Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Das große Warten
Hannover Aus der Stadt Das große Warten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 06.02.2015
Von Saskia Döhner
Foto: Aus Hannover in die Welt: Reisende warten am ZOB. Quelle: Philipp von Ditfurth
Anzeige
Hannover

Die 18-Jährige aus Garbsen jedenfalls weiß es zu schätzen. Sie fährt mit dem Bus zu ihrem Freund. „Das ist gemütlich und viel günstiger als mit der Bahn“, sagt die Schülerin. Nur 8 Euro kostet die Fahrt mit dem Fernbus, die sie kurzfristig im Internet buchen kann. Für ein Zugticket würde sie mindestens das Dreifache zahlen.

Mindestens jedes zweite Wochenende pendelt die Abiturientin nach Paderborn. Sonnabendvormittag hin, Sonntagabend zurück. Junge Liebe will gepflegt werden. Manchmal säßen nur noch fünf oder sechs Mitreisende im Bus, berichtet Enya Brösche, anderntags sei er rappelvoll. Aber einen Platz findet sie immer, und oft auch einen netten Gesprächspartner für die zweistündige Fahrt. Sagt’s, schultert ihren Rucksack und geht hinaus auf den kalten Vorplatz. In zehn Minuten soll ihr Bus kommen.

Anzeige
Alle Bilder zur Reportage am ZOB in Hannover

Franco Schulz, ein junger Mann mit Hut, ist gerade aus Berlin gekommen. In Hannover besucht er eine Freundin, mit Bussen reist er regelmäßig. „Ich war schon in Brüssel damit.“ Im Kiosk verkauft Marie, 19, gerade den vierten Kaffee in zehn Minuten. Normalerweise ist der kleine Laden von 5 Uhr morgens bis 22 Uhr abends geöffnet, am Wochenende sogar bis Mitternacht. „Richtig viel los ist so am späten Vormittag ab elf, halb zwölf.“ Die 21-jährige Maria will Freunde in Kroatien besuchen. Zweimal im Jahr mache sie die Tour, sagt sie. Der umgestaltete Busbahnhof gefällt ihr. „Durch die Wartezone, wo man vor Regen und Kälte geschützt ist, den Kiosk und die Toiletten ist alles viel attraktiver geworden. Obwohl zu Stoßzeiten die Busse im Viertelstundentakt ankommen, während andere Fahrzeuge rückwärts wieder aus den Halteboxen herausrangieren, Fahrgäste ein- und aussteigen - echte Hektik kommt am ZOB nicht auf. Das empfindet auch Marie so: „An Zugbahnsteigen ist es viel stressiger, hier bleiben alle irgendwie gelassener.“

Die meisten Reisenden sind sowieso auf lange Fahrtzeiten eingestellt. Da macht das bisschen Warten auch nichts mehr aus. Sie wollen nach Polen, Bulgarien oder Rumänien. Sie holen Verwandte ab, die aus der Ukraine oder aus Mazedonien kommen. Osmani bringt seine Eltern zum Bus, die zurück nach Skopje (Mazedonien) wollen. Mit dem Bus sei die Reise viel komfortabler: „In 24, vielleicht 27 Stunden ist man da, im Winter liegt viel Schnee, da weiß man nie so genau. Mit dem Zug muss man dauernd umsteigen, das ist sehr umständlich.“ Auch Dimitris Verwandte warten auf den Bus nach Skopje. „Hauptsache, der Bus kommt irgendwann“, sagt der Mann aus Peine. „In Mazedonien muss man immer warten, oft stundenlang, da ist der Bus nie pünktlich, manchmal fährt er auch einfach gar nicht.“ In Deutschland könne man sicher sein, dass dies nicht passiere. Dimitris etwa zehnjähriger Neffe haucht in seine kalten Hände. „Wir bleiben hier, bis der Bus kommt.“

Im August soll er fertig werden, dafür ist jetzt ein weiterer Baustein gesetzt: Der ZOB hat sein neues Dach bekommen.

Eine halbe Stunde später ist er endlich da. Schnell bildet sich eine Traube von Menschen rund um die Ladeklappen. Koffer, ein Schaukelpferd, Tüten werden hineingetragen, Umarmungen, Winken, ein Abschiedskuss. Dann gehen die Türen schon wieder zu, mehr als ein Tag wird vergehen, bis Dimitris Mutter und sein Neffe ihr Ziel erreicht haben werden. „Früher war hier Krieg am ZOB“, sagt ein Busfahrer. „Taxis gegen Busse, Fernbusse gegen Regiobusse, jeder gegen jeden.“ Jetzt am neuen ZOB gehe alles viel gesitteter und ruhiger zu. Nur, dass die Busse immer rückwärts aus den Parkboxen wieder herausfahren müssten, sei ein Konstruktionsfehler, meint der Fahrer, und ein Kollege nickt zustimmend. „Das Warnpiepen der Busse hört auch niemand so richtig, bei den vielen Handys heutzutage piept ja immer irgendwo etwas, das schreckt die Menschen nicht auf.“

Kirilka will ihren plötzlich schwer erkrankten Vater in Kiew besuchen. Auf 18 bis 26 Stunden Fahrt stellt sie sich ein. Fliegen wäre jedoch viel zu teuer. „Ich weiß noch gar nicht, wie lange ich bleibe“, sagt sie sichtlich mitgenommen, und Ehemann Karsten tätschelt ihr liebevoll den Unterarm. Zum Trösten bleibt noch Zeit: Der Bus kommt erst in einer Stunde, vielleicht auch später.