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Aus der Stadt Falscher Arzt vor Gericht
Hannover Aus der Stadt Falscher Arzt vor Gericht
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21:20 06.03.2014
Von Michael Zgoll
Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten insgesamt 64 Straftaten vor, unter anderem Betrug und das unerlaubte Führen eines Doktortitels. Quelle: dpa
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Hannover

Ein falscher Arzt, der offenbar mit falschem Namen hausieren geht, muss sich seit gestern vor dem Landgericht Hannover verantworten. Angeklagt ist Marcel R. alias „Marcel Roéniké“ wegen des Missbrauchs von akademischen Titeln und Berufsbezeichnungen, wegen Betrugs zulasten von Krankenkassen und Patienten, wegen Verstößen gegen das Heilpraktikergesetz sowie Körperverletzung und Fahrens ohne Führerschein. Der Fächer der Delikte ist weit, und auch die Zahl der angeklagten Fälle ist hoch: Sie beläuft sich auf 64.

Allerdings wurde das Verfahren vor der 3. Großen Strafkammer gestern nach zwei Stunden ausgesetzt, es beginnt am 25. April von vorn. Der Angeklagte wollte plötzlich nicht mehr von seinem bisherigen Anwalt vertreten werden: Dieser habe ihm zu einem Geständnis geraten und keine Anzeige gegen zwei Nebenklägerinnen wegen Falschaussage erstatten wollen. Nur mit Mühe fand das Gericht unter Vorsitz von Renata Bürgel mit einem neuen Verteidiger neue Termine.

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Bekannt geworden war R. im vergangenen Jahr, weil er – angeblich – ein Kindertageshospiz namens „Schatzinsel“ gründen wollte und dafür Spendengeld einsammelte. Im Herbst flog der Schwindel auf, der 31-Jährige wurde verhaftet. Das Hospiz sollte in der nördlichen List angesiedelt sein, über Pflegeeinrichtungen hatte der falsche Arzt mit Eltern schwerkranker Kinder Kontakt aufgenommen und ihnen Hoffnung gemacht. Gegenüber Förderern gab sich R. als „Juniorprofessor Dr. med. Univ. mag. Psych., Facharzt für Allgemeinmedizin, Palliativmedizin, klinischer Psychologe, Transfusionsverantwortlicher und Systemtherapeutischer Trauerbegleiter“ aus – ein Mix von Tätigkeitsfeldern, der eigentlich eher Miss- denn Vertrauen signalisiert. Aufgrund seiner Überredungskünste und seines generösen Gebarens schaffte es der Mann aber trotzdem, etliche Mitmenschen über seine wahren Absichten zu täuschen – darunter einen Notar, etliche Geschäftsleute sowie Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Zudem soll der mehrfach vorbestrafte Betrüger von der Agentur für Arbeit Leistungen bezogen haben.

Sieht man den kleingewachsenen, zierlichen 31-Jährigen auf der Anklagebank, mag man kaum glauben, dass er so vielen Menschen Sand in die Augen streuen konnte. Dem Mann mit dünnem Bart, fülligem blonden Haar und dandyhaftem Gang haftet etwas Jugendliches an, nur sein Schweizer Akzent verbreitet einen Hauch von großer weiter Welt. Die meisten seiner falschen ärztlichen Leistungen, die die Anklage auflistet, waren psychologische Beratungsgespräche, oft mit Eltern und Kindern, abgerechnet mit 78 Euro pro Stunde. Doch auch Infusion und Wundbehandlung zählten zum Repertoire des Hochstaplers. Die AOK beglich für Krankenpflegeleistungen 11 300 Euro, bei der AWO kassierte er für Referat und Elternberatung mehr als tausend Euro.

Zwei Sozialpädagoginnen zog R. so sehr in seinen Bann, dass sie Vorstandsmitglieder im Verein „Schatzinsel“ wurden. Auch privat kam man sich näher. Doch bald gab es in der Kleefelder Wohngemeinschaft der drei Hospiz-Vorstände derartige Verwerfungen, dass die Zwillingsschwestern nun als Nebenklägerinnen auftreten. Der Angeklagte soll der einen ein Glas an den Kopf geworfen und sie geschlagen haben, die andere an den Haaren aus dem Bett gezogen oder ihr ein Knie ins Gesicht gestoßen haben. Möglich, dass „Dr. med. Marcel Roéniké“ in manchen Momenten die Contenance verloren hat.

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