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Aus der Stadt Ruhe im Sturm
Hannover Aus der Stadt Ruhe im Sturm
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21:41 29.01.2014
Von Gunnar Menkens
„6 % pro Jahr“ – und vielleicht noch eine Überschussbeteiligung: Prokon wirbt in der Filiale in Hannover weiterhin für seine Genussscheine.
„6 % pro Jahr“ – und vielleicht noch eine Überschussbeteiligung: Prokon wirbt in der Filiale in Hannover weiterhin für seine Genussscheine. Quelle: Julian Stratenschulte
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Hannover

Irgendwann im Laufe seiner Anlagetätigkeit stand Geschäftsführer Ralph Göbelsmann, 49 Jahre alt und eher der Pullovertyp, am Rand der Bundesstraße 3. Prokon wollte Geld für zukunftsträchtige Windparks einsammeln, hier gab es Anschauungsobjekte. „Auf einem Acker irgendwo Richtung Celle haben wir uns ein paar Spargeltarzans angeguckt“, erzählt Göbelsmann. Auch Carsten Rodbertus war da, der Prokon-Chef. Kein Anzug, die Haare zum Zopf geflochten, Gummistiefel, wegen des Ackers. Der Eindruck des Privatgeldgebers Göbelsmann: ein bodenständiger Typ, der seriöse Geschäfte macht.

Ralph Göbelsmann ist Ein-Mann-Unternehmer. In Laatzen verkauft er Gase aller Art, Propan, Sauerstoff und Stickstoff, seit 1970 am selben Ort. Eine Rampe hoch, links stehen Flaschen, rechts geht es ins vollgepackte kleine Büro. Kapitalanlagen beschäftigen ihn seit Langem, und er achtet auf Prinzipien. Eines lautet: Geld und persönliche Vorlieben trennen. Liebe macht blind. Das zweite Prinzip: Steht ein fünfstelliger Betrag zum Investieren an, sollte man einen führenden Kopf der Firma kennen, um nicht auf Blender hereinzufallen.

Göbelsmann hatte eigentlich alles bedacht, als er Genussscheine von Prokon kaufte. Hohe Zinsen interessierten ihn, sein Plan war nicht, die edle Windkraft zu fördern. Und über Rodbertus hatte er sich ein Urteil gebildet. Der Laatzener stieg ein, dann flossen die Zinsen. Sechs Prozent, acht Prozent, wie erwartet, wie versprochen. War er zu gierig, haben Prokon-Investoren alle Warnungen in den Wind geschlagen? Göbelsmann schüttelt den Kopf. „Sechs Prozent! Für einen Windpark war das fast nichts.“

In der Firmenzentrale in Itzehoe führt inzwischen der Insolvenzverwalter Regie. Tausende Anlieger gerieten in Panik, als Meldungen über die Schieflage bei Prokon die Runde machten, vor der Pleite, und danach erst recht. Sie wollten Genussrechte gegen Bargeld tauschen, innerhalb von vier Wochen, so, wie Prokon es zugesichert hatte. Aber das Geld kam nicht. 75 000 Anleger in ganz Deutschland, etliche in der Region Hannover, fragen sich seitdem, was aus insgesamt 1,4 Milliarden Euro wird, die sie Prokon anvertraut haben. Und vor allem: Ob im schlimmsten Fall alles verloren ist.

Die Warnungen vor Prokon häuften sich beinahe in dem Maße, wie das Unternehmen Wurfsendungen verteilte und TV-Spots kaufte. Verbraucherverbände machten auf Gefahren von Genussscheinen aufmerksam. Kritikern erschienen auch die Zinsen viel zu hoch. Der Verdacht machte die Runde, dass ein Schneeballsystem Rodbertus’ Lebenswerk über Wasser halte und Prokon Zinsen nur aus Einzahlungen neuer Anleger begleichen könne, statt aus Erträgen der Windräder.

Bei den „Freunden von Prokon“, ein Zusammenschluss von 5654 privaten Geldgebern, lassen sie indessen auf das Unternehmen und seinen Chef nichts kommen. Beliebt sind dafür Verschwörungstheorien, die die Schuld für den Niedergang bei anderen suchen. Ein wesentlicher Grund der Insolvenz sei danach der stete Strom negativer Berichte in den Medien. Diese These besagt, dass unsachgemäße Informationen bei unaufgeklärten Kleinanlegern Panik schürte, die in Massen Geld abzogen, bis Prokon plötzlich einen dreistelligen Millionenbetrag habe aufbringen müssen und natürlich nicht konnte, weil Geld in Windparks und weiteren Projekten stecke. Auch Ralph Göbelsmann glaubt daran. Interesse an negativen Berichten hätten entweder „die Banken“ oder „die Stromerzeuger“. Prokons Anteil am Zusammenbruch mögen solche Kritiker lediglich daran erkennen, dass Inhaber von Genussrechte innerhalb von vier Wochen ihr gesamtes Geld zurück fordern konnten. Ein Fehler, den Rodbertus mittlerweile selbst einräumt.

