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Aus der Stadt „Worte in Handeln umsetzen“
Hannover Aus der Stadt „Worte in Handeln umsetzen“
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10:22 23.05.2015
Von Gunnar Menkens
Ali Saleh mit Pastorin Viola Chrzanowski am Rande einer Podiumsdiskussion um Kirchenasyl kürzlich in der Nikodemus-Gemeinde. Quelle: Michael Wallmüller
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Hannover

Es war Zeit zu handeln. Eine Woche noch, und Ali Saleh würde nach Bulgarien abgeschoben, das amtliche Papier ließ keinen Zweifel. Der junge Somalier war bestürzt. Zwei Jahre lang lebte er schon in Deutschland, nach einer langen Flucht kam er in Hannover an. Ein Platz auf einem Boot hatte ihn 5000 Euro gekostet, Geld, das er bezahlt hatte, um dem ewigen Bürgerkrieg in seiner Heimat zu entfliehen. Über die Türkei ging er nach Sofia, wo er in einer Massenunterkunft lebte, sechs Mann pro Zimmer, darin Küche und Klo. Jeder Flüchtling lebte von 20 Euro im Monat, es gab keine Hilfe und keine Krankenversicherung. Auf den Straßen wurde er wegen seiner dunklen Hautfarbe beschimpft. Bulgarien sagte zu den Flüchtlingen: Haut ab! Ali Saleh dachte, das Land ist schlimmer als Somalia. Zurück nach Bulgarien, dachte er, mit dem Abschiebebescheid in der Hand, „das wäre der Tod“.

Kirchenasyl: Kein juristisch definierter Begriff

Bald darauf erreichte Pastorin Viola Chrzanowski ein Hilferuf aus dem nahen Flüchtlingsheim. Ob Kirchenasyl für Herrn Saleh möglich wäre? Zufällig kam dieser Anruf nicht, Mitglieder ihrer Buchholzer Nikodemus-Gemeinde sind dort ehrenamtlich im Einsatz. Chrzanowski ist eine tatkräftige Frau, und es dauerte nicht lange, bis der Kirchenvorstand zusammengetrommelt war. Man beriet über den jungen Mann und hörte von seiner Geschichte. Dann war klar: Die Gemeinde macht es. Helfer räumten ein Büro aus und richteten ein Zimmer her. Saleh zog ein, und nun war die Gemeinde für einen jungen Somalier verantwortlich. „Worte in Handeln umsetzen, wo es nötig ist“, das war für Pastorin Chrzanowski ein Grund, um den jungen Mann zu beschützen. Einen von Tausenden, aber eben auch: wenigstens diesen einen.

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Kirchenasyl ist kein juristisch definierter Begriff. Niemand hat Anspruch auf den geschützten Raum der Kirche, Gemeinden bestimmen selbst, ob und wem sie sich öffnen. Aber immer wollen sie Menschen vor Not, Verfolgung und Gewalt bewahren, und wenn sie Zuflucht gewähren, gelten ihnen christliche Maßstäbe mehr als rechtskräftige Beschlüsse. In vielen Fällen geht es darum, Fristen des Dublin-III-Verfahrens zu umgehen: Danach ist das Erstaufnahmeland in der EU für einen Flüchtling zuständig. Reist er in ein anderes Land, bleiben den dortigen Behörden sechs Monate Zeit, ihn abzuschieben. Gelingt das nicht, darf er nicht mehr ins Erstaufnahmeland ausgewiesen werden. Flucht in eine Kirche bedeutet, Zeit zu gewinnen und diese Frist zu überstehen. Es gelingt, weil der Staat Kirchenasyl toleriert, er schickt keine Polizisten los, um Flüchtlinge herauszuholen und Abschiebungen fristgerecht zu vollstrecken. 

Dabei spielt kirchlicher Beistand kaum eine Rolle im Vergleich zur Flüchtlingszahl: Hunderttausende leben in Deutschland, nur 438 Menschen unter ihnen in Kirchenasylen, zurzeit 25 in Niedersachsen. In Burgwedel etwa ein 29-jähriger Syrer, ein Landsmann kam in Arnum unter, im Westen der Region wartet ein Mann aus dem Sudan auf das Ende seiner Dublin-Frist.

