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Aus der Stadt Wird Mord im Eiscafé nach 20 Jahren bestraft?

Hannover Aus der Stadt Wird Mord im Eiscafé nach 20 Jahren bestraft?

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00:15 07.01.2017
Von Tobias Morchner
Nach der Bluttat veranlasste der damalige Polizeipräsident Hans-Dieter Klosa, dass Beamte mit Maschinenpistolen bewaffnet im Steintor auf Streife gingen.
Nach der Bluttat veranlasste der damalige Polizeipräsident Hans-Dieter Klosa, dass Beamte mit Maschinenpistolen bewaffnet im Steintor auf Streife gingen. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Der Satz „Mord verjährt nie“ gilt als einer der Grundsätze des deutschen Rechtssystems. Mit der Frage, wie schwer es sein kann, diesem Grundsatz nachzukommen, muss sich seit Mittwoch das Landgericht Hannover befassen. Die Richter der 1. Großen Jugendkammer verhandelt über einen fast 20 Jahre alten Mordfall im Steintor. Angeklagt ist der heute 37 Jahre alte Mesut Y., der gemeinsam mit zwei Komplizen am 14. August 1997 im Eiscafé Panciera in der Innenstadt einen Albaner erschossen und einen zweiten Mann lebensgefährlich verletzt haben soll. Der Prozess findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, weil Mesut Y. zum Zeitpunkt der Tat 17 Jahre alt und damit minderjährig war.

Der damals 23 Jahre alte Ramiz G. starb bei einer Schießerei im Rotlicht-Milieu am Steintor im Jahr 1997. 20 Jahre später beginnt der Prozess.

Der Angeklagte soll an jenem 14. August mit den beiden Opfern in dem Eiscafé in Streit geraten sein. Warum es dabei ging, ist unklar. Im Verlauf der Auseinandersetzung soll er eine Waffe gezogen und die tödlichen Schüsse abgegeben haben. Y. soll in Begleitung von zwei Komplizen gewesen sein. Einer von ihnen war vier Jahre nach der Bluttat vom Landgericht Hannover wegen Beihilfe zum Totschlag zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt worden. Die Strafe hat er verbüßt und lebt mittlerweile in Schweden. Weil er nicht bereit ist, nach Deutschland einzureisen, soll er in dem jetzt angelaufenen Prozess per Videovernehmung als Zeuge gehört werden. Der dritte mutmaßliche Täter ist noch immer auf der Flucht. Mesut Y., der im September 2015 aufgrund eines Europäischen Haftbefehls festgenommen worden war, weil er an der bulgarischen Grenze mit Drogen erwischt worden war, wird sich nach Angaben seiner Anwältin im Verfahren vorerst nicht zu den Vorwürfen äußern.

Nach der Anklageverlesung wurde am Mittwoch die erste Zeugin des Verfahrens gehört. Es handelte sich um eine Frau, die 1997 mit ihrer damals elf Jahre alten Tochter in dem Eiscafé gesessen hatte, als die tödlichen Schüsse fielen. Sie habe damals hinter einem Tisch Deckung gesucht, sagte sie aus.

An der Mittäterschaft von Mesut Y. waren bereits im Sommer 2016 ersten Zweifel aufgekommen. Das hannoversche Landgericht setzte damals den Haftbefehl gegen Y. außer Vollzug, weil damals nach der Prüfung der Akten kein dringender Tatverdacht mehr gegen Y. bestand. Der Kurde bestritt, eine echte Waffe bei sich getragen zu haben, lediglich ein Feuerzeug, das wie eine Pistole ausgesehen habe, will er besessen haben. Das Landgericht stellte nach Durchsicht der Akten zudem infrage, ob Mesut Y. überhaupt ein Motiv für die Tat besessen habe. Die weitere Prüfung des Falls förderte dann zumindest so viel belastendes Material zutage, dass schließlich Anklage erhoben und der Prozess begonnen werden konnte. In dem Verfahren sind bislang elf Verhandlungstage angesetzt. Demzufolge könnte das Urteil am 2. März gesprochen werden.

Chronik der Gewalt am Steintor

Die Schießerei im Eiscafé war der Höhepunkt der blutigen Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten kurdischen und albanischen Drogenhändlern, die damals ihre Revierkämpfe mit Waffengewalt austrugen. So lauerten beispielsweise im Oktober 1996 eine Gruppe Albaner vor einer Spielhalle in der Goethestraße mehreren Kurden auf.
Ein 19-jähriger Kurde wurde niedergestochen. Ein Landsmann konnte sich zunächst in einen nahen Imbiss retten, wurde aber von seinen Verfolgern mit einer Maschinenpistole erschossen.

Die Staatsanwaltschaft erklärte damals, die Banden seien ausnahmslos bewaffnet, die Hemmschwelle diese Waffen auch einzusetzen, sinke stetig. Der damalige Polizeipräsident Hans-Dieter Klosa, der wegen der Gewalt im Steintor auch mit Blick auf die bevorstehende Expo in Hannover unter Druck stand, reagierte und ließ Polizisten mit Maschinenpistolen im Steintor auf Streife gehen – ein Umstand, der bundesweit für Aufmerksamkeit sorgte.

 

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