Das Geschäftsmodell von Prokon war auch für Harald Haupt fast zwei Jahrzehnte lang ein schöner Erfolg. Der Betrieb war kaum gegründet, da investierte der Grundschullehrer 10 000 DM. Der 56-Jährige ist ein schlanker Mann mit grauen Haaren und Brille, er fährt gerne Fahrrad, und die Investition in Windenergie war für ihn eine gute Mischung aus Ertrag und Ethik. Nie, sagt er, hätte ich in Atomkraftwerke investiert. Manchmal, wenn er von der Autobahn aus Prokon-Riesen Wind schlagen sah, dachte er: Ein Stück davon gehört mir. „Es gab Warnungen, ja, aber es hat funktioniert. Ich habe weiter investiert, zuletzt im Oktober, aber mir war immer klar, dass ich alles verlieren könnte“, sagt Haupt bei einem Glas Roibusch-Tee. Jetzt steckt bei Prokon auch eine mittlere fünfstellige Summe von Harald Haupt.

Dabei war er schon auf dem Rückzug, einer von denen, die in letzter Sekunde und nach schlaflosen Nächten alles zu retten versuchten. Er hatte seine Genussscheine bereits gekündigt, dann kam dieser Brief von Carsten Rodbertus. Haupt las über Projekte, die überraschend in Schwierigkeiten geraten seien und dass es Prokon gefährde, wenn so viel Kapital in so kurzer Zeit abgezogen würde. Er machte einen Rückzieher vom Rückzieher. Der Brief hatte ihn überzeugt. Ob das richtig war? Oder egal, weil er sein Geld ohnehin nicht bekommen hätte? Haupt, kein besonderer Experte für Investments, sagt: „Vielleicht ist es ja auch blauäugig von mir zu denken, es geht schon irgendwie weiter.“

Was viele Prokon-Freunde neben dem gemeinsamen Feindbild verbindet: Sie halten Carsten Rodbertus nicht für einen Betrüger. Eher für jemanden, der sich übernommen und den Überblick verloren hat, berauscht vielleicht vom eigenen Erfolg. Im Pleitefall hoffen Göbelsmann und Haupt, wenigstens die Hälfte ihres spekulativen Einsatzes zurück zu bekommen. Es seien doch Werte da, Windräder etwa. Und wenn der Totalverlust eintritt? „Das wäre ärgerlich, aber es bricht mir nicht das Genick.“ Göbelsmann wirkt recht gelassen.

In Hannover wirbt Prokon unverdrossen weiter dafür, Genussrechte zu kaufen. Im Schaufenster preist ein Plakat prächtige Gewinne an, mitten in der Zinswüste. „6 % pro Jahr“, und, vielleicht, Überschussbeteiligung. Das Ehepaar im Rentenalter, das bei der Verbraucherzentrale Niedersachsen verzweifelt um Rat bat, wird nicht zuschlagen. Ersparnisse von 50 000 Euro sind bedroht.

Anwälte wittern ihre Chance

Jetzt ist auch Gerhart Baum mit von der Partie. Unter der Überschrift „PRO.KON Insolvenz – Kanzlei des Bundesministers a. D.“ bietet der FDP-Politiker die Dienste seiner Kanzlei feil. „Kostenlos“ können sich betroffene Anleger bei seiner „Interessengemeinschaft“ registrieren. Kollegen von Baum sind da weniger zimperlich: Genussrechteinhaber sollten ihre rechtlichen Möglichkeiten „umgehend von einem auf dem Gebiet des Kapitalmarktrechts tätigen Rechtsanwalts überprüfen lassen“, heißt es auf der Homepage  einer großen Kanzlei mit bundesweit vielen Büros.

Verbraucherschützer wissen seit Langem, dass der schnell verdiente Euro nicht nur dubiose Geschäftsleute anlockt, sondern auch so manchen Juristen. Prokon ist dafür ein weiteres Beispiel. Im Fall des Windkraftunternehmens aus Itzehoe gebe es für Anleger aber keinen Grund zur Eile, sagt Gabriele Schmitz vom Fachbereich Geldanlage, Sparen und Altersvorsorge der Verbraucherzentrale Hamburg. Ihr Rat: „Lassen Sie sich nicht von alarmistischen Appellen zu überstürzten und kostspieligen Maßnahmen bewegen.“

Der Grund: Noch hat der vorläufige Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin nicht entschieden, ob überhaupt ein Insolvenzverfahren eingeleitet wird. Folglich kann derzeit auch niemand Forderungen anmelden. Sollte das Insolvenzverfahren eröffnet werden, müsse dies noch keine Katastrophe für alle Genussrechteinhaber bedeuten, sagt Schmitz. Wenn die Anlagen und wirtschaftlichen Aktivitäten von Prokon tatsächlich so werthaltig seien, wie vom Unternehmen bisher dargestellt, könnte eine Fortführung und Sanierung des Unternehmens erfolgreich sein.

Wenn Prokon hingegen abgewickelt würde, müssten sich die Genussrechteinhaber hinten anstellen: Da sie nicht zu den Gläubigern zählen, dürften sie sich erst „nachrangig“ aus der Insolvenzmasse bedienen – also vom Rest, der dann noch übrig wäre. In diesem Fall ist es sinnvoll, wenn möglich Schadensersatzansprüche anzumelden (etwa wegen Prospekthaftung), um in den Rang eines „normalen“ Gläubigers zu gelangen. Bestreitet der Insolvenzverwalter die Forderung, muss man Klage erheben – mit ungewissem Ausgang, wie Schmitz sagt: „Sein Kapital hat man damit nicht zurück.“

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