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Aus der Stadt Region und Arbeitsagentur streiten um Leitung der Jobcenter
Hannover Aus der Stadt Region und Arbeitsagentur streiten um Leitung der Jobcenter
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21:47 12.05.2009
Von Bernd Haase
In den Jobcentern, wie hier das Gebäude am Mengendamm, herrschen Querelen um die Führungsspitze. Quelle: Martin Steiner
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Weil sich die jeweils vier Vertreter von Region und Agentur nicht einigen konnten, musste letztlich per Münzwurf entschieden werden, ob die Chefin der Agentur für Arbeit in Hannover, Marianne Gersdorf, das Amt bekleiden kann. Sie hatte Glück, aber ein fader Beigeschmack blieb: Einer der wichtigsten Posten in der Arbeitsverwaltung musste in einem Verfahren entschieden werden, mit dem sonst Fußballer entscheiden, wer anstoßen darf. „Es wird Zeit, dass derartige Albereien aufhören“, schimpften Regionspolitiker.

Bei den Jobcentern der Region geht es nicht um irgendeine Feld-, Wald- und Wiesenbehörde. Sie ist zuständig für insgesamt 120.000 Menschen in und um Hannover, die es nicht aus eigener Kraft schaffen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen – unter ihnen Langzeitarbeitslose, Hochschulabsolventen ohne Job oder Beschäftigte, deren Verdienst nicht ausreicht. Für Weiterbildungs-, Qualifizierungs- und ähnliche Programme kann sie im Jahr annähernd 100 Millionen Euro ausgeben, dazu kommen noch einmal rund 50 Millionen Euro Personaletat. 1200 Beschäftigte zählt die Arbeitsgemeinschaft (Arge) Jobcenter, zu der sich Region und Agentur zusammengeschlossen haben.

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Gemeinschaft ist dabei ein großes Wort. Seit die Jobcenter Anfang 2005 an den Start gingen, hat es regelmäßig geknirscht zwischen den Partnern. „Es ging schon immer um Macht“, sagt ein Mitglied der Trägerversammlung. Daran hat sich auch nichts geändert, als Thomas Heidorn die Geschäftsführung übernahm. Der Jurist stammt aus der Regionsverwaltung und ist Vertrauter von Sozialdezernt Erwin Jordan, beide Träger des grünen Parteibuchs. Heidorn rügte Mitte 2007 die Personalpolitik der Agentur und erklärte öffentlich, die Jobcenter würden handlungsunfähig, wenn nicht mehr unbefristete Stellen eingerichtet würden. Personalrat, Regionspolitik und Kommunen applaudierten, die desavouierte Agentur und das Bundesarbeitsministerium schäumten. „Heidorn ist nicht mehr haltbar“, sagte Agenturchefin Marianne Gersdorf.

An dieser Einstellung hat sich nichts geändert. Die Agentur scheiterte sowohl mit dem Versuch, Heidorn durch die Trägerversammlung abwählen zu lassen, als auch mit einer Klage gegen ihn. Dann schien sich die Sache zu entspannen, weil Regionspräsident Hauke Jagau den Geschäftsführer zum Leiter des Umweltbereichs seiner Behörde machen wollte. Am Mittwoch dann der Paukenschlag: „Angesichts der Risiken einer ungeregelten Nachfolge habe ich mich entschlossen, den Geschäftsführer der Jobcenter nicht von seinem Posten abzuberufen“, schrieb Jagau der Agentur. Gegen seinen eigenen Willen kann Heidorn nicht abgewählt werden – wegen des Patts in der Trägerversammlung.

Wieder fühlt man sich bei der Arbeitsagentur brüskiert. Dort hat man mit Horst Karrasch, Leiter der Nienburger Zweigstelle, einen Kandidaten für Heidorns Nachfolge. Die Region soll in einem vertraulichen Gespräch ihr Einverständnis erklärt haben, obwohl sie nach Informationen der HAZ mit der im vergangenen Jahr nicht wiedergewählten früheren Magdeburger Sozialdezernentin Beate Bröcker (SPD) eine eigene Aspirantin hat. Jagau sagt denn auch, dieses Einverständnis sei „schlicht unwahr“. Gersdorf wiederum vermutet strategische Absichten: „Die wollen wohl auf Zeit spielen, weil sie sich nach der Bundestagswahl neue Möglichkeiten erhoffen.“

Thomas Heidorn sagt öffentlich nur, dass „es in der inhaltlichen Arbeit und dem Tagesgeschäft immer gut gelaufen ist. Da gab es nicht viel Reibereien.“ Jetzt muss sich die Trägerversammlung wieder mit der Endlosgeschichte beschäftigen und möglicherweise auch die Justiz: Klaus Stietenroth, Geschäftsführer der Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen der Arbeitsagentur, prüft rechtliche Schritte gegen den Verbleib Heidorns an der Spitze der Jobcenter.

Veronika Thomas 09.05.2009
Gunnar Menkens 08.05.2009