Der Fall in der Uhlhorn-Gemeinde

Kirchenasyl findet oft im Verborgenen statt, weil nicht jede Gemeinde mit ihrem Schützling an die Öffentlichkeit geht. Beim wohl spektakulärsten Fall hatte die Lindener Gerhard-Uhlhorn-Gemeinde keine Möglichkeit, im Stillen zu wirken. Im Juli 1996 blieben 22 Nigerianer nach dem Gottesdienst in der Kirche, Plakate wiesen auf ihre Not: Tage später sollten sie in ihre Heimat abgeschoben werden. Harmlos nach Ansicht des Innenministeriums, lebensgefährlich, meinten Menschenrechtler und die Nigerianer selbst. Sie durften in der Kirche bleiben. „Wir haben die Menschen nicht eingeladen“, sagte damals Pastor Frank-Peter Schultz, aber die Kirche sei ein Ort, aus dem niemand mit Gewalt vertrieben werde. Kirchenasyl wollte Schultz das aber nicht nennen.

Über Wochen wurde über das Schicksal der Menschen verhandelt, deren Asylanträge bereits abgelehnt waren. Die Nigerianer versuchten mit einem Hungerstreik Bleiberecht zu erkämpfen, sie flüchteten in drei weitere Lindener Kirchen, als ihnen die Zwangsvorführung in der Botschaft ihres Landes drohte. Nach einem Jahr kamen zehn der Männer in Kanada unter. Manche Nigerianer verließen die Kirchen und tauchten unter.

Ali Saleh lebte knapp drei Monate unter dem Schutz der Nikodemus-Kirche, dann konnte er seinen Asylantrag in Deutschland stellen. Die Menschen in der Gemeinde lernten einen humorvollen Mann kennen, der bei jeder Gelegenheit half. Saleh bekam viel Besuch, jeden Tag sollte jemand kommen, das hatten sie so organisiert. Er selbst wollte das Kirchengrundstück lieber nicht verlassen. Wer wusste schon, ob ihn nicht eine Streife mitgenommen hätte, wäre er auf öffentlichem Grund? Er lernte weiter Deutsch. Manchmal war es frustrierend, ohne Sport, seine Familie in Somalia fehlte ihm, keine Arbeit, um sich seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Als Salehs Zeit abgelaufen war, der erste Tag mit der vorläufigen Gewissheit, in Hannover bleiben zu können, erschien es ihm wie Freude und Erlösung zugleich. Er breitet die Arme aus, als er sich erinnert, Ali Saleh strahlt, „das war so: Ooohh!“. Stundenlang spazierte er durch die Stadt. 

Man weiß nicht genau, was aus dem Flüchtling Ali Saleh geworden wäre, hätte er sein Leben in diesem fremden Deutschland allein bewältigen müssen. Der Somalier traf Anne Volkmann das erste Mal beim gemeinsamen Einkauf beim Real in Misburg, man brauchte Lebensmittel für ein Nachbarschaftsfest. Die Ruheständlerin arbeitete ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe, man traf sich ein paarmal im Eiscafé, sie suchte Deutschkurse heraus, und beide unterhielten sich auf Deutsch, so gut es ging, und es ging immer besser. Es war zunächst ein Kennenlernen. Anne Volkmann kann sehr resolut und geradeheraus reden, sie hätte nicht aus reiner Nächstenliebe einen beliebigen Flüchtling betreut. „Sympathie ist für das Kirchenasyl nicht wichtig, für mich schon.“ Mit Ali Saleh klappte es. 

Kirchenasyl braucht Unterstützer

Zum Beispiel, als er eine neue Unterkunft brauchte. Bevor er aufs Amt ging, schrieb Anne Volkmann an ihrem Schreibtisch zu Hause mit Blick in den grünen Innenhof einen Brief und erklärte ausführlich, warum Ali Saleh dringend diesen Platz benötige. Sie schrieb nicht am Computer, sondern mit einem Füller. Ganz altmodisch und aufwendig. Auf dem Amt zeigte er den Brief. Ob er etwas nutzte? Egal, Saleh ist noch immer beeindruckt von der Idee und von Frau Volkmann sowieso. Toller Brief! Mit dem Füller! 

Es ist nur eine kleine Episode, aber sie erzählt, wie hilfreich Unterstützer sein können. Nach all ihren Erfahrungen mit unverständlichen Schriftstücken, verwirrender und oft wie zufällig erscheinender Rechtsprechung und unterschiedlich engagierten Rechtsanwälten glaubt Anne Volkmann inzwischen, „dass es vielleicht schneller geht auf den Ämtern, wenn dort bekannt ist, dass Flüchtlinge eine deutsche Begleitung haben“. 

