Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Der Schlüssel? Die Sprache.
Hannover Aus der Stadt Der Schlüssel? Die Sprache.
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:37 11.06.2014
„Unglaublich, dass so etwas passiert ist“: Das alltägliche Misstrauen von Deutschen gegenüber Afrikanern brachte Abayomi Bankole dazu, sich zu engagieren. Quelle: von Ditfurth
Anzeige
Hannover

Die Geschichte mit dem Fahrrad liegt schon ein paar Jahre zurück, aber wenn Abayomi Oluyombo Bankole sie erzählt, fühlt er wieder die gleiche Empörung wie damals. „Unglaublich“, sagt er, „dass so etwas passiert ist.“ Eine Polizeistreife hielt einen Afrikaner an, der Mann war mit dem Rad unterwegs. Die Beamten verlangten eine Quittung von ihm, sie sollte beweisen, dass das Rad tatsächlich sein Eigentum ist. Oder besser gesagt: nicht gestohlen. Und abgesehen von dieser Unterstellung: Wie oft bitten Polizisten deutsche Radfahrer um Besitznachweise? Der Mann musste zurück nach Hause fahren, dort bewahrte er die Quittung auf.

Für Abayomi Bankole, 67, gebürtig aus Nigeria, war diese Episode ein Beweis mehr dafür, mit welchen Vorurteilen Afrikanern oft begegnet wird: dass sie Diebe und Dealer seien aus Ländern, in denen Drogen, Krankheit und Korruption herrschten. Er hat den Schluss daraus gezogen, dass er Menschen verschiedener Kulturen und Länder zusammenbringen sollte, besonders Afrikaner und Deutsche. „Wir müssen ins Gespräch kommen“, sagt er leise, nur so könnte man Ressentiments abbauen. Und er hat erlebt, dass Afrikaner in Hannover Hilfe brauchen. Unterstützung von Landsleuten, Beratung bei Behörden, Zuhörer in Krisenzeiten, Vertreter ihrer Interessen in einem fremden Land.

Anzeige

Hilfe für Flüchtlinge

Der Afrikanische Dachverband Nord ist ein Zusammenschluss von 16 Vereinen und Organisationen. Sein Vorsitzender Abayomi Bankole versteht sein Amt auch als politische Position, nicht nur wegen seiner Tätigkeit in verschiedenen Gremien. In einem Brief an Landtagspräsident Bernd Busemann machte Bankole darauf aufmerksam, dass Flüchtlinge in Notsituationen zunächst ohne Krankenversicherung dastünden. Anlass des Schreibens war der Tod des kleinen Joshua, der gestorben war, nachdem seine ghanaische Mutter das Kinderkrankenhaus Auf der Bult offenbar kurz vor der Aufnahme wieder verlassen hatte. Bankole forderte vom Gesetzgeber „eine einheitliche und klare Regelung im Bereich der Krankenversorgung für Asylbewerber“. Weder Krankenhäuser, die Risiken der Kostenerstattung trügen, noch Kranke, die sich in Notsituationen schnell einen Krankenschein besorgen müssten, sei die gegenwärtige Situation zuzumuten. Bankole regte an, dem Bremer Modell zu folgen. Das Bundesland habe mit den Kassen einen Vertrag geschlossen, seitdem bekämen Flüchtlinge eine Versichertenkarte.
Im Konflikt um die Besetzung des Weißekreuzplatz durch sudanesische Flüchtlinge vermittelte Bankole. Den Menschen dort gehe es „um eine würdige Behandlung“.     gum

Vor sieben Jahren gründete der Nigerianer deshalb den Afrikanischen Dachverband Norddeutschland. Man findet seine Räume im zweiten Stock eines Hinterhofs in Ricklingen, das Zentrum bilden schwere, ausrangierte Bürosessel, die um einen Tisch herum stehen. An den Wänden kleben Plakate mit Veranstaltungsankündigungen. Der Weg hierher ist nicht ganz leicht zu finden: Irgendwie ist es dem Vermieter nicht gelungen, im Treppenhaus ein Hinweisschild auf den Verband anzubringen. 

Abayomi Bankole führt die Organisation mit großem Ernst im Interesse der Sache, aber auch mit leisem Humor. Sein eigener Weg steht für die Geschichte vieler Afrikaner. Es ist ein ermutigender Weg, denn Bankole hat Schwierigkeiten getrotzt, und er hat sich nicht unterkriegen lassen. Jetzt lebt er seit 42 Jahren in Deutschland, die meiste Zeit in Hannover. Mittlerweile fühlt er sich mehr als Deutscher denn als Nigerianer, bald soll zu dem Gefühl der Pass kommen. Der Vorsitzende des Afrikanischen Dachverbandes wäre dann ein Deutscher. So etwas nennt man wohl Integration.

