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Aus der Stadt Wie krank ist Christian W.?
Hannover Aus der Stadt Wie krank ist Christian W.?
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00:19 20.11.2014
Von Michael Zgoll
In Handschellen wird der 29-jährige Christian W., der sich mit einer Akte vor den Fotografen schützt, auf die Anklagebank geführt.
In Handschellen wird der 29-jährige Christian W., der sich mit einer Akte vor den Fotografen schützt, auf die Anklagebank geführt. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Die Vorwürfe wiegen schwer: sexuelle Nötigung, Vergewaltigung. Auf der Anklagebank des Landgerichts Hannover sitzt ein 29-Jähriger im Kapuzenpulli, dem Oberstaatsanwältin Daniela Hermann beim Verlesen der Anklageschrift eine mögliche krankhafte seelische Störung und Intelligenzminderung attestiert. Für die 31-jährige Joggerin, die Christian W. im Mai dieses Jahres in Garbsen vergewaltigt haben soll, spielte es keine Rolle, wie gestört der Täter war. Für sie war einfach nur entsetzlich, was ihr widerfuhr. Ebenso wie für die 15-Jährige, die der Angeklagte im August in Marienwerder gezwungen haben soll, ihn zu befriedigen. Oder für die 13-Jährige, die ein Mann 2013 im Ihmezentrum umklammert und unsittlich berührte hatte. Seit gestern sitzt W. vor der Jugendkammer 3 des Landgerichts.

Schon zwei Wochen nach seiner Festnahme Ende August wurde der Garbsener in die Psychiatrie im Regionsklinikum Wunstorf verlegt. Und darum geht es auch in diesem Prozess: Wie krank ist der Angeklagte? Wie gefährlich ist er für die Allgemeinheit? Muss Christian W. in der geschlossenen Abteilung eines psychiatrischen Krankenhauses bleiben? Und welche Therapiemöglichkeiten gibt es? Noch bevor die Gutachter, die mit diesem Verfahren befasst sind, ihre Expertisen abgegeben haben, schwirren bereits einige Begriffe durch den Gerichtssaal: dissoziative Persönlichkeitsstörung, Impulskontrollstörung.

Sechs Verfahren wegen exhibitionistischer Handlungen im Klosterforst Marienwerder hat die Staatsanwaltschaft eingestellt, wiegen die Vergewaltigungsvorwürfe juristisch doch erheblich schwerer. Im Vorstrafenregister des verheirateten Mannes finden sich aber auch noch andere Einträge: Körperverletzung, Diebstahl, Sachbeschädigung. Gestern äußerte sich W. zu den Sexualstraftaten, die ihm aktuell vorgeworfen werden, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Verteidiger Harald Lemke-Küch hatte dies aufgrund der seelischen Erkrankung seines Mandanten beantragt.

Im August 2013 war eine 13-Jährige im Kellergeschoss eines Hauses in der Ihmepassage überfallen worden. Der Täter umklammerte das Mädchen von hinten, umfasste seine Brüste. Weil die Jugendliche laut schrie, ließ der Mann von ihr ab. Die 31-jährige Joggerin wurde am Schwarzen See in Garbsen angegriffen. Am hellichten Tag, vormittags um neun. Der Täter packte die Frau ebenfalls von hinten, bedrohte sie mit einem Messer und zog sie in ein Gebüsch. Dort zwang er sie zu sexuellen Handlungen und verging sich an ihr. Auch die 15-Jährige, die der Angeklagte wenige Monate später in der Nähe des Friedhofs Marienwerder attackiert haben soll, wurde mit einem Messer bedroht, auch sie fürchtete um ihr Leben. Der Mann brachte die Jugendliche dazu, ihn zu befriedigen; nur weil eine Zeugin auftauchte, ließ er von ihr ab. Festgenommen wurde Christian W., weil sich eine Bekannte bei der Polizei meldete. Sie hatte das Fahrrad wiedererkannt, das der Mann beim Überfall auf sein 15-jähriges Opfer zurückließ.

Sechs Verhandlungstage hat die Jugendkammer unter Vorsitz von Richter Ralf Busch angesetzt. W. hat die Taten zwar gestanden, dennoch bleibt den Opfern eine Aussage nicht erspart - die Richter wollen die Details kennen, um sich ein Bild von dem Angeklagten machen zu können. Gestern sagte das jüngste Opfer aus, ebenfalls unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

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