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Aus der Stadt Beschuldigter schweigt zu Doppelmord
Hannover Aus der Stadt Beschuldigter schweigt zu Doppelmord
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13:05 16.10.2017
Am Montagmorgen erscheint der Verdächtige zum Prozessauftakt im Landgericht Hannover. Quelle: Alexander Körner
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Hannover

Er soll in der Südstadt eine 27-jährige Hannoveranerin und in Kleefeld einen 23-jährigen Syrer umgebracht haben. Seit Montag muss sich Mullham D. (25) am Schwurgericht wegen zweifachen, heimtückischen Mordes verantworten. Doch handelt es sich hier um keinen gewöhnlichen Strafprozess, sondern ein sogenanntes Sicherungsverfahren.

Bei der Verlesung der Antragsschrift sagte Oberstaatsanwalt Marcus Preusse, die Anklagebehörde gehe aufgrund einer paranoiden Schizophrenie D.s von einer Schuldunfähigkeit des Syrers aus; diese mache seine Unterbringung in der Psychiatrie erforderlich. Der Beschuldigte habe sich von beiden Opfern bedroht gefühlt und die Rechtswidrigkeit seiner Taten nicht erkennen können. Der exmatrikulierte Elektrotechnik-Student gab keinerlei Erklärung ab, so dass das Gericht zeitnah mit der Vernehmung eines Zeugen - einem Kommilitonen aus Syrien - beginnen konnte.

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Laut Mutter fühlte er sich verfolgt

Mullham D. soll sein erstes Opfer am Ostersonnabend dieses Jahres in einer Richtung Süden fahrenden Stadtbahn der Linie 1 völlig zufällig ins Visier genommen zu haben. Die beiden stiegen an der Stadtbahnhaltestelle Schlägerstraße aus, die 27-jährige wollte zu ihrer Wohnung Am Jungfernplan, wo sie mit ihrem Lebensgefährten zusammenwohnte. Sie hatte Kopfhörer auf, ahnte nicht, dass sie verfolgt wurde. In Höhe des Hauses Adelheidstraße 6, es war 22.36 Uhr, fiel der Täter über sie her, stach 22-mal auf sie ein. Neun dieser Stiche trafen die zierliche Frau am Kopf, elf drangen in ihren Oberkörper ein. Aufgrund der schweren Verletzungen an Herzbeutel, Lunge und Leber verblutete das Opfer kurze Zeit nach der Tat.

Am Montag hat der Prozess gegen Mullham D. vor dem Landgericht begonnen. Er wird verdächtigt am Karsonnabend die 27-jährige Melissa S. in der Südstadt und drei Tage später seinen besten Freund in Kleefeld getötet zu haben.

Drei Tage nach diesem Verbrechen, also am 18. April, soll Mullham D. einen zweiten Menschen umgebracht haben. Es handelt sich um einen syrischen Freund, der D. aus Sorge um die psychische Verfassung des 25-Jährigen aufgesucht hatte. Laut der Mutter von D. fühlte sich ihr Sohn von der Polizei verfolgt, sei zudem selbstmordgefährdet.

Ein Onkel von D. machte sich ebenfalls Sorgen um die gesundheitliche Verfassung seines Neffen. An jenem Dienstag gegen 19.50 Uhr stach der Täter in einem Grünstreifen zwischen Lathusen- und Helstorfer Straße viermal auf sein 23-jähriges Opfer ein. Drei Stiche in den Oberkörper waren so schwerwiegend, dass der angehende Physiotherapeut verblutete; er starb eine Stunde nach der Tat.

Sehr wechselhaft ist das Verhalten von Mullham D. in der Verhandlung. Manchmal verfolgt der Beschuldigte - kurze, dunkle Haare, Vollbart, Brille und von untersetzter Statur - die Aussagen der Zeugen sehr aufmerksam. Dann wieder vergräbt er sein Gesicht in den Armen, schirmt den Kopf mit den Hqänden ab oder richtet den Blick ins Leere. Seit er unmittelbar nach der Tat in einem Studentenwohnheim am Heidjerhof (Kleefeld) festgenommen wurde, ist er in der Psychiatrie des Regionsklinikums in Wunstorf untergebracht.

Erst am vergangenen Wochenende soll sich D. gegenüber einem psychiatrischen Sachverständigen erstmals zu der Ermordung der jungen Frau in der Südstadt geäußert haben.

Ein 25 Jahre alter Syrer soll nicht nur einen Bekannten in Kleefeld, sondern auch drei Tage zuvor die 27-jährige Melissa S. erstochen haben.

Ist der Verdächtige schuldfähig?

Wie Verteidiger Jörg Salzwedel am Rande der Verhandlung erklärte, reiste D. 2014 nach Deutschland ein. In erstaunlich kurzer Zeit habe sein Mandant Deutsch gelernt. Wie ein Kommilitone im Zeugenstand erklärte, soll sich D. früher schon in psychiatrischer Behandlung befunden haben; unmittelbar vor dem Mord an dem 23-jährigen Syrer habe D. verstört gewirkt, im Flur des Studentenwohnheims gar ein Messer in einer Hand gehalten, die mit einem weißen Socken umwickelt war.

An anderer Stelle hieß es, der Beschuldigte sei etwa ein halbes Jahr vor den zwei Bluttaten "komisch" geworden. Der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch erwähnte in Zuge der Zeugenvernehmung, dass sich D. hilfesuchend an einen IT-Berater der Universität gewandt habe, weil er sich überwacht fühlte. Und Oberstaatsanwalt Preusse zitierte aus einer Äußerung des offenbar unter Versagungsängsten Leidenden: "Warum haben alle Erfolg, nur ich nicht? Mein Leben scheint verloren."

Verloren haben letztendlich zwei andere Menschen ihr Leben: Eine junge Frau, die rein gar nichts mit D. zu tun hatte, und ein Freund des 25-Jährigen, der ihm zur Seite stehen wollte.

16.10.2017
Michael Zgoll 15.10.2017