Deutsch lernen in drei Monaten

Es war 1972, das Jahr der Olympischen Spiele in München, als der junge Mann beschloss, Nigeria zu verlassen. Im Land brachen erneut Unruhen aus, Bankole spricht von ethnischen Säuberungen, vor denen er, Pilot bei der Luftwaffe, fliehen musste, um sein Leben nicht zu gefährden. Über England kam er nach Hamburg und bald nach Hannover, ein Cousin lebte in der Stadt. Gleich in Hamburg geschah, was er heute seine Rettung nennt. Ein Sachbearbeiter im Amt setzte ihn unter Druck: Kann er in drei Monaten kein Deutsch, muss er Deutschland verlassen. Eine Warnung, die Bankole verstand. Er kaufte sich alte Bücher und guckte Fernsehen, soviel er konnte. „Ich habe alles nachgeplappert, auch wenn ich es nicht verstanden habe.“ So begann er, die Sprache zu lernen. Zurück auf dem Amt konnte er sich für den Hausgebrauch verständlich machen. Bankole kichert leise, „der Mann ist fast vom Stuhl gefallen“. Das war ein kleiner Triumph. „Aber na ja“, sagt er jetzt auf seinem schweren Bürostuhl, „Asbach uralt, die Geschichte“.

In den nächsten Jahren kämpfte er damit, sein Leben selbst zu finanzieren. Eine Ausbildung zum Piloten bei der Lufthansa konnte er sich nicht leisten. Abayomi Bankole versuchte, über das Arbeitsamt eine Stelle als Maschinenschlosser zu bekommen, diesen Beruf hatte er in Nigeria gelernt. Einen Arbeitgeber fand er nicht. Kam er zu einem Vorstellungsgespräch, hieß es immer, die Stelle sei leider schon besetzt. Der Pilot aus Nigeria hielt sich als Taxifahrer über Wasser, aber nur eine Weile. Seit inzwischen 20 Jahren betreibt Bankole als selbstständiger Mann ein sehr deutsches Geschäft: Er verkauft Versicherungen.

Im Ehrenamt bemüht sich der 67-Jährige nun, die Menschen zusammenzubringen. Die Geschichte vom Radfahrer und der Polizei brachte ihn auf die Idee, ein Fußballturnier zu organisieren. Er lud Beamte ein und Afrikaner, man spielte in gemischten Teams. Seitdem wird das Turnier regelmäßig organisiert, in diesem Jahr am 21. Juni im Erika-Fisch-Stadion, der früheren Mehrkampfanlage. Oberbürgermeister Stefan Schostok ist Schirmherr. Bankole hofft, dass solche Treffen Vorurteile abbauen. Bei Polizisten, die unter Kollegen als Multiplikatoren wirken; bei Afrikanern, die erleben, dass Beamte ihnen nicht mit bösem Willen nachstellen.

„Die Sprache ist der Schlüssel“

Der Vorsitzende Abayomi Bankole hat schnell und mit großem Geschick Kontakte geknüpft. Ins Rathaus, zum Land, zu Stiftungen. Im Jazz-Club, er ist Mitglied, lernte er jemanden kennen, der Kontakt zur Leibniz Universität herstellte, um Studenten für Nachhilfeunterricht zu gewinnen. Sie helfen afrikanischen Kindern, für 9 Euro die Stunde. Lehrer hätte Bankole für dieses Honorar kaum gefunden, aber sie haben gute Erfahrungen gemacht mit den jungen Leuten. So etwas versteht der Verband unter praktischer Hilfe.

Im Gespräch sagt der Nigerianer einmal den Satz, Integration sei keine Einbahnstraße. Das ist eigentlich eine zum Klischee geronnene Bemerkung derjenigen, die Leistungen von Ausländern einfordern. Wenn Bankole ihn sagt, steht dahinter eigene Lebenserfahrung und eine Empfehlung an „unsere Leute“. Bankole meint: Afrikaner müssen die Sprache lernen. „Das ist der Schlüssel.“ So, wie er es in Hamburg erlebte.

Bankole wünscht sich einen offenen Umgang der Menschen. Das ist auch der Grund, warum er nichts von anonymen Bewerbungen hält. Er glaubt, dass es potenzielle Arbeitgeber eher verärgert, wenn plötzlich ein Bewerber vor ihnen steht, den sie ohnehin nicht hätten nehmen wollen. Besser sei es, mit offenen Karten zu spielen. „Integration findet im Kopf statt, nicht in Gesetzen oder durch Täuschung.“ Das ist nun ein sehr ernster Satz. Man ahnt, dass der Vorsitzende Abayomi Bankole ihn nicht zum ersten Mal sagt.

Von Gunnar Merkens

Aus der Stadt Fanartikel zur WM 2014 - Fertig machen zum Jubeln
13.06.2014
Aus der Stadt Tat aus Eifersucht vor Gericht - Mann entstellt Freundin mit Skalpell
Michael Zgoll 11.06.2014
13.06.2014
Anzeige