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Aus der Stadt Umstrittener Psychiater wechselte ins Ministerium
Hannover Aus der Stadt Umstrittener Psychiater wechselte ins Ministerium
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18:44 16.01.2018
Problematische Vergangenheit: Die Kinder- und Jugendpsychiatire in Wunstorf.
Problematische Vergangenheit: Die Kinder- und Jugendpsychiatire in Wunstorf. Quelle: Franson
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Hannover

 Bei der Aufarbeitung umstrittener Medizinversuche an der Kinder- und Jugendsychiatrie Wunstorf will das niedersächsische Sozialministerium auch die Rolle von Akteuren beleuchten, die in den eigenen Reihen gewirkt haben. Das bestätigte Behördensprecher Uwe Hildebrandt. Konkret geht es auch um den inzwischen verstorbenen Psychiater Hans Heinze junior, der bis mindestens bis Ende der Sechzigerjahre Versuche an 286 jungen Patienten vorgenommen haben soll. Er konnte danach zum Ministerialrat im Sozialministerium aufsteigen, wo er 15 Jahre tätig war – und als Psychiatriereferent die Aufsicht über die damaligen Landeskrankenhäuser hatte, zu denen auch die Einrichtung in Wunstorf zählte.

Sozialministerin Carola Reimann betonte die Bedeutung der vom Land in Auftrag gegebenen Recherchen: „Die Aufklärung dieser Vorgänge ist außerordentlich wichtig – die Opfer, die großes Leid erfahren haben, müssen wissen, was wirklich geschehen ist.“ Die bei der Robert-Bosch-Stiftung beauftragte Studie soll die Hintergründe zu Medikamentenversuchen an niedersächsischen Heimkindern von 1945 bis 1976 erhellen. Anja Piel, sozialpolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, forderte überdies eine umgehende Aufklärung im Sozialaussuchss des Landtages und einen Entschädigungsfonds für Betroffene.

Die Studie deckt auch den Zeitraum von 1961 bis 1974 ab, in dem Hans Heinze junior an der Wunstorfer Kinder- und Jugendpsychiatrie die umstrittenen Versuche und schmerzhafte Gehirnwasserentnahmen durchgeführt haben soll. Prof. Asmus Finzen, der die Wunstorfer Klinik von 1975 bis 1987 leitete, lernte Heinze als vorgesetzten Ministerialrat kennen. „Er war eine ambivalente Persönlichkeit“, sagt der 77-Jährige, der als ausgewiesener Psychiatrie-Experte gilt und grundlegende Reformen an der Wunstorfer Kinder- und Jugendpsychiatrie durchsetzte. „Wir haben sie von einer Verwahranstalt zu einem Ort gemacht, in dem die Patienten menschenwürfig leben konnten“, sagt Finzen, der heute in Berlin wohnt. Dazu hätten unter anderem ein höherer Personalschlüssel und die Öffnung nach außen beigetragen – dies habe Heinze als Psychiatriereferent mitgetragen. Zu den Anschuldigungen habe er keine  Erkenntnisse, sagt Finzen. Grundsätzlich gelte:„Es gab noch in den Sechzigerjahren Riesenschweinerien in den Psychiatrien.“

Hans Heinze senior, der Vater des Ministerialrats, war von 1954 bis 1960 Leiter der Wunstorfer Klinik. In der Nazi-Zeit war er Gutachter eines Euthanasieprogramms – nach 1945 konnte er seine Karriere fortsetzen. Eine weitere Studie des Landes soll klären, welche Rolle Ärzte, die NS-Verbrechen begangen haben, in der niedersächsischen Psychiatrie der Nachkriegszeit gespielt haben.

Von Juliane Kaune