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Aus der Stadt Festnahmen und Verletzte bei Hagida-Demo
Hannover Aus der Stadt Festnahmen und Verletzte bei Hagida-Demo
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00:19 29.01.2015
Etwa 2000 Gegendemonstranten hatten sich am Kröpcke versammelt. Quelle: Philipp von Ditfurth
Hannover

Es ist 20.05 Uhr, als Hagida und Gegendemonstranten sich das erste Mal von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Auf der Osterstraße wird es laut. Während die rund 240 Anhänger der „Hannoveraner gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Hagida) die Parole „Wir sind das Volk“ skandieren, halten gut 2000 Gegendemonstranten lautstark dagegen.

Die Demonstrationen im Minutenprotokoll zum Nachlesen.

Kurz darauf fliegen Böller, Eier und Tomaten. Rauchbomben werden gezündet, die Polizei geht zielstrebig gegen Störer aus dem linksautonomen Lager vor. Auch auf der Seite des hannoverschen Ablegers der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ müssen die Beamten eingreifen.

Mehr als 40 Festnahmen und dutzende Leichtverletzte

Am Ende des Abends stehen Dutzende Festnahmen: Die Polizei nahm nach eigenen Angaben insgesamt 22 "linksorientierte Personen" sowie 20 Hagida-Anhänger fest, sie wurden später wieder entlassen. Bei den Auseinandersetzungen wurden insgesamt 29 Menschen leicht verletzt, darunter 24 Polizeibeamte. Einer von ihnen wurde von einem Tritt getroffen, die übrigen erlitten leichte Verletzungen durch Reizgas, das sowohl von den Demonstranten als auch aus den Reihen der Einsatzkräfte versprüht wurde.  

Großeinsatz der Polizei: Zum zweiten Mal in wenigen Wochen gingen Hagida-Anhänger Ende Januar in Hannover auf die Straße. Ein breites Bündnis protestierte gegen die umstrittene Veranstaltung.

Die Polizei ist diesmal mit einem Großaufgebot vor Ort. Schon Stunden vor Beginn der Hagida-Kundgebung – etliche Geschäfte am Versammlungsort sind geschlossen – hatten mehrere Hundertschaften den Opernplatz abgeriegelt. Später sichern sie die Marschroute, die die Hagida-Organisatoren zuvor angekündigt hatten. Die Behörde will nicht denselben Fehler wie vor zwei Wochen begehen, als gut 19.000 Demonstranten gegen Hagida auf die Straße gingen, von denen es 2500 schafften, den „Spaziergang“ der Islamkritiker über die Georgstraße zu verhindern. Diesmal sehen sich die Einsatzkräfte jedoch nur etwa 2000 Gegendemonstranten gegenüber, der weitaus größte Teil verhält sich friedlich.

Protest gegen Hagida: Die Bilder der Demonstration gegen die hannoversche Pegida-Veranstaltung.

Bereits gegen 18 Uhr, eine Stunde vor Beginn der Hagida-Kundgebung, hatten sich etwa 500 Gegendemonstranten an der westlichen Seite des Opernplatzes versammelt, darunter rund 100 Mitglieder der linksautonomen Szene. Mehrfach gibt es Versuche, den Zugang zur Hagida-Kundgebung oder den Verlauf des Aufmarsches zu blockieren. Nach einer Festnahme aber beschränkt sich der Protest darauf, die Hagida-Kundgebung mit Trillerpfeifen zu stören.

Dort, vor dem Opernhaus, wirft die Hamburgerin Tatjana Festerling (AfD) den politischen Verantwortlichen vor, die Gesellschaft zu spalten. Friedemann Grabs von der rechtspopulistischen Partei „Die Hannoveraner“ beschimpft vor allem die Presse. Als allerdings etwa 40 Hooligans und Neonazis grölend am Opernplatz eintreffen, unterbricht Grabs seine Ausführungen und sagt: „Mit Neonazis wollen wir nichts zu tun haben.“

Trotzdem: Als der Zug sich gen Platz der Weltausstellung in Bewegung setzt, skandieren Teilnehmer der Hagida-Demonstration nicht nur „Wir sind das Volk“, sondern auch den Nazi-Slogan: „Hier marschiert der nationale Widerstand“. Ganz vorne mit dabei sind mehrere ehemalige Mitglieder der verbotenen Organisation „Besseres Hannover“.

