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Aus der Stadt Polizei nach erfolgloser Leichensuche in der Kritik
Hannover Aus der Stadt Polizei nach erfolgloser Leichensuche in der Kritik
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21:41 10.07.2012
Von Vivien-Marie Drews
Foto: Bauarbeiter demontieren die Halle des Rockerclubs Hells Angels in Kiel-Altenholz. Eine Leiche wird dort nicht gefunden.
Bauarbeiter demontieren die Halle des Rockerclubs Hells Angels in Kiel-Altenholz. Eine Leiche wird dort nicht gefunden. Quelle: dpa
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Hannover

Die Nachrichten, die den hannoverschen Rechtsanwalt Götz von Fromberg am Dienstag aus Kiel erreichten, entsprachen dem, was er von Anfang an erwartet hatte. „Dass man keine Leiche gefunden hat, überrascht mich nicht“, sagt von Fromberg. Er vertritt Frank Hanebuth, der bis vor wenigen Tagen als Chef der hannoverschen Hells Angels auftrat. Seit nunmehr fünf Wochen sieht sich Hanebuth heftigen Vorwürfen ausgesetzt – die sich nun als haltlos zu erweisen scheinen.

Steffen R., ehemaliges Mitglied bei der den Hells Angels nahestehenden Gruppierung „Legion 81“ in Kiel, hatte Anfang Juni vor Gericht ausgesagt, Hanebuth habe einen Mordauftrag gebilligt. Die Leiche des Türken Tekin Bicer sei anschließend in einer Lagerhalle in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt einbetoniert worden. Sieben Wochen lang suchten die Ermittler nach der Leiche, drehten jeden Stein um, zerbröselten das Fundament, gruben darunter noch zwei Meter tief. Eine Leiche aber fanden sie nicht. Am Dienstag stellte die Staatsanwaltschaft Kiel die Suche ein. Es bestehe aber weiterhin ein Tatverdacht, es werde in alle Richtungen ermittelt, hieß es.

Anwälten und Ermittlern stellt sich nun erneut die Frage nach der Glaubwürdigkeit des Steffen R. Er saß selbst auf der Anklagebank, als er den Behörden zusagte, über die Hells Angels und Frank Hanebuth auszupacken. In dem Verfahren ging es um Menschenhandel, Zuhälterei, räuberische Erpressung, Nötigung, Körperverletzung, Anstiftung zur schweren Körperverletzung, Betrug, Sachbeschädigung und Bedrohung. Für Hanebuths Anwalt von Fromberg liegen die Beweggründe des Steffen R. auf der Hand: „Steffen R. ist unglaubwürdig, der Mann hat schwerste Straftaten begangen und wollte sich durch seine Aussage erhebliche Vorteile verschaffen.“ Offenbar hatte sich R. erhofft, durch seine Aussagen ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen zu werden.

Die Staatsanwaltschaft Kiel stufte die Aussage damals als glaubwürdig ein – und beantrage die Durchsuchung von Hanebuths Privathaus in der Wedemark. In den frühen Morgenstunden des 24. Mai stürmten Beamte der Elitetruppe GSG 9 das Grundstück in Bissendorf-Wietze. Schwer bewaffnet seilten sie sich von einem Hubschrauber in den Garten ab. Bei der Aktion wurde auch einer von Hanebuths Hunden erschossen. Waffen oder andere verdächtige Gegenstände fanden die Ermittler nicht.

Inzwischen bezweifeln selbst Polizisten hinter vorgehaltener Hand, ob die radikale Vorgehensweise gegen Hanebuth als Reaktion auf die Aussagen des Steffen R. begründet war – oder die Grundlage für den GSG-9-Einsatz doch etwas dünn. „R. hat selbst immer gesagt, dass er ein Zeuge vom Hörensagen ist – und da muss man bei der Bewertung höchste Vorsicht walten lassen“, sagt von Fromberg. Tatsächlich hatte Steffen R. vor Gericht stets betont, er habe von Dritten erfahren, dass Hanebuth in den Mord an Tekin Bicer verwickelt sei und die Leiche im Fundament der Lagerhalle liege. Er selbst habe dafür aber keine eigenen Anhaltspunkte.

Inzwischen ist die Halle komplett demontiert. Leichenspürhunde hatten dort wiederholt angeschlagen, ein Leichnam wurde aber nicht gefunden. „Nun stellt sich die Frage, ob Tekin Bicer überhaupt tot ist“, sagt Rechtsanwalt von Fromberg. Der Türke ist seit 2010 verschwunden. Hanebuth hatte stets betont, er habe nichts mit dem Schicksal des Mannes zu tun, und alle Vorwürfe strikt von sich gewiesen.

Unabhängig davon, ob sich die Aussage gegen Hanebuth nun als falsch herausstellen sollte, hat sie für ihn doch weitreichende Konsequenzen. Durch die Ermittlungen hatte der öffentliche Druck auf die Hells Angels erheblich zugenommen. Innenminister Uwe Schünemann (CDU) sprach wiederholt von einem bevorstehenden Verbot des Rockerklubs. Ende Juni teilte Hanebuth mit, dass der Hells-Angels-Klub in Hannover sich mit sofortiger Wirkung auflösten. Möglicherweise wollte er damit verhindern, dass die Behörden ihm zuvorkommen.

Anwalt von Fromberg kündigt an: „Wir werden überprüfen, ob der Einsatz der GSG 9 in diesem Fall rechtmäßig war.“

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