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Aus der Stadt „Morgen ist großes Schlachtfest hier“
Hannover Aus der Stadt „Morgen ist großes Schlachtfest hier“
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00:15 04.09.2014
Der Angeklagte Detlev G. (M) sitzt zum Prozessauftakt im Landgericht. Quelle: dpa
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Dresden

Renate S. will den Mann nicht sehen, von dem sich ihr Ehemann gewünscht haben soll, sich töten und verspeisen zu lassen. Ihre Anwältin Tanja Brettschneider bittet das Gericht, den Angeklagten vor der Aussage von Renate S. aus dem Saal führen oder zumindest eine Trennwand aufstellen zu lassen. „Sie hat große Angst vor ihm“, sagt die hannoversche Anwältin.

Die Konfrontation aber bleibt der Witwe an diesem Morgen vor dem Landgericht Dresden nicht erspart. Die Kammer lehnt den Antrag ab. Detlev G. bleibt auf der Anklagebank, und die Zeugin muss auf dem Weg zum Zeugenstand direkt an ihm vorbei. Die 47-jährige Personalsachbearbeiterin aus Hannover ist bleich im Gesicht, sie zittert. Die Fragen der Vorsitzenden Richterin aber beantwortet sie gefasst. 1987 haben Renate und Wojciech S. geheiratet, 1999 wurde ihre Tochter geboren. 2012 haben sie sich getrennt. Ein Jahr später ist er tot.

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„Ja hallo! Morgen ist großes Schlachtfest hier“, hatte Detlev G. am 4. November 2013 gegen 1.25 Uhr in seine Kamera gesprochen, 15 Stunden später hängt der 59-jährige Wojciech S. nackt, gefesselt und geknebelt im Keller einer Pension im Gimmlitztal im sächsischen Erzgebirge tot am Haken eines Flaschenzugs. G. betrieb die Pension zusammen mit seinem Ehemann.

S. wollte offenbar getötet und „geschlachtet“ werden. Das geht aus Mails und Chatprotokollen hervor, die schon am ersten Tag des Prozesses vor Gericht verlesen wurden. Laut Anklage entsprach Detlev G. diesem Wunsch, um sich an der Tat sexuell zu erregen. Detlev G. hat die Tat zumindest in Teilen auf Video aufgenommen. Er hat die Datei gelöscht, Kriminaltechniker haben sie wiederhergestellt. Nach dem Gutachten eines Rechtsmediziners starb Wojciech S. durch Erdrosseln. Der 56-jährige G. ist wegen Mordes und Störung der Totenruhe angeklagt, ihm droht eine lebenslange Freiheitsstrafe. „Dass ich mal so weit sinke, hätte ich nie gedacht“, sagt er in dem Videofilm inmitten des Massakers in seine Kamera.

Von den bizarren Fantasien ihres Mannes soll Renate S. nichts gewusst haben. Hätte sie etwas ahnen können? Wer hält es für möglich, dass ein Mensch davon träumt, sich töten und aufessen zu lassen?

Wojciech S. ist am 4. November 2013 mit dem Fernbus vom Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) Hannover über Berlin nach Dresden gefahren. 20 Euro hat er am Hauptbahnhof Hannover noch vom Geldautomaten abgehoben. Ein seltsam geringer Betrag. Nach Angaben von Kriminalhauptkommissar Rainer N. von der Polizeidirektion Hannover habe das Geld für die Hinfahrt gereicht – nicht aber für die Rückfahrt.

Seine Wohnung in Hannover-Vahrenwald hinterließ S., als wäre er nur kurz Zigaretten holen. Die Steuererklärung liegt auf dem Schreibtisch, der Kühlschrank ist halb voll. Die Polizisten durchsuchen später seine Computer – und finden Chatprotokolle.

„Caligua“ und „LonpigHeszla“

Detlev G. und Wojciech S. standen seit Oktober 2013 in Kontakt miteinander. Auf einer Internetseite für Kannibalismusfans chatteten sie miteinander. G. nannte sich Caligula31. Caligula wie der römische Kaiser, der für seine Grausamkeit bekannt ist. S. nannte sich LongpigHeszla. In der Szene der Kannibalismusfreunde ist Longpig eine gängige Bezeichnung für diejenigen, die davon fantasieren, „geschlachtet“ zu werden.

Die Ermittler aus Hannover fanden heraus, dass G. als Schriftsachverständiger beim Landeskriminalamt (LKA) Sachsen arbeitet, und fuhren nach Dresden. Zusammen mit den dortigen Kollegen nahmen sie G. im Büro seines Vorgesetzten fest und durchsuchten das weitläufige Pensionsgelände.

Matthias H., der Vernehmungsbeamte aus Hannover, berichtet vor Gericht, dass G. in der Vernehmung zunächst alles abstritt, schließlich aber gestand. Er habe S. die Kehle durchgeschnitten und die Leiche vergraben, sagte G. zunächst. Nach und nach offenbarte er immer grausamere Details. Wojciech S. habe ihn angefleht, ihn zu töten, so G. Aus „Neugierde und aus sexuellen Hintergründen“ habe G. es dann getan. Wie er sich beim Zerstückeln der Leiche gefühlt habe, fragte ihn der Polizist. G.: „Es war wie ein schlechter Traum.“ Der Angeklagte führte die Beamten schließlich zu den Leichenteilen auf dem Grundstück seiner Pension.

Einmal hat sich Wojciech S. seiner Frau doch ein Stück weit offenbart. „Ja, er hat mir da einmal von dem Schlächter von Rotenburg erzählt“, sagt Renate S. am Vormittag vor Gericht. Sie meint Armin Meiwes, den sogenannten Kannibalen von Rotenburg (siehe Extratext). Als der Fall bundesweit für Entsetzen sorgte, habe ihr Mann zu ihr gesagt, „dass er per Mail zu ihm Kontakt hatte“. Ihre Reaktion: „Ich wollte nichts davon wissen.“

Zeuge Michael L., der frühere Geschäftspartner von S., fasst die Gemengelage so zusammen: „Er wollte einfach verschwinden, aufgegessen und in 1000 Teile zerlegt werden.“

Und der Angeklagte? „Herr G. ist kein Mörder“, sagt Verteidiger Endrik Wilhelm. Wojciech S. habe sich vielmehr selbst getötet. Sein Mandant habe gelogen, als er der Polizei die Tötung gestand. Tanja Brettschneider sieht das anders. „Mag sein, dass Herr S. Fantasien hatte, getötet zu werden“, sagt die Anwältin der Witwe. Doch S. sei es bloß um ein Rollenspiel gegangen, um Fantasie, nicht um Wirklichkeit. Sie sagt: „Der Angeklagte wollte töten und hat das auch getan.“ Am Mittwoch wird der Prozess fortgesetzt.

von Wiebke Ramm

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