Gegen 20.11 Uhr erklärte die Polizei die Hagida-Kundgebung für offiziell beendet. Da hatten die Veranstalter bereits ihre Ankündigung erneuert, künftig an jedem Montag in der Innenstadt demonstrieren zu wollen.

Von Jörn Kießler, Tobias 
Morchner und Mathias Klein

Hunderte zeigen Flagge für eine weltoffene Stadt

Er hat sich in schwarz-rot-goldenes Tuch gehüllt: „Unsere Fahne gehört nicht Pegida, sondern dem ganzen Volk“, sagt Meikel Theis. Und so zeigt der 24-Jährige buchstäblich Flagge in der Marktkirche. Es sind weniger Menschen zum interreligiösen Friedensgebet gekommen als vor zwei Wochen. Doch nach Polizeischätzung drängen sich rund 1000 Besucher im überfüllten Gotteshaus und davor. „Ich will ein Zeichen setzen gegen Ausländerfeindlichkeit“, sagt die 78-jährige Gerda Hoppe: „In unserem Haus in Linden leben Menschen verschiedenster Herkunft – und es klappt wunderbar.“

Die Flagge nicht den Rechten überlassen: Meikel Theis in der Marktkirche. Quelle: Simon Benne

Menschen unterschiedlicher Herkunft haben sich auch im Altarraum versammelt. Muslime und Juden, Christen und Bahai sind zusammengekommen, um zu zeigen, dass sich das Abendland nicht anhand religiöser Trennlinien auseinanderdividieren lässt. Als Vertreter der muslimischen Gemeinde zitiert Halil Al-Fahad aus dem Koran, ehe er in dem christlichen Gotteshaus zu Allah betet: „Segne unsere Religionen und Traditionen, dass wir Gerechtigkeit suchen.“ Für die Bahai beschwört Ali Faridi die Gewissens- und Religionsfreiheit, die Errungenschaften des Abendlandes seien.

Als Ingrid Wettberg von der Liberalen Jüdischen Gemeinde den Bericht einer Gefangenen aus dem KZ Buchenwald vorliest, wird es still in der Kirche: „Als Menschen sind wir alle gleich“ – das ist die Erkenntnis, die die gequälte Gefangene an dem Schreckensort gewonnen hat. Auch der katholische Propst Martin Tenge macht deutlich, dass Christus das Leben nicht nur einer bestimmten Gruppe verheißen hat: „Aus seiner Sicht sind alle Menschen geliebte Geschöpfe Gottes.“ Oberbürgermeister Stefan Schostok („Ich bin stolz, dass ich eine übervolle Kirche sehe“) und Regionspräsident Hauke Jagau brechen ebenfalls eine Lanze für Weltoffenheit und Vielfalt.

Applaus brandet auf, als Marktkirchenpastorin Hanna Kreisel-Liebermann von der Hagida-Kundgebung berichtet: „Eben erreicht uns die Nachricht, dass immer noch zu viele, nämlich 30 Personen, auf dem Opernplatz demonstrieren.“ Später steigt diese Zahl allerdings.

