigen aus.

Entsetzt über diesen Vorfall zeigte sich am Donnerstag die niedersächsische Sozial- und Integrationsministerin Aygül Özkan (CDU): „Ich bin bestürzt über diesen Gewaltausbruch.“ Die Landesregierung werde „nicht nachlassen, die interreligiöse und interkulturelle Verständigung zu fördern“ , kündigte sie an.

Wenig überrascht von den Vorfällen zeigten sich am Donnerstag Experten. Nach einer Studie der Fachhochschule Hannover sind antisemitische Denkmuster unter arabischstämmigen, aber auch unter russlanddeutschen Jugendlichen relativ weit verbreitet. In Befragungen hätten viele auch von antisemitischen Vorfällen im ihrem Umfeld berichtet.

Antisemitismus bei Schülern

Unvorhersehbar? Total überraschend? Da hat Wolfram Stender, Professor an der Fachhochschule Hannover, so seine Zweifel.

Natürlich, die Sätze des städtischen Sozialarbeiters waren eindeutig. „Es gab für uns keinen Grund anzunehmen, dass etwas passiert“, beteuerte der Leiter des Stadtteiltreffs Sahlkamp, Hajo Arnds, nach den Attacken auf eine jüdische Tanzgruppe bei einem Stadtteilfest am vergangenen Wochenende, nach den Steinwürfen und den „Juden raus“-Rufen. Wirklichen Antisemitismus gebe es unter den Jugendlichen im Stadtteil nicht, fügte er dann noch hinzu – und offenbart damit eine sehr blauäugige Sicht der Dinge. „Naiv“ nennt der Soziologe Stender diese Sätze und ist über den Vorfall wenig erstaunt: „Es überrascht mich nicht sehr, was da geschehen ist.“

Stender ist kein Besserwisser. Er hat nur das getan, was auch Sozialarbeiter und Lehrer tun oder tun sollten: Er hat jungen Menschen zugehört. Für eine Studie über antisemitische Vorurteile hat der Wissenschaftler in den vergangenen zwei Jahren 80 überwiegend muslimische und arabische, aber auch zum Beispiel aus Russland stammende Schüler in den Stadtteilen Badenstedt, Linden-Süd und Sahlkamp befragt – angeregt durch „Warnrufe“ von Sozialarbeitern aus Schulen und Jugendzentren.

Das Ergebnis war eindeutig: Antisemitische Vorurteile sind unter den Jugendlichen weit verbreitet. Und: „Alle befragten Jugendlichen berichteten mir von antisemitischen Vorfällen an ihren Schulen und ihren Stadtteilen.“ So gebe es unter den Jugendlichen kaum einen, der nicht das Schimpfwort „Du Jude“ kennt und auf Nachfrage auch eine Vorstellung davon präsentiert, was dies seiner Meinung nach bedeutet: „Hinterhältige, verlogene, geizige Mitschüler.“ Alles dies ist nicht gleichzusetzen mit einer antisemitischen Weltanschauung, betont Stender. So haben sich viele Schüler vom Antisemitismus deutlich distanziert – antisemitische Stereotype dann aber doch reproduziert. Auszüge aus den Gesprächsprotokollen belegen Schockierendes: „Die sind so gierig und so hinterhältig“, sagt da ein Junge. „Wir haben so eine in der Klasse, man redet so, und dann kommt sie: so äääähh. Sie mischen sich immer ein. Sie geiern, wirklich.“

Woher diese Vorurteile kommen, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Stender meint, dass Herkunft wichtiger sei als die Religion. Bei Jugendlichen aus dem Libanon zum Beispiel seien die Erfahrungen der Eltern entscheidender als ein muslimischer Glaube. Besonders offene antisemitische Haltungen fand Stender in Hannover bei Russlanddeutschen, also nicht muslimischen Jugendlichen.

Dem widerspricht der Kriminologe Christian Pfeiffer. Der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen präsentierte Detailergebnisse einer jüngsten Studie unter 45.000 Jugendlichen, die eines belegen: „Je stärker junge Muslime in ihrem Glauben verhaftet sind, desto deutlicher fallen ihre antisemitischen Tendenzen aus.“

Entscheidender für das Vorgehen gegen solches Gedankengut dürfte aber ohnehin ein anderes Ergebnis sein: Die häufig tiefe Kluft zwischen der Wahrnehmung von Fachleuten auf der einen Seite und der Realität der Jugendlichen auf der anderen Seite. „Da haben Lehrer antisemitische Vorkommnisse an ihren Schulen verneint – und eine Stunde später erzählen uns die Jugendlichen etwas völlig anderes. Das war schon sehr erstaunlich“, sagt Stender. So berichteten Schüler an einer Schule zum Beispiel von einem jüdischen Mädchen, das systematisch gemobbt worden sei, bis es die Schule verließ. Unter den Schülern war dies bekannt – die Lehrer jedoch zeigten sich ahnungslos. Antisemitismus? Nicht bei uns!

Nicht unbedingt Ausdruck von Schönfärberei, wohl aber von Unkenntnis. Stender empfiehlt deshalb den Einsatz von Teams, die Lehrer und Sozialarbeiter beraten. In Berlin hätten sich solche Teams bewährt. Für den Sahlkamp hält Stenders Studie auch noch etwas Tröstliches bereit: Antisemitische Tendenzen sind dort nicht ausgeprägter als in den anderen untersuchten Stadtteilen. Für die Stadt insgesamt bedeutet das aber nichts Gutes: Die Übergriffe hätten sich auch in Linden-Süd, Badenstedt und vermutlich auch vielen anderen Vierteln ereignen können.

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