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Aus der Stadt Neue Partner in Fernost?
Hannover Aus der Stadt Neue Partner in Fernost?
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17:25 28.10.2015
Von Volker Wiedersheim
Oberbürgermeister Stefan Schostok hat bei seiner China-Reise eine Absichtserklärung unterzeichnet. Quelle: Wiedersheim/dpa
Hannover/Shenzhen

Es ist also glatte Absicht! Steht oben als Titel über dem einzelnen Blatt, das Hannovers OB Stefan Schostok am Mittwoch in den südchinesischen Turbostadt Shenzhen unterzeichnet hat: »Absichtsklärung zwichen der Stadt Shenzhen, Volksrepublik China, und der Landeshauptstadt Hannover, Bundesrepublik Dutschland«. 

Was die Absicht ist, verrät der Titel nicht. Typisch chinesisch. Wer’s wissen will muss sich den Text zur Brust und ein bisschen Geduld nehmen. Der erste Absatz fasst zusammen, dass der Hannoveraner die Stadt besucht hat und vom dortigen Oberbürgermeister, dem Herrn Xu Qin, »herzlich empfangen wurde. Während des Besuchs wurden freundschaftliche Gespräche geführt...« Und was ist nun die Absicht?

Zweiter Absatz. Endlich: Die beiden Städte »vereinbaren eine Absichtserklärung zur Entwicklung der nachstehend beschriebenen freundschaftlichen Zusammenarbeit, um die die Stärken und Bedürfnisse der jeweiligen Städte zu unterstützen sowie das gegenseitige Verständnis und die Freundschaft der Bürgerinnen und Bürger der beiden Städte zu fördern«.

Das Klischee von der stets indirekten Rede, in Reinform. Papier ist geduldig, und wer von China etwas will, muss es auch sein.

Tatsächlich versteckt sich zwischen den Kaskaden von Kuschelvokabular eine Menge Substanz - sagt Stefan Schostok. Und das liegt auch am Geschick des Oberbürgermeisters, wie sogar der bei den finalen Verhandlungen anwesende Oppositionspolitiker Wilfried Engelke (FDP) anerkennt. Der OB hat mit seiner Standardtonlage zwischen Schmeichelnd und Säuselnd bei den neuen Partnern offenbar genau den Nerv getroffen.

Klartext - darum geht es in der Absichtserklärung:

  1. Shenzhen will sich ein Messegelände zulegen, und zwar keins von der Stange. Wie Schostok aus den Verhandlungen berichtet, soll es »auch von oben gut aussehen« (der Flughafen hat die Form eines kolossalen Flugzeugs!). Es liegt nahe, dass die Chinesen sich also für das Know-how des derzeit größten Meseegeländes interessieren. Es liegt in Hannovers Süden und gehört zu 49,9355 Prozent - Hannover.
  2. Industrie 4.0. Eine Zauberformel in diesen Tagen. Wird sie konsequent ausgeführt, erzeugen smarte Fabriken total vernetzt alles automatisch. Zuendegedacht heißt das zwar wohl, dass der Mensch in der Fertigung nicht mehr gebraucht wird, sondern sich voll und ganz aufs Bestellen und Konsumieren konzentrieren kann. Aber zunächst einmal sind entsprechende Technik und Know-how eine heiß begehrte Ware in Shenzhen. Kann Hannover der Stadt etwas bieten, die schon jetzt die Welthauptstadt der internationalen Patentanmeldungen ist?
  3. Das duale Bildungssystem - seit Langem ein Kassenschlager unter den deutschen Ideen. Die Kombination von schulischer und betrieblicher Ausbildung, zudem die Praxisorientierung und die Durchlässigkeit zwischen Hoschulen und Universitäten - den Wunsch nach Beratung bei diesen Themen, sagt Schostok, hätten die Verhandlungspartner beinahe in der Tonlage einer Forderung vorgebracht.
  4. Mobilität - wie bringt lässt sich der Verkehr von Gütern und Menschen mit wissenschaftlichen Methoden im Sinne der geringstmöglichen Belastung der Bürger optimieren? In Hannover forschen daran Uni, Hochschule und VW Nutzfahrzeuge gemeinsam. das imponiert - Shenzhen wünscht sich Beratung.
  5. Thema Gesundheit - da ist unter den ersten konkreten Verträgen seit gestern Abend die Tinte trocken. Neurochirurg Madjid Samii ist Mastermind und - vereinfacht gesagt - Qualitätswächter und Ausbildungsleiter eines allgemeinen Krankenhauses sowie eines Ablegers des hannoverschen INI. Investitionsvolumen locker mehr als eine halbe Milliarde, erste OPs in zwei Jahren
  6. Kultur - da ist immerhin ein bisschen Musik drin. Der Mädchenchor war bereits zum Singen in Shenzhen, der Knabenchor hat für 2016 die Tickets mit dem gleichen Ziel schon gebucht. Gegenseitige Konzertvisiten des örtlichen Rocknachwuchses sind im Gespräch. Eine Idee von eher kosmetischer Dimension, aber Rock ’n’ Roll ist das noch nicht.
  7. Kreativwirtschaft - Shenzhen ist hoch verdient als Unesco City of Design ausgezeichnet worden (Hannover ist City of Music). Die Stadt ist so voll mit Risikokapital und jungen Wilden der Kreativszene (Altersdurchschnitt der Bevölkerung von Shenzhen: unter 30 Jahre!), dass sie neue Ideen, Konzepte und Produkte in weltmeisterrlichem Tempo gebiert - und meist wieder verwirft. Für Hannover ist da wenig zu holen, aber viel zu lernen. 

Und unterm Strich? Schostok ist nach den ersten beiden Stationen seiner Hannover-Werbetour in Shanghai und Shenzhen zufrieden bis milde euphorisiert. »Wenn man das Know-how hat und das gesehen wird, dann werden aus den Kontakten auch konkrete Verträge«, sagt der Oberbürgermeister. »Und wir werden für chinesische Firmen jetzt sehr interessant sein.«

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