Kirchenasyl geht nicht ohne Menschen, die sich um den Gast sorgen. Robert hat sich vom Winter bis zum Frühling um einen Sudanesen gekümmert, der noch bis Juli im früheren Konfirmandenraum einer Gemeinde im Westen der Region Hannover lebt, so lange, bis seine Dublin-Frist abläuft. Die Gemeinde möchte nicht genannt werden, auch Robert hat einen anderen Namen. Der 30-Jährige hat erlebt, wie anstrengend Kirchenasyl ist, auch wenn sie es nicht so genannt haben. Der gute Wille zum Helfen, die Menschenfreundlichkeit, alles schön, aber im Alltag zu wenig: „Man braucht verlässliche Leute, die für den Menschen da sind.“ Er selbst trug eine wesentliche Last. Drei bis vier Abende in der Woche besuchte er den Flüchtling, kochte, organisierte Arzttermine, beschaffte Medikamente und einen Fernseher. Monatelang. Nach der Arbeit legte Robert zwei Stunden die Beine hoch, dann ging er in die Kirche. „Wir haben einen Kreis von sieben, acht Leuten, aber es ist trotzdem kraftraubend.“ Er würde es wieder machen, aber jetzt ist er froh, dass er bald eine Pause hat.

Auch Anne Volkmann will weiterhin Flüchtlingen helfen, aber sie will nie wieder einen Paten haben, dem die Abschiebung droht. „Über die Zeit entsteht eine Nähe zu dem Menschen, und wenn der dann abgeholt wird, um in ein Flugzeug zu steigen, das möchte ich nicht erleben.“

Nachgefragt bei Landesbischof Ralf Meister

Herr Meister, Sie stellen bald einen Teil Ihrer Dienstwohnung Flüchtlingen zur Verfügung. Geht es dabei um Kirchenasyl?
Nein. Die Stadt sucht ja dringend Wohnraum für Flüchtlinge, und da haben wir einen leerstehenden Bereich meiner Dienstwohnung renoviert, sodass die Stadt dort Flüchtlinge unterbringen kann.

In Niedersachsen leben derzeit etwa 25 Menschen im Schutz von Kirchen­gemeinden. Was sollten deren Maßstäbe sein, um Menschen aufzunehmen?
Kirchenasyl ist immer Ultima Ratio im Einzelfall. Deshalb setzen sich die Kirchengemeinden mit der Situation der Flüchtlinge auseinander und beraten sich in der Regel mit der zuständigen Spezialistin im Landeskirchenamt. Wenn es Anhaltspunkte gibt, die für eine Durchführung des Asylverfahrens in Deutschland sprechen, etwa traumatisierende Erfahrungen in einem anderen Land oder familiäre Bezüge in Deutschland, setzen sich Kirchengemeinden aus humanitären Gründen dafür ein, dass das überprüft werden kann.

In einem Kompromiss zwischen Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und Kirchen heißt es, die Behörde erwartet, dass es in Zukunft weniger Kirchenasyle geben soll. Ist das bei der zunehmenden Zahl von Flüchtlingen durchzuhalten?
Das Verfahren mit dem BAMF kann in der Tat die Zahl der Kirchenasyle verringern. Bei uns konnte durch den Kontakt mit dem BAMF bisher in zwei Fällen ein Kirchenasyl vermieden werden. Wir müssen jedoch erst einmal Erfahrungen sammeln.

Kritiker betrachten Kirchenasyl als Rechtsbruch. Was antworten Sie denen?
Den Kirchen ist bewusst, dass die rechtliche Beurteilung von Kirchenasyl immer eine Gratwanderung ist. Das Kirchenasyl ist aber zugleich ein offensichtlich notwendiger Schutzraum für Menschenrechte. Das Asyl wird nur gewährt, wenn jemand trotz aller staatlichen Gesetze und Hilfen von einer Abschiebung, menschenunwürdigen Umständen oder Lebensgefahr bedroht ist. Es wendet sich nicht gegen den Rechtsstaat, sondern es erinnert diesen an das grundgesetzlich verankerte Recht auf Menschenwürde, die Freiheit und die körperliche Unversehrtheit.

Interview: Gunnar Menkens

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