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Aus der Stadt Regiobus steckt in wirtschaftlichen Nöten
Hannover Aus der Stadt Regiobus steckt in wirtschaftlichen Nöten
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00:18 27.10.2017
Von Bernd Haase
Bei der Regiobus herrscht Handlungsdruck. Quelle: Becker
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Hannover

Die Expertisen setzen auch das Unternehmen unter Druck: In gut zwei Jahren läuft die Konzession für das Liniennetz der Regiobus aus. Politischer Wunsch ist es bisher, das kommunale Unternehmen wieder direkt zu beauftragen und so Konkurrenten auszuschließen. Dafür sind aber wirtschaftliche Kriterien vorgeschrieben. „Diese erfüllt die Regiobus derzeit nicht“, sagt Verkehrsdezernent Ulf-Birger Franz.

Aktuell liegen die jährlichen Kosten im Unternehmen bei mehr als 65 Millionen Euro, die Erlöse bei etwa 28 Millionen Euro. Die Differenz bezahlt die Region. Prognosen zufolge werden die Kosten künftig steigen, die Einnahmen aber bestenfalls stagnieren.

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„Die Produktivität der Regiobus ist in vielen Bereichen nicht gut“, sagt Gutachterin Susanne Koch von der Managementberatung Conmobility. Beim Kostensatz pro Fahrplankilometer belege das Unternehmen im bundesweiten Vergleich mit neun weiteren Nahverkehrsunternehmen den letzten Rang. Optimierungsbedarf bestehe vor allem im Fahrdienst, im Betriebs- und im Kundenmanagement.

Mathias Schmechtig von der Firma Nahverkehrsconsult umriss Maßnahmen zum Gegengesteuern. Über die Region verteilt stimme bei 20 Prozent der Busverbindungen mangels Fahrgästen das Verhältnis von Aufwand und Ertrag nicht. „Eine Anpassung der Bedienung ist erforderlich“, sagt Schmechtig, was in der Regel heißt: Streichungen. Andererseits sollen einige Linien nach dem Vorbild der existierenden Sprinter zu Premiumprodukten entwickelt werden – mit modernen Fahrzeugen, häufigeren Fahrten und Zusatzangeboten wie Radstellplätzen an Haltestellen. Als weitere Sprinterlinien eignen sich laut Schmechtig Verbindungen zwischen Neustadt und Großburgwedel sowie Langenhagen, Burgdorf und Altwarmbüchen sowie Mehrum und Hannover-Südstadt. „Von derartigen Änderungen würden 95 Prozent der Fahrgäste nichts bemerken“, sagen die Gutachter. Regiobus könnte täglich durch Einsparungen 500 Fahrgäste verlieren, durch Verbesserungen aber im Gegenzug 1000 zusätzliche gewinnen.

Michael Dette (Grüne) brachte die Reaktionen der meisten Politiker im Ausschuss auf den Punkt: „Das ist suboptimal und ziemlich ernüchternd.“ „Wir müssen uns der bitteren Wahrheit stellen“, sagt Eberhard Wicke (CDU). Das passiert unter Zeitdruck. Erste Beschlüsse sind in diesem Jahr gefordert, der zur Direktvergabe an die Regiobus spätestens im März 2019.

Kommentar von Bernd Haase

Die Angst der Politik

Die Gutachten zur wirtschaftlichen Lage bei der Regiobus stellen dem Unternehmen kein gutes Zeugnis aus. Das ist aber nur der kleinere Teil der Wahrheit.

Leistungen im öffentlichen Nahverkehr werden von der Regionsverwaltung und der Politik bestellt. Dort wird also maßgeblich bestimmt, welche Busse wo, wann und wie oft fahren. Vor allem die Politik hat sich über alle Ebenen hinweg in der Vergangenheit schon fast rituell gegen Streichungen und Korrekturen gewehrt. Die Folgen bei der Regiobus kann man sehen: Zu oft muss sie Busse über Land schicken, die nicht Fahrgäste, sondern Luft transportieren.

Hier ist ein Mentalitätswechsel erforderlich. Wenn die Politik nicht trotz zu erwartender Widerstände aus der Bevölkerung Einschnitte vornimmt, wird es für die Regiobus schon sehr bald eng. Das heißt in ihrem Fall: existenzbedrohend. Der Gesetzgeber verbietet es nämlich, dass die öffentliche Hand ein marodes Unternehmen direkt beauftragt. In ihrer derzeitigen Verfassung aber hätte Regiobus als Tochterunternehmen der Region in einem Wettbewerb gegen private Konkurrenz keine Chance.

Simon Benne 27.10.2017
Simon Benne 27.10.2017