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Aus der Stadt Problemviertel oder Stadtteil des Miteinanders
Hannover Aus der Stadt Problemviertel oder Stadtteil des Miteinanders
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18:55 17.11.2015
Von Gabi Stief
In die Jahre gekommen: Die Hochhaussiedlung am Sahlkamp entstand in den Siebzigerjahren. Der Putz löst sich, die Wohnungen müssen dringend saniert werden. Die Deutsche Wohnen AG will im nächsten Jahr mit der Modernisierung beginnen.
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Sarah Eckhardt kennt das. Wenn die junge Krankenschwester Leuten erzählt, wo sie wohnt, reagieren die meisten pikiert. „Da wohnst du? Freiwillig?“ Viele verkneifen sich einen weiteren Kommentar. Einige trauen sich und sagen: „Wie furchtbar!“

Sarah Eckhardt ist vor anderthalb Jahren in den Sahlkamp gezogen. Genau genommen nach Sahlkamp-Mitte; ein Viertel, das viele für eine trostlose Hochhaussiedlung halten, in der mehr russisch als deutsch gesprochen wird. Tatsächlich leben dort 60 Nationen zusammen - nicht erst seit dem jüngsten Flüchtlingszustrom.

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(Krankenschwester Sarah Eckhardt zog aus der Nordstadt an den Sahlkamp: „Es ist wie auf dem Dorfe. Jeder kennt jeden.“) 

Sarah Eckhardt wollte weg aus der Nordstadt, vom Engelbosteler Damm, wo sie sich auf der Straße nicht mehr sicher fühlte, nachdem sie überfallen worden war. Ihr neues Zuhause im Sahlkamp gefiel ihr auf Anhieb. 730 Euro Kaltmiete zahlt sie für die 85-Quadratmeter-Wohnung mit Balkon, die sie mit ihrer pflegebedürftigen Mutter teilt. Kritiker, die über das Viertel die Nase rümpfen, hält die 29-Jährige für abgehoben. „Es ist hier wie auf dem Dorf. Jeder kennt jeden.“ Mit der Bahn ist man in 20 Minuten in der Innenstadt, die Laufstrecke am Kanal liegt um die Ecke. Die Hilfsbereitschaft in der Nachbarschaft sei enorm, sagt sie.

Ganz selbstverständlich ist das nicht. Im Gegenteil. Das Miteinander im Viertel ist eine Art Sozialprojekt, für das staatliche Stellen seit gut sechs Jahren einige Millionen Euro ausgeben und für das sich Dutzende Menschen im Stadtteil engagieren. 2009 beschloss die Stadt, Sahlkamp-Mitte mit seinen 2100 Wohnungen zum Sanierungsgebiet im Rahmen des Bund-Länder-Programms „Soziale Stadt“ zu erklären - auch um die Wohnungsunternehmen zu Modernisierungsmaßnahmen zu bewegen. Doch bislang ohne Erfolg. Nichts ist passiert. Die Stadt könne bauliche Investitionen nicht erzwingen, bedauert Birgit Teschner, zuständig für bürgerschaftliches Engagement bei der Stadtverwaltung. Aber man könne das Umfeld verändern und die soziale Infrastruktur verbessern. Dies ist mit einer Vielzahl an Projekten geschehen. Wichtig sei, dass die Bewohner spürten, dass sie nicht allein gelassen werden mit ihren Problemen.

Und Probleme gibt es genug. Rund 5200 Menschen wohnen in Sahlkamp-Mitte, fast 42 Prozent leben von staatlicher Unterstützung. Stadtweit liegt die Quote gerade einmal bei 9 Prozent. Die Arbeitslosenquote ist mit 16 Prozent doppelt so hoch wie in Linden oder der List. 55 Prozent der Bewohner sind zugewandert, vor allem aus Osteuropa. Die arabischstämmige Gruppe aus dem Irak, Afghanistan oder Syrien wächst stetig. 72 Prozent der Migranten sind jünger als 18 Jahre. Zehn Betreuungsangebote, von der Krippe bis zum Hort, eine Grundschule, einen Stadtteil-Bauernhof, einen Kinderzirkus und Jugendwerkstätten gibt es im Viertel.

Peter Pohl wohnt am Rand der Hochhaussiedlung, wo der gefühlte Altersdurchschnitt nicht unter 18, sondern über 60 liegt und fast alle einen deutschen Pass und eine eigene Immobilie haben. Als der Elektrotechniker und Schiffliebhaber vor fünf Jahren in Rente ging, beschloss er, sich ehrenamtlich im Stadtteil zu engagieren. Eine Zeit lang hat er bei der Arbeitsgruppe „Sicherheit“ mitgemacht, die sich für eine Beleuchtung der Wege in den Grünanlagen einsetzt. Andere Arbeitsgruppen kümmern sich um die Jugendarbeit oder die „Willkommenskultur“. Regelmäßig erscheint eine Sanierungszeitung. 2012 wurde gemeinsam mit Jugendlichen im Viertel eine „Sahlkamp-Charta“ in Deutsch, Russisch und Arabisch verfasst. Eine der sieben Regeln verlangt Respekt vor Jüngeren und Älteren, eine andere mahnt zur Mülltrennung.

(Rentner Peter Pohl kannte das Viertel schon, als man noch in Schrebergärten spielte. Er hofft, dass endlich mit der Sanierung der Hochhäuser begonnen wird.)

Peter Pohl kennt den Stadtteil seit seiner Jugend. Der gebürtige Lindener kam mit seinen Eltern hierher, als man noch endlos durch Schrebergärten streifen konnte. Als Anfang der Siebzigerjahre die gewerkschaftseigene Neue Heimat zwischen Sahlkamp und Kugelfangtrift mit öffentlicher Förderung eine Großwohnsiedlung aus dem Boden stampfte, gehörte er zu den ersten Mietern. In den Neunzigerjahren hat er wie viele seiner Nachbarn die Wohnung gekauft. Seit er in Rente ist, zweifelt er manchmal, ob die Entscheidung richtig war.

„Es ist kein gewachsener Stadtteil“, sagt er. Seit 40 Jahren wird die Siedlung rund um den Sahlkampmarkt als Spekulationsobjekt von einem Immobilienkonzern an den nächsten mit Gewinn weitergereicht. Keiner der vielen Käufer, weder der US-Fonds Cerberus noch der italienische Mischkonzern Pirelli, investierte in die Wohnungen, die zunehmend verfallen und dringend saniert werden müssen. In den Wänden sitzt der Schimmel, an den Balkonen löst sich der Putz, die Hauselektrik ist veraltet und die Fenster sind undicht. Ein aktuelles Gutachten spricht außerdem von starken Vandalismusschäden.

Im Sommer hat die derzeitige Eigentümerin, die Deutsche Wohnen AG, angekündigt, im nächsten Frühjahr, vier Jahre nach dem Kauf, endlich mit der Sanierung ihrer 800 Wohnungen zu beginnen. 8 Millionen Euro sollen investiert werden; die Hälfte des Betrags will die Stadt übernehmen. Ob es dabei bleibt, ist allerdings ungewiss. Die Vonovia, die Nummer eins auf dem Mietwohnungsmarkt, hat angekündigt, den Konkurrenten Deutsche Wohnen samt Schulden für rund 14 Milliarden Euro übernehmen zu wollen.

„Das wäre eine Katastrophe“, meint Peter Pohl. Er hat schon viele Besuchergruppen durch die Siedlung geführt. Politikern und angereisten Architekten erzählt er dann vom Leben in verschiedenen Welten. Da gibt es die Randbezirke mit Hausbesitzern und Wohnungseigentümern, die sich einen kleinen Wohlstand erarbeitet haben, und es gibt in der Mitte des Viertels die Insel der Mittellosen, die nur vom Wohlstand träumen. Existiert ein verständnisvolles Miteinander, wie es sich Stadtteilplaner wünschen, die „gemischte Bewohnerstrukturen“ preisen? Peter Pohl zweifelt.

Claudia Lutz, Sozialarbeiterin im Nachbarschaftsladen NaDiLa, ist schon aus beruflichen Gründen Optimistin. Sie berät all jene, die den Fragebogen des Jobcenters nicht verstehen, und sie vermittelt Alleinerziehende aus den Hochhäusern als Haushaltshilfe an Rentnerehepaare im „Speckgürtel“. „So lernt man sich kennen und verstehen“, sagt sie. Im NaDiLa gibt es einen Mittagstisch und preiswerte Kleidung aus zweiter Hand. Christine Oppermann, Sozialarbeiterin und Mitbegründerin des Ladens, ist es sogar gelungen, mit einem Malkreis deutsche, arabischstämmige und russische Frauen an einen Tisch zu bekommen. Die Bilder schmücken jetzt die Wände des Ladens.

Auch Fatma Dogan geht im NaDiLa ein und aus. Vor zwölf Jahren kam die Kurdin nach Deutschland, um zu heiraten. Mittlerweile erzieht sie ihre vier Kinder allein und lebt von Hartz IV. Die 40-Jährige hat ein halbes Dutzend Jobs, alle ehrenamtlich. Sie hilft in der Mensa der Grundschule, ist wