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Aus der Stadt Rückblick: 2012 blieb das großes Streik-Chaos aus
Hannover Aus der Stadt Rückblick: 2012 blieb das großes Streik-Chaos aus
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10:23 17.03.2014
Die streikenden Gewerkschafter zeigten sich bei ihrer Kundgebung auf dem Ernst-August-Platz kämpferisch. Quelle: Steiner
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Hannover

"Sowohl die Hannoveraner als auch die Besucher der CeBIT haben sich sehr gut auf die Situation eingestellt", resümierte die Polizei. Die Messe AG sprach von einem "aufregenden, aber nicht chaotischen Tag". Es seien weniger Gäste gekommen als an Messetagen ohne Streik. Zu erwarten sei, dass dafür die Besucherzahl an den restlichen CeBIT-Tagen anziehe.

Die Polizei teilte mit, auf Fern- und Schnellstraßen seien nennenswerte Staus ausgeblieben. Für viele Berufspendler aber stellte sich das im morgendlichen Berufsverkehr anders dar. Sie steckten insbesondere auf dem West- und dem Messeschnellweg sowie auf der A2 fest.

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Auch im Innenstadtbereich brauchten Autofahrer am Vormittag Geduld, weil die Gewerkschaften mehrere Demonstrationszüge organisiert hatten. Betroffen war vor allem der Cityring. "Das hat sich erst entspannt, als alle Kundgebungsteilnehmer auf dem Ernst-August-Platz eingetroffen waren", meldete die Polizei. Sie zählte insgesamt etwa 4500 Teilnehmer; die Gewerkschaften sprachen von 7000.

Wolfram von Fritsch, Vorstandsvorsitzender der Messe AG, bedankte sich bei Bürgern und Organisationen für die Unterstützung bei der Aktion "Roter Punkt", mit der spontane Fahrgemeinschaften gebildet wurden (siehe Texte unten). Die Messe schätzt, dass etwa 10.000 Gäste so zum Gelände gelangten. Weitere 5000 fuhren mit den Bussen, die im Pendelverkehr die ausgefallenen Stadtbahnen ersetzten. "Die Fahrzeuge waren voll, aber nicht überfüllt", teilte die Üstra mit, deren nicht bestreikte Reisetochter die meisten Busse gestellt hatte. Um die Situation bei der Anfahrt zu entzerren, ließ die Messe das Gelände schon um 6 Uhr und damit zwei Stunden früher als üblich öffnen.

Im Bereich der Stadtverwaltung beteiligten sich knapp 2000 Mitarbeiter am Warnstreik. Wie angekündigt blieben alle städtischen Kitas geschlossen. In Schulen, deren Hausmeister die Arbeit niederlegten, öffneten die Leiter die Gebäude. Nach Angaben der Stadt blieb allerdings das Schulzentrum Bothfeld wegen eines Defekts am Schlüsseltransponder geschlossen. Ebenfalls nicht öffnen konnten sechs von acht Bürgerämtern, die Kraftfahrzeugzulassungsstelle, mehrere Stadtteilbibliotheken, fast alle städtischen Schwimmbäder und das Standesamt. "Drei geplante Trauungen haben aber stattgefunden", berichtet die Stadt.

Der Streik im öffentlichen Nahverkehr legt Hannover stellenweise lahm. Verkehrsbehinderungen und lange Staus sind die Folge. Besonders betroffen sind die vielen Berufspendler - und die CeBIT-Besucher.

Beim Klinikum Hannover war die Streikbeteiligung nach Angaben eines Sprechers überschaubar. Trotzdem habe man etwa zwei Dutzend geplante Operationen verschieben müssen - die meisten davon in den Häusern in Laatzen und Lehrte. Beim Abfallwirtschaftsbetrieb aha ging streikbedingt gar nichts.

"Wir hoffen, dass die Arbeitgeber diese klare Botschaft verstanden haben", sagte ver.di-Koordinator Harald Memenga. Während der Kundgebung auf dem Ernst-August-Platz allerdings glaubten viele an ein Wiedersehen. "Ich sehe nicht, dass wir uns in den nächsten zwei Verhandlungen oder in der Schlichtung einigen", erklärte ein Funktionär. Für diesen Fall drohen ab Mai unbefristete Streiks.

"Steig ein"

Ich stehe alleine an der Straße. Hinter mir harren die Göttinger Sieben in ihren Grüblerposen, ein kalter Wind weht durch die Karmarschstraße. Ich nicke den bronzenen Grimm-Brüdern und Kollegen kurz zu. Habt acht, ihr Sieben, jetzt geht’s los, denke ich und halte dann den "Roten Punkt" in die Höhe so wie ich es von Wilhelm Hauschilds Foto aus dem Jahr 1969 kenne. Das erste Auto ist ein Taxi, belegt. Im folgenden Kleinbus lacht ein Mann, als er mich sieht. Und fährt weiter. Das kann ja heiter werden. Bevor ich schlechte Laune bekommen kann, hält schon ein Wagen. Der Fahrer winkt mich heran. "Steig ein", sagt er kurz. Die Messe liege zwar nicht auf dem Weg, aber das passt schon.

Hilmar Schwetje aus Hotteln bei Sarstedt hält den "Roten Punkt" für eine gute Aktion. Schwetje arbeitet als Systemingenieur in Laatzen, ist wegen eines Termins in der Stadt. Zur Not hätte er auch noch die drei Kindersitze von der Rückbank genommen. Wir fahren an Maschteich und Sprengel Museum vorbei. Auf halber Maschsee-Höhe setzt mich Schwetje ab, ich muss ja testen, ob er ein Einzelfall war. Ich kann dich auch an einer Haltestelle raus lassen, sagt Schwetje. Ob das ein Scherz war, frage ich mich erst, als ich ausgestiegen bin. Über dem Museum kreist derweil ein Polizeihubschrauber.