Nach dem Gebet versammeln sich Hunderte vor der Kirche zur Kundgebung des Bündnisses „Bunt statt braun“. Deutlich weniger Menschen sind gekommen als vor zwei Wochen. Es nieselt; der Regen ist kein Freund der Versammlungsfreiheit. „Keine Toleranz für Intoleranz“, ruft Dirk Schulze von der IG Metall, Demonstranten schwenken Flaggen oder Schilder mit der Aufschrift „Für Respekt, für Vielfalt“. Schulze gibt sich in seiner Rede nachdenklich: Er glaube nicht, dass alle der Dresdner Pegida-Demonstranten unverbesserliche Rechtsextremisten seien: „Wie bitter wäre es, wenn wir die Mitläufer nicht erreichen könnten.“ Visitation Aceituno Castellanos vom Diakonischen Werk ruft zu Solidarität mit Flüchtlingen auf: „Keiner verlässt sein Land ohne triftigen Grund.“ Zumindest vor der Marktkirche ist ihr da breite Zustimmung gewiss.

Von Simon Benne

Genervte City-Händler schließen früher

Die hannoverschen Händler blicken mit Sorge auf die regelmäßigen Hagida-Demonstrationen montags in der Innenstadt. „Wir brauchen das nicht regelmäßig“, sagt Martin Prenzler, Geschäftsführer der Händlervereinigung City-Gemeinschaft. „Ich würde mir generell wünschen, dass Proteste aus dem Innenstadtkern herausgehalten würden.“ Diese Forderung sei Veranstaltern von Demonstrationen jeglicher Art jedoch nicht zu vermitteln.

Am Montag schlossen mehrere Innenstadtgeschäfte aus Sorge vor möglichen Krawallen schon am Nachmittag ihre Türen. Vor allem Läden in der Osterstraße beendeten den Arbeitstag frühzeitig, etwa das Reformhaus Bacher, Betten Raymond oder das Kinderkleidungsgeschäft Petit Bateau. Auch Sport-Scheck machte schon um 19 Uhr zu.

Die City-Gemeinschaft wird über angemeldete Veranstaltungen informiert und zu Planungstreffen der Polizei eingeladen. Dort kann sie Bedenken und Anregungen vorbringen.

Natürlich weiß Prenzler, dass das Versammlungsrecht ein hohes demokratisches Gut ist und Menschen mit ihren Anliegen gesehen werden wollen, statt weniger beachtet in Randlagen auf sich aufmerksam zu machen. Dagegen stehe das Interesse von Geschäftsinhabern, Mitarbeitern und Kunden. Ohne krawallige Proteste gegen Hagida liefen diese Demonstrationen seiner Einschätzung nach so ab: „200 Leute sind ein kleines Häuflein, das ist doch in einer Minute an einem Geschäft vorbeigegangen.“

Als Vorbild für die gelungene Verlegung einer Kundgebung außerhalb der Einkaufszone nennt Prenzler den Aufmarsch rechter Hooligans im November vergangenen Jahres am ZOB. Der Veranstalter wollte ursprünglich durch die Innenstadt ziehen, was die Polizei als Versammlungsbehörde jedoch untersagte, weil es bei einer ähnlichen Kundgebung zuvor in Köln Krawalle gab.

Von Gunnar Menkens

Getümmel und Gedränge an den Büffetstationen, im Hintergrund hörte man Walt Kracht und sein Orchester. Am Montagabend feierten über 2000 Gastronomen und Hoteliers das Jubiläum des Festivals der Sinne.

29.01.2015

Mit einem massiven Polizeiaufgebot hat die Polizei für Sicherheit bei der 240 Teilnehmer zählenden Hagida-Veranstaltung gesorgt. Gewaltbereite Gegendemonstranten versuchten die Veranstaltung stören, was die Polizei verhinderte. Die Ereignisse im Live-Ticker zum Nachlesen.

27.01.2015

Wegen Bremsproblemen musste ein Zug der Regionalbahn Erixx am Montag kurz vor dem Bahnhof Vinnhorst einen Nothalt einlegen. Die etwa 70 Passagiere mussten fast vier Stunden lang in dem Zug warten, bis Hilfe kam. Dann ließ man sie auf offener Strecke aussteigen und bis zum Bahnhof laufen.

Tobias Morchner 29.01.2015