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Aus der Stadt Psychiatrien in Hannover und Umland platzen aus allen Nähten
Hannover Aus der Stadt Psychiatrien in Hannover und Umland platzen aus allen Nähten
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07:29 07.02.2013
Von Veronika Thomas
Foto: Immer mehr Menschen in der Region Hannover begeben sich in psychiatrische Behandlung.
Immer mehr Menschen in der Region Hannover begeben sich in psychiatrische Behandlung. Quelle: dpa (Symbolfoto)
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Hannover

Immer mehr Menschen in der Region Hannover begeben sich in psychiatrische Behandlung. Die Zahlen steigen derart, dass die Fachkliniken in Stadt und Umland Mühe haben, der Menge an Patienten Herr zu werden. Um möglichst niemanden abweisen zu müssen oder auf Wartelisten zu setzen, strukturieren sie um, erweitern die Zahl der Plätze oder weiten die Behandlungszeiten aus. Das Klinikum Wahrendorff in Sehnde will noch in diesem Jahr den Sonnabend als festen Therapietag in seinen Tageskliniken einrichten. Bisher werden Patienten dort montags bis freitags behandelt.

„Wir haben einen Versorgungsauftrag der Krankenkassen zu erfüllen“, sagt Wolfgang Becker, Chefarzt für klinische Psychiatrie im Klinikum Wahrendorff in Sehnde. Um schnell auf die verstärkte Nachfrage zu reagieren, würden die Behandlungszeiten ausgedehnt. In dem Sehnder Klinikum wurden im vergangenen Jahr 5100 Patienten stationär behandelt, 2011 waren es 4600, ein Anstieg um zehn Prozent. Der Anstieg in den Tageskliniken betrug sogar 20 Prozent – von 1700 Patienten 2011 auf 2100 im vergangenen Jahr. Auch die Zahl der Plätze in der Tagesklinik wird ausgeweitet. Einen Grund für die Zunahme sieht Becker neben den sich verschärfenden sozialen Bedingungen auch in der zunehmenden Akzeptanz psychiatrischer Einrichtungen. „Immer mehr Menschen erkennen, dass sie psychiatrische Hilfe benötigen.“

Die Medizinische Hochschule (MHH) bündelt ihre Kräfte, um mehr Patienten in der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie behandeln zu können. So werden die beiden Institutsambulanzen zum 1.April künftig auf den MHH-Campus verlagert, während die drei Tageskliniken in der Podbielskistraße 158 zusammengefasst und um zehn Plätze erweitert werden. Von der Fusion verspricht sich die Fachklinik vor allem Synergieeffekte. „Wir platzen aus allen Nähten“, sagt Klinikdirektor Prof. Stefan Bleich. „Wir bräuchten auch mehr stationäre Betten.“ Schon jetzt würden Liegezeiten verkürzt, um Platz für neue Patienten zu schaffen.

Eine deutliche Zunahme an Patienten verzeichnet die MHH bei den 30- bis 40-Jährigen mit Depressionen, Burn-Out und sogenannten Anpassungsstörungen. Sie äußern sich unter anderem in Schlafstörungen, nicht organisch begründeten Schmerzen oder dem Gefühl, nicht abschalten zu können. Grund dafür seien häufig prekäre Arbeitsbedingungen, soziale Unsicherheiten, Druck, Stress und Mobbing am Arbeitsplatz. „Wenn wir diesen Patienten nicht schnell helfen, besteht die Gefahr, dass die Depressionen chronisch werden“, sagt Prof. Bleich.

Stefan Mohr, kommissarischer Leiter der Psychiatrie Langenhagen, beobachtet eine wachsende Zahl schwer kranker, verwahrloster und vereinsamter Patienten, viele mit Migrationshintergrund. Zum Einzugsgebiet der Klinik zählen unter anderem Sahlkamp, Vahrenheide und Vahrenwald. Die Klinik mit 161 Betten, davon 70 auf den Akutstationen, behandelt jährlich 2500 Patienten, Tendenz: steigend. Das Sozialministerium hat gerade 23 zusätzliche Betten bewilligt, doch um sie einzurichten, müsste neu gebaut werden. Aufgrund der Zunahme psychischer Erkrankungen hat das Land Niedersachsen allein in den vergangenen drei Jahren drei neue Tageskliniken in Hannover bewilligt.

Keine Zunahme an Patienten, dafür steigende Fallzahlen registriert Cornelia Oestereich. Als Grund nennt die Ärztliche Direktorin der Psychiatrie Wunstorf kürzere Behandlungszeiten, weil die Krankenkassen auch in der Psychiatrie beginnen, Fallpauschalen einzuführen. „Das macht psychisch schwer kranke Menschen nicht gesünder“, sagt Oestereich. Sobald diese entlassen werden, steige die Zahl der Wiederaufnahmen – weil sie weiterhin ambulant behandelt werden müssten.

Bernd Haase 09.02.2013
Stefanie Nickel 09.02.2013