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Aus der Stadt Mehrere Augenzeugen sehen Opfer sterben
Hannover Aus der Stadt Mehrere Augenzeugen sehen Opfer sterben
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17:44 14.11.2015
Von Michael Zgoll
Prozessauftakt vor dem Landgericht Hannover. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Den Abend des 10. Juli 2015 werden ein Üstra-Busfahrer und etliche Anwohner aus Vahrenwald nicht vergessen: Sie mussten mitansehen, wie ein Mensch auf offener Straße umgebracht wurde. Um 20 Uhr starb ein 45-jähriger Mann auf einem Bürgersteig an der Grahnstraße, wenige Meter von der Tankstelle an der Melanchthonstraße entfernt. Das aus Russland stammende Opfer, verletzt von Messerstichen in Herz und Milz, verblutete binnen weniger Minuten. Der Täter, der das Verbrechen bereits eingeräumt hat, sitzt seit Freitag auf der Anklagebank. Der 49-jährige Farid B. muss sich vor dem Schwurgericht wegen Totschlags verantworten.

Verteidiger Matthias Kracke verlas ein Geständnis des Angeklagten, das sich in weiten Teilen mit den Beobachtungen von vier Zeugen deckte. Ein Mann mit silbergrauem Haar steht mit seinem C-Klasse-Mercedes am Rand der Grahnstraße, als das spätere Opfer von der Fahrbahn aus an seine Seitenscheibe tritt. Es beginnt ein verbaler Disput, der immer heftiger wird. Der 45-jährige beschimpft den Fahrer, tritt gegen die Tür und schlägt schließlich durch das Fenster auf B. ein. Dieser kommt zunächst nicht aus dem Wagen heraus, weil der Angreifer die Tür blockiert; als es ihm gelingt, beginnt ein Handgemenge, das sich schnell auf Rad- und Fußweg verlagert.

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Anwalt Kracke führte aus, dass sein Mandant irgendwann geglaubt habe, sein wütendes Gegenüber wolle zu einer Waffe greifen. Daraufhin habe B. mit seinem Einhandmesser - Klingenlänge neun Zentimeter - herumgefuchtelt und dann, benebelt von Faustschlägen, zugestochen. Er habe das Opfer nicht töten wollen, so der Verteidiger, und bitte dessen Familie, ihm zu verzeihen. Unmittelbar nach der Tat war der 49-jährige im Auto geflohen, hatte sich aber am Folgetag gemeinsam mit Anwalt Vyacheslav Varavin - der nun als zweiter Verteidiger auftritt - bei der Polizei gemeldet.

Eine junge Frau sagte am Freitag aus, der spätere Täter habe am Steuer des Mercedes „ängstlich“ gewirkt. Mehrere Zeugen beobachteten, wie sich der 45-Jährige die Hände mit seiner Jacke umwickelte, um sich vor dem bewaffneten B. zu schützen. Und der Busfahrer, der an der Endstation Pause machte, sah mit Entsetzen, wie das Blut aus dem Oberkörper des Opfers herausspritzte „wie aus einer Gartenpumpe“.

Entscheidend für das Strafmaß ist, ob die Kammer unter Vorsitz von Wolfgang Rosenbusch Farid B. Notwehr oder eine Affekthandlung zubilligt. Eine Körperverletzung mit Todesfolge (Freiheitsstrafe ab drei Jahre) oder ein minder schwerer Fall des Totschlags (Strafrahmen ein Jahr bis zehn Jahre Haft) würden ihm ein milderes Urteil bescheren als ein „normaler“ oder ein besonders schwerer Totschlag (fünf Jahre bis lebenslänglich).

Die Hintergründe des Streits kamen am Freitag nicht zur Sprache. Der Angeklagte ließ nur verlauten, er habe aus dem Auto heraus die Wohnung seiner Freundin beobachtet. Er vermutete, dass die Frau ein intimes Verhältnis mit einem anderen Mann hatte.

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