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Aus der Stadt Bombenbastler feuert erfolgreichen Verteidiger
Hannover Aus der Stadt Bombenbastler feuert erfolgreichen Verteidiger
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18:45 12.05.2015
Von Michael Zgoll
Weil er versucht haben soll, ein Mehrfamilienhaus in der Spichernstraße in die Luft zu sprengen, muss sich seit dem 12. Mai ein 53-Jähriger wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht verantworten.  Quelle: dpa (Symbolfoto)
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Hannover

Immerhin hatte es Anwalt Jan-Martin Fett geschafft, beim Bundesgerichtshof (BGH) eine Revision des Schwurgerichtsurteils aus Juni 2014 zu erwirken. Damals war B. wegen 13-fachen Mordversuchs, versuchter Brandstiftung und versuchtem Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion zu sieben Jahren Haft verurteilt worden.

Die 2. Große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Frank Rosenow stellte nach anfänglichem Zögern fest, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Angeklagtem und Anwalt wohl wirklich zerstört ist. Doch geplatzt ist der Prozess nicht: Am nächsten Montag soll es mit einem neuen Verteidiger weitergehen.

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Hans-Henning B. ist nun zum zweiten Mal angeklagt, im Dezember 2013 versucht zu haben, aus niedrigen Beweggründen in einem fünfgeschossigen Mietshaus in der Spichernstraße eine Explosion herbeizuführen. Ein Bewohner hatte frühmorgens einen Brand in einem Keller bemerkt und die Feuerwehr alarmiert. Diese stieß in dem verqualmten Raum, der zur Wohnung von B. gehörte, auf glühende Kochplatte, Zeitschaltuhr und stark erhitzte Flüssiggasflasche sowie auf etliche mit Benzin getränkte Pappen und Textilien, die lichterloh brannten. In letzter Sekunde gelang es Feuerwehrleuten, den kurz vor der Explosion stehenden Gasbehälter ins Freie zu schleppen.

BGH kippt Schwurgerichtsurteil

Das Schwurgericht hatte im vergangenen Juni geurteilt, dass B. das Feuer in dem 18-Parteien-Mietshaus gelegt hatte, um sich umzubringen – und den möglichen Tod etlicher anderer Menschen in Kauf nahm. Er sei depressiv veranlagt, habe isoliert gelebt und viele Probleme mit Nachbarn und Behörden gehabt. Aufgrund einer Alkoholisierung zum Tatzeitpunkt billigte die Kammer dem Angeklagten verminderte Schuldfähigkeit zu. In der am Dienstag verlesenen Anklage sagte die Staatsanwältin, dass das Motiv für die Tat Rachsucht gewesen sei: Der Vermieter hatte dem arbeitslosen Hartz-IV-Empfänger kurz vor der Tat fristlos gekündigt.

Der BGH hatte das erstinstanzliche Urteil im November 2014 aufgehoben. Das Schwurgericht habe nicht geprüft, ob der Angeklagte mit strafbefreiender Wirkung von seinem Tötungsvorhaben zurückgetreten sei. B. hatte die Stromzufuhr zur Kochplatte über eine Leitung geregelt, die von seiner Wohnung in den Keller führte; beim Eintreffen der Polizei soll der Schalter aber auf der Stellung „Aus“ gestanden haben.

Verteidiger brachte „alles durcheinander“

Der 55-Jährige erklärte am Dienstag, schon lange kein Vertrauen mehr zu seinem Verteidiger zu haben. Dieser habe Gespräche abgelehnt, beim Plädoyer im ersten Verfahren „alles durcheinandergebracht“ und auch den Revisionsantrag auf „absurde“ Behauptungen gegründet. Auf Nachfrage von Richter Rosenow nannte Anwalt Fett die Vorwürfe „abenteuerlich“. Allerdings habe er mit B. seit dem letzten Prozess tatsächlich nicht gesprochen – weil sich dieser Gesprächen verweigert habe.

Die Staatsanwältin wies darauf hin, dass der Angeklagte seinen Verteidiger im ersten Verfahren schon einmal gewechselt hatte; es bestehe die Gefahr, dass auch der nächste Anwalt seinen Ansprüchen nicht genüge.     

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