Den "Roten Punkt" halte ich mit beiden Händen über den Kopf. Ob ein Helikopter hier landen darf? Er landet nicht. Stattdessen schauen jetzt Passanten irritiert zu mir herüber schnell weiter. In der Willy-Brandt-Allee starte ich Versuch zwei. In Sichtweite stauen sich die Autos auf dem Friedrichswall, da will ich nicht hin. Anna Weber auch nicht. Die Rentnerin aus der Südstadt fährt mich stattdessen wieder am Maschsee entlang. Sie will ihre Tochter in Fulda besuchen. Die hat Geburtstag, sagt sie. Ich habe noch nicht gefrühstückt und muss an den Kuchen denken, den Frau Weber sicher im Kofferraum hat. Wir halten jetzt besser, Frau Weber. Wieder am Nordufer angelangt, biege ich dieses Mal links ab und gehe am ehemaligen Spielkasino vorbei in Richtung Schützenplatz. Hier ist kaum was los. Am Gilde-Tor halte ich den Punkt in die Höhe. Und jetzt dauert es tatsächlich etwas länger. Einige Wagen passieren. Dann stoppt ein Auto der Stadt Hannover. "Rote Punkte" finde ich gut, sagt der Fahrer und deutet mit dem Kopf zur 96-Arena. "Kleiner Scherz". Er darf mich eigentlich nicht mitnehmen, kann mich aber zum Shuttle-Bus bringen. Ich fahre mit in Richtung Innenstadt. Am Leineschloss angekommen, steige ich aus. Ich steige auf mein Fahrrad und schaue noch einmal zu den bronzenen Figuren. Was die Gebrüder Grimm wohl bei einem Streik der Kutscher gemacht hätten?

Tür auf

Halb neun in Limmer. Der größte Strom Pendler ist schon durch, jetzt wollen wir Übriggebliebene einsammeln. Oder wie der Fahrer sagt: "Mal kurz die Welt retten." Wir haben das Schild mit dem roten Punkt von der Messe in die Windschutzscheibe gelegt und werden damit in unserem Sichtfeld die einzigen an diesem Morgen bleiben. HAZ-Kollege Volker Wiedersheim, der Fahrer, konzentriert sich auf den Verkehr. Ich halte den Kaffee in den Händen und dabei nach potenziellen Mitfahrern Ausschau. Da! Wenige Meter entfernt warten zwei junge Männer an der Stadtbahnhaltestelle offenbar Ahnungslose. Wenig später sitzen sie auf unserer Rückbank. Frank ist Biotechnologe an der Uni, die Sache scheint ihm unangenehm: Ich wusste schon von dem Streik. Aber ich dachte, ein Gericht entscheidet noch darüber. An der Haltestelle traf er auf Florian. Eine Weile standen sie dort so herum, beäugten sich, verließen sich aufeinander.

Der Softwareentwickler Florian gibt zu, "absolut nichts" vom Streik mitbekommen zu haben. Ich hatte viel Stress bei der Arbeit, und in der Tagesschau wurde Hannover nicht erwähnt. Wir versuchen den Stau weitgehend zu umfahren, und nach gut einer Stunde ist nach Frank auch Florian am Ziel. Die Haltestellen an den Hauptstraßen in Richtung Süden sind nun verwaist. Auch am Straßenrand sind keine Anhalter zu sehen, weder mit noch ohne roten Punkt. Immerhin: In Bemerode in Höhe der Siedlung Spargelacker wartet ein Mann in Anzug und Mantel. Ganz offenkundig ein Messegast. Wir zeigen ihm das Schild mit dem roten Punkt und dem CeBIT-Logo: "Wollen Sie mit?" Der Mann breitet die Arme aus: Habe ich ein Glück!, sagt der Russe in gebrochenem Deutsch und strahlt. In den nächsten 20 Minuten erfahren wir, dass er Buzugo Kirill heißt, in einem Appartement in Kirchrode untergebracht ist und ihm seine deutschen Kollegen keinen Ton vom Streik gesagt haben. Wir plaudern über die Messe, über Putin, über den dichten Autoverkehr. So sieht das in Moskau immer aus, sagt der Russe ungerührt.

Noch eine Runde, diesmal suchen wir noch länger nach Mitfahrern. Manche fischen die Ersatz-Pendelbusse uns weg. Zurück am Friedrichswall blickt sich eine Gruppe Asiaten suchend um. Wir kommen wie gerufen. Als wir noch beratschlagen, wie wir alle Vier in das Auto bekommen, hält ein weiterer Wagen. Er hat keinen Punkt, aber Platz für Zwei. Unsere neuen Gäste kommen aus Südkorea und sind "App-Designer". Das klingt spannend, lässt sich aber wegen der Sprachbarrieren nicht weiter vertiefen. Wir fotografieren uns gegenseitig und schicken uns die Bilder per E-Mail, um sie auf unsere Tabletcomputern sofort abzurufen Technik verbindet. Unsere Bilanz: Wir haben zwar nicht die Welt gerettet, aber immerhin fünf Menschen vor langen Märschen bewahrt

Gerd Schil, Bernd Haase, Sonja Fröhlich

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