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Aus der Stadt Zwei Mann in einem Boot
Hannover Aus der Stadt Zwei Mann in einem Boot
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00:15 24.08.2013
„Kein Kaffee, kein Tee, sonst geh ich auf den Händen“: Ex-Kanzler Gerhard Schröder und Peer Steinbrück am Mittwochabend am Kröpcke in Hannover. Quelle: Alexander Körner / Montage
Hannover

Wahrscheinlich haben sie eine Weile darüber nachgedacht, ob das eine gute Idee ist. Da ist Gerhard Schröder, der Vorzeigewahlkämpfer, der einst zu Wahlkampfzwecken den Professor aus Heidelberg erfunden und den Irakkriegsbefürwortern in einem Kino in Goslar und auf den Marktplätzen der Republik die Stirn geboten hat – und neben ihm Peer Steinbrück. Der SPD-Kanzlerkandidat, dessen Lieblingsgesichtsausdruck grimmig, und dessen Sprache klar ist, aber eben auch etwas kühl. Da stehen sie nun zusammen auf der Bühne am Kröpcke in Hannover. Und man fragt sich fast automatisch: Stiehlt der Altkanzler dem Kandidaten die Show?

Steinbrück kann beruhigt sein. Zwar zieht „der Gerd“ (Steinbrück) auch am Mittwochabend am Kröpcke alle Register, aber er findet das rechte Maß: „All diejenigen, die sagen, das ist schon gelaufen, denen glaube ich nicht“, ruft er in das Publikum. Er begrüßt die von Steinbrück geplanten Korrekturen an dem, „was bei der Agenda-Politik nicht gelungen ist“. Dann knöpft er sich die Kanzlerin vor. Die Regierung sage dem Wahlvolk nicht die Wahrheit über die wahren Kosten der Euro-Krise und die Griechenlandrettung. „Meine Bitte: Kommt rüber, sagt uns, worum es geht“, ruft er der Regierung zu. Er hat nun wieder diesen kehlig-kämpferischen Schröder-Sound, den Frank-Walter Steinmeier am Ende seiner glücklosen SPD-Kanzlerkandidatur vor vier Jahren fast genau imitieren konnte.

Steinbrück hat seinen eigenen Sound. Er kommt am Kröpcke wie gewohnt rhetorisch von oben herab, dozierend, eher in der Tradition seines Unterstützers und Vorbilds Helmut Schmidt. „Klartext“ nennt die SPD das Frage-und-Antwort-Format, nach US-Vorbild stehen die Zuschauer rund um die Bühne herum. Rund 2000 Menschen sind in die Innenstadt gekommen. Steinbrück wippt auf den Füßen hin und her, wenn ihm die Fragen vorgelesen werden, die zuvor aus dem Publikum eingesammelt wurden. Er will mehr Ausgaben für Bildung, er verteidigt die SPD-Steuerpläne und wirft Merkel ebenfalls vor, das Volk über die Kosten der Euro-Krise zu täuschen.

Merkel sage vor der Wahl, es brauche kein drittes Hilfspaket für Griechenland und tue so, als wenn Steuerzahler ungeschoren davonkämen, schimpft er. Das sei „grundfalsch“. „Griechenland braucht ein Wachstumsprogramm, sie brauchen einen Marshallplan, wie wir ihn mal bekommen haben.“ Es ist keine freudige Nachricht für die Steuerzahler, die der ehemalige Finanzminister da im Gepäck hat, aber sie kommt an. Klartext gegen Nichtstun, so lautet grob die Linie, mit der Steinbrück Merkel attackiert.

Auch sonst fühlt sich der Kandidat auf der Bühne sichtbar wohl. Er schlägt Hannover 96 galant als Bundesliga-Vizemeister vor (hinter Dortmund), guckt angemessen ernst, wenn es um die Finanzkrise geht. Steinbrück doziert, erklärt, gestikuliert und belehrt. Das Format ist für ihn gemacht.

Und doch ist längst nicht klar, ob es der 66-Jährige wirklich schaffen wird in die Riege der Schmidts und Schröders, oder ob er in die Kategorie Steinmeier einsortiert werden wird. Die Umfragen jedenfalls lassen viele zweifeln. Die SPD steht zwischen 22 bis 25 Prozent, für Rot-Grün würde das nicht reichen. Auch Steinbrücks persönliche Beliebtheitswerte wollen bisher nicht steigen. Die Frage ist, was er denn noch anzubieten hat bis zum 22. September, wenn die Deutschen ihr Kreuz machen sollen.

„Ich bin mir sicher, dass noch nichts verloren ist“, sagt Steinbrück vor seinem Auftritt. Er sitzt gemeinsam mit seinem Sprecher an einem langen Tisch und gießt sich Wasser in ein Glas. „Kein Kaffee, kein Tee, sonst geh ich auf den Händen“, sagt er. Sein Gesicht sieht in der Tat etwas abgekämpft aus. Man sieht ihm die Mühe an, dennoch optimistisch zu wirken. Er spricht über die Aufholjagden der SPD 2002 und 2005 mit Gerhard Schröder und erzählt von ausgebuchten Wahlkampfveranstaltungen. „Ich spüre, die Menschen haben Interesse, über Politik zu reden“, sagt er.

Das war nicht immer so. Statt anzugreifen, musste sich Steinbrück vom ersten Tag an verteidigen. Die Kandidatenkür, die zur „Sturzgeburt“ geriet, die Debatten um seine Rednerhonorare und das Kanzlersalär. Schließlich war es seine Frau, die mit einem emotionalen Auftritt auf dem Parteikonvent die Stimmung etwas aufgehellt hat. Dennoch hat auch dieser Auftritt, der mit ein paar Tränen Steinbrücks endete, nicht nur Gutes gebracht: Wer heute bei Google das Wort Steinbrück eingibt, dem schlägt der Algorithmus als häufigsten Suchbegriff vor: „Steinbrück weint“.

Sicherlich sei der Wahlkampfstart nicht optimal gelaufen, das habe er längst eingeräumt. Mittlerweile allerdings scheint das Schlimmste ausgestanden. Die Berichte werden freundlicher, die Pannen weniger. Steinbrück hat das registriert. „Vielleicht ist das Publikum es leid, sich mit Nebensächlichkeiten zu beschäftigen“, sagt er listig. Er fühlte sich unfair behandelt von den Medien. Eine gewisse Bitterkeit, das spürt man, ist geblieben.

Nun wolle er nach vorne schauen. „Ich laufe, ich mache Wahlkampf mit hoher Präsenz.“ Er sieht durchaus Themen für die nächsten vier Wochen bis zum Wahltag. Die Griechenland-Krise natürlich, aber auch die NSA-Affäre, die zeige, wie die Regierung mit den Rechten der Bürger umgehe. „Die entscheidenden Fragen sind alle nicht geklärt“, sagt Steinbrück. Es sei wie so oft: Die Kanzlerin lulle das Wahlvolk ein. „Sie tut niemandem weh, und sie setzt sich für nichts ein.“

Außerdem will der 66-Jährige, der nicht eben als Linker in seiner Partei gilt, mit sozialen Themen punkten. Die Logik ist einfach: Wenn die Mitte träge auf Merkel schaut, will sich die SPD wieder der sozial Bedürftigeren annehmen: Mietpreisbremse, mehr Steuern für Reiche, gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Auf den Wahlkampfbühnen betet er das gerade täglich vor.

Vor allem aber das Bekenntnis zum Mindestlohn soll sich noch zum Schlager auf der Zielgeraden entwickeln. „Es spielt eine herausgehobene Rolle“, sagt Steinbrück. Es ist Teil eines 100-Tage-Regierungsprogramms, das Steinbrück nächste Woche vorstellen will. Die Wahlkampfstrategen haben folgende Rechnung aufgemacht: 1998 haben 20 Millionen Wähler SPD gewählt, 2009 waren es nur noch zehn Millionen. „Die Frage ist, wie wir diese Menschen wieder für die SPD gewinnen“, sagt der Kandidat. Gerhard Schröder wäre nicht Gerhard Schröder, wenn er nicht darauf auch eine Antwort hätte. Es ist ein Satz aus einem Heinrich-Heine-Gedicht, er zitiert es auf der Bühne am Kröpcke. „Schlage die Trommel und fürchte dich nicht.“ Steinbrück sagt, er werde es sich zu Herzen nehmen.

So läuft Steinbrücks Wahlkampf

Mit großem organisatorischen Aufwand arbeitet die SPD daran, die Regierungskoalition abzulösen.

  • Das Team: In Wahlkampfzeiten wird im Willy-Brandt-Haus Platz geschaffen für die „Kampa“, die Wahlkampfzentrale: In zwei Großraumbüros arbeiten rund 80 Mitarbeiter daran, Steinbrücks Kampagne in Fahrt zu bringen. In der heißen Phase kommen noch einmal rund 150 Mitarbeiter aus zehn verschiedenen Arbeitsbereichen der SPD-Zentrale dazu. Sie mobilisieren die Parteimitglieder in 299 Wahlkreisteams im ganzen Land, organisieren die „Tür-zu-Tür-Kampagne“ des Kandidaten, seinen „Bürgerdialog“ und seine Auftritte auf Marktplätzen. 
  • Die Managerin: Verantwortlich für die Organisation des SPD-Wahlkampfes ist Generalsekretärin Andrea Nahles. Die bisherigen Missgeschicke des Spitzenkandidaten werden auch ihr angelastet: Vorige Woche übte der frühere Parteivorsitzende Franz Müntefering heftige Kritik an der Vorbereitung der Steinbrück-Kampagne – eine Attacke auf Nahles, mit der Müntefering seit seinem Rücktritt 2009 über Kreuz liegt. Auch Steinbrücks Wahlkampfreferent Heiko Geue hat schon für Schlagzeilen gesorgt: Im Mai nahm die Staatsanwaltschaft Magdeburg Ermittlungen gegen den früheren Staatssekretär im sachsen-anhaltinischen Finanzministerium auf – er hatte Fahrten mit seinem Dienstwagen nicht korrekt abgerechnet.  
  • Das Budget: Die SPD plant für den Wahlkampf Ausgaben in Höhe von 23 Millionen Euro ein. Das Geld stammt aus Mitgliedsbeiträgen, staatlicher Parteienfinanzierung und Parteispenden – 2013 rechnet die Partei mit Zuwendungen von 1,5 Millionen Euro von Privatleuten und Unternehmen.   küp
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