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Aus der Stadt Hannovers „Russenmafia“ vor Gericht
Hannover Aus der Stadt Hannovers „Russenmafia“ vor Gericht
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07:45 02.02.2015
Eine Schießerei am Maschsee brachte 2008 die Ermittler auf die Spur der „Diebe im Gesetz“. Quelle: Christian Elsner (Archiv)
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Hannover

In einem Mammutverfahren vor dem Landgericht Lüneburg will ihnen die Anklage in den kommenden Monaten die Bildung einer kriminellen Vereinigung sowie banden- und gewerbsmäßigen Betrug nachweisen. Bis zum 23. Dezember hat die Kammer mehr als 80 Verhandlungstage angesetzt. Im Raum Hannover sollen die Angeklagten zwischen 2009 und 2014 insgesamt 15 Straftaten begangen und damit Schäden in Höhe von mehreren Hunderttausend Euro verursacht haben.

Unter anderem wird vier von ihnen zur Last gelegt, über eine Briefkastenfirma teure Fahrzeuge und Industriemaschinen geleast und die Waren anschließend verkauft zu haben, ohne die Raten zu bezahlen. Allein dabei soll ein Schaden von rund 450 000 Euro entstanden sein.

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Darüber hinaus könnte der Prozess Einblicke in eine sonst streng abgeschottete Welt bieten. Denn vier der Angeklagten, die aus Russland, Kasachstan, Armenien, Tschechien, Deutschland und der Türkei kommen, sollen zu den „Dieben im Gesetz“ gehören. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Hannover sind sie damit Teil eines Mafia-Netzwerkes, dessen Mitglieder ganz überwiegend aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion stammen.

Die „Diebe im Gesetz“ genannten Bosse der russischen Mafia haben Deutschland laut Bundeskriminalamt (BKA) in 22 Regionen aufgeteilt, in denen die von ihnen streng hierarchisch geführten „Brigaden“ operieren. Verbindendes Element sind kulturelle Gemeinsamkeiten und die russische Sprache. Unter den Anführern sollen auch Angehörige des KGB und anderer früherer Nachrichtendienste der Sowjetunion sein. Einer der angeklagten Männer, der im Mai festgenommen wurde, soll ein solcher Boss sein. Er soll die Bande geleitet haben. „Zwei weitere Angeklagte sollen als Statthalter und Aufseher der Gruppierung fungiert und deren aus Straftaten finanzierte Gemeinschaftskasse verwaltet haben“, teilte ein Sprecher des Landgerichts mit. „Ein vierter Angeklagter soll lediglich Mitglied der kriminellen Vereinigung gewesen sein.“

Die Ermittlungen waren nach einer Schießerei am Maschsee in Hannover im März 2008 in Gang gekommen. Dort waren vier mutmaßliche Mitglieder der Organisation in Streit geraten. Ein Armenier zog daraufhin zwei Pistolen und eröffnete das Feuer auf einen Russen. Der Mann konnte nur deshalb unverletzt flüchten, weil eine der beiden Waffen eine Ladehemmung hatte. Der Schütze wurde 2009 zu einer Haftstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt.

Die Staatsanwaltschaft forschte nach dem Urteil dennoch weiter und stieß so auf die „Diebe im Gesetz“. Die Gruppe soll vor über 80 Jahren von Berufsverbrechern in den sowjetischen Straflagern gegründet worden sein.

Die Mitglieder haben eigene Strukturen und Gesetze, ihr Kodex verlangt absoluten Gehorsam, jede Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen ist streng verboten. Nach BKA-Angaben wurden 2012 rund 20 000 Tatverdächtige in Deutschland registriert, die aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion stammen. Ob alle den sogenannten „russisch-eurasischen Gruppierungen“ angehören, kann auch das BKA nicht mit Sicherheit sagen.

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