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Aus der Stadt Polizisten zum Praktikum ins Obdachlosenheim?
Hannover Aus der Stadt Polizisten zum Praktikum ins Obdachlosenheim?
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07:22 02.06.2015
Von Jörn Kießler
Foto: Nach Vorschlag des Kriminologe Behr sollen Polizisten in ihrer Ausbildung künftig auch ein drei bis sechs Monate dauerndes Sozialpraktikum absolvieren - beispielsweise in einer Obdachlosenunterkunft.
Nach Vorschlag des Kriminologe Behr sollen Polizisten in ihrer Ausbildung künftig auch ein drei bis sechs Monate dauerndes Sozialpraktikum absolvieren - beispielsweise in einer Obdachlosenunterkunft. Quelle: dpa/Symbolfoto
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Hannover

Drei Wochen, nachdem zwei Bundespolizisten Anzeige gegen einen Kollegen in der Dienststelle am Hauptbahnhof erstattet haben, regt der Hamburger Kriminologe Rafael Behr eine Reform der Polizeiausbildung an. Zudem fordert der Dekan des Fachhochschulbereiches an der Hamburger Polizei-Akademie einen externen Polizeibeauftragten, der direkt dem Bundestag unterstellt ist. An ihn könnten sich Polizisten wenden, wenn sie sich über einen Kollegen beschweren wollen.

Das scheint auch nötig zu sein, wie die erste Bilanz des Innenministeriums nach der Einrichtung einer Beschwerdestelle für Bürger zeigt. Demnach haben sich 164 Personen in den ersten sechs Monaten über Polizisten beschwert, 128 der Fälle seien bereits aufgeklärt worden. 44 Prozent davon haben sich nach Informationen des Ministeriums als unbegründet erwiesen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass 72 Anrufer einen guten Grund hatten, sich über die Beamten zu beschweren.

Behr: Sonder­beschwerdestelle ist falscher Weg

Erst vor zwei Wochen war bekannt geworden, dass die Staatsanwaltschaft gegen einen Bundespolizisten wegen Körperverletzung im Amt ermittelt. Torsten S. soll im vergangenen Jahr mindestens zwei Flüchtlinge in der Gewahrsamszelle der Wache am Hauptbahnhof misshandelt haben. Obwohl es bereits im März und September zu den Übergriffen gekommen sein soll, zeigten seine beiden Kollegen den 39-Jährigen erst im Mai dieses Jahres an.

Bundespolizeipräsident Dieter Romann kündigte daraufhin die Einrichtung einer Sonder­beschwerdestelle an, bei der Beamte sich melden können. „Das ist gut gemeint, aber nicht gut gemacht“, sagt Rafael Behr. Eine solche Stelle müsse sich außerhalb des Hierarchiesystems der Behörde befinden. „Der beauftragte Beamte wäre direkt Herrn Romann unterstellt und dürfte ihm nichts verheimlichen“, erklärt Behr.

Viel wichtiger als eine solche Beschwerdestelle ist nach Meinung des Kriminologen aber ein Umdenken bei der Ausbildung. Hier sieht er schon ein Problem bei der Auswahl der Bewerber. „Für die schwierigen sozialen Anforderungen im täglichen Dienst brauchen wir bei der Polizei eigentlich die Besten“, sagt Behr. Anders als bei Rechtsanwälten und Lehrern suche die Polizei ihre Mitarbeiter jedoch nicht nach marktwirtschaftlichen Kriterien aus. „Stattdessen werden die angehenden Polizisten direkt zum Beginn ihrer Ausbildung verbeamtet und bezahlt“, sagt Behr. Danach würden die Polizisten in erster Linie für die Praxis der Polizei ausgebildet, nicht aber für die Zivilgesellschaft.

Sozialpraktikum für andere Perspektive

Der Direktor der Polizeiakademie Niedersachsen, Dieter Buskohl, sieht das anders: „Bei uns werden die angehenden Polizisten gerade für ihren Dienst an der Gesellschaft ausgebildet!“ Dabei liege der Fokus auf Konfliktsituationen, deren Lösung auf kommunikativem Weg trainiert werde.

Behr würde es dennoch begrüßen, wenn die Auszubildenden auch ein drei bis sechs Monate dauerndes Sozialpraktikum absolvieren würden, beispielsweise in einer Obdachlosenunterkunft. Dadurch könnten die Polizisten Kontakt zu Personen wie Drogenabhängigen oder Obdachlosen bekommen. „Dann könnten sie die Perspektive ihres Gegenübers besser nachvollziehen und würden nicht nur  einen Menschen sehen, der Probleme macht“, sagt Behr.

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Die umstrittene Beschwerdestelle im Innenministerium in Hannover zieht eine erste Bilanz. Dort gingen im ersten halben Jahr 164 Beschwerden über Polizisten ein. Von den bereits geklärten 128 Fällen habe sich die Hälfte als unbegründet erwiesen, hieß es aus dem Innenministerium.

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