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Aus der Stadt SPD-Politiker greift in die Kasse der Armenstiftung
Hannover Aus der Stadt SPD-Politiker greift in die Kasse der Armenstiftung
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21:53 22.09.2009
Von Conrad von Meding
Detlef Gerberding
Detlef Gerberding Quelle: Martin Steiner
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Als belegt gelten unter anderem Mietwagenabrechnungen für eine Urlaubsreise sowie Handyrechnungen. Die Unregelmäßigkeiten summieren sich zu fünfstelligen Beträgen – dabei ist Gerberding erst seit April im Stiftungsvorstand. Inzwischen hat sich die Stiftungsaufsicht eingeschaltet. Und Oberbürgermeister Stephan Weil, ebenfalls SPD, hat ein ernstes Gespräch geführt, in dessen Folge Gerberding jetzt seinen Rücktritt aus der Stiftung angekündigt hat. Er toleriere keine Unregelmäßigkeiten in solchen Ämtern, ließ Weil gestern ausrichten.

Seit 120 Jahren betreibt die Johann Jobst Wagnersche Stiftung am Rande der Calenberger Neustadt ein Armenstift. Dort können Bedürftige preiswert wohnen. Zwei „ehrbare Bürger“ sollen über die Stiftung wachen. Als einer der Posten im April frei wurde, soll die Stiftungsaufsicht vor Gerberding gewarnt haben: Der Politiker war bereits vor Jahren wegen Unstimmigkeiten bei Banksicherheiten im Zuge einer Gastronomieinsolvenz verurteilt worden. In der Wagnerschen Stiftung aber fand man, dass jeder eine zweite Chance verdient.

Gerberding beteuert, dass sich alle Ausgaben belegen ließen. Keinesfalls habe er sich persönlich bereichern wollen. Wo er für private Zwecke Geld entnommen habe, werde er die Summen zurückzahlen. „Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet“, sagte er am Dienstag: „Möglicherweise war ich aber überfordert.“ Die hohen Barentnahmen haben nach Erkenntnissen der Aufsicht begonnen, als der SPD-Fraktionschef im April in den Vorstand eintrat. Wurden zuvor in der Regel etwa 600 Euro monatlich bar entnommen, waren es nun 8500 Euro (April), 4500 Euro (Mai), 5200 Euro (Juni) und 7200 Euro (Juli). Als die Aufsicht Anfang August Belege forderte, waren diese derart konfus, dass die Prüfer unverzüglich korrekte Nachweise forderten. In dem Schreiben heißt es, die Aufzeichnungen entsprächen weder den „Vorgaben der Stiftungssatzung noch den Grundsätzen einer ordnungsgemäßen Buchführung“. Die Aufsicht prangert an, dass es über 3200 Euro gar keine Nachweise gebe, über 12.000 Euro „lediglich handschriftliche Quittungen“. Zudem habe Gerberding sich selbst 2250 Euro „für nicht näher bezeichnete Tätigkeiten“ vor seiner Vorstandstätigkeit ausgezahlt.

Der Politiker sagt, die Zustände in der Stiftung seien „katastrophal“ gewesen. Allein zum Erfüllen der Verkehrssicherheitspflicht habe er sofort Arbeiter beschäftigen müssen, die Wege und Garten in Ordnung brachten – sie wurden bar bezahlt. Aber es wurden auch Computerteile, mehrere Handys und sogar teure Kleincomputer bestellt, die im Stiftungsbüro nie benutzt wurden. Zudem hat er über die ec-Karte der Stiftung 480 Euro für einen Miet-Passat bezahlt. Damit machte er mit seinem Lebensgefährten Urlaub auf Langeoog.

Gerberding hat nach eigenen Angaben jetzt ein Wirtschaftsprüfungsbüro mit dem Aufarbeiten der Buchhaltung beauftragt. Bei der Stiftungsaufsicht hat er daher um Fristverlängerung gebeten. Wer sein Nachfolger in der Stiftung wird, ist ungeklärt.

Bernd Haase 22.09.2009
Tobias Morchner 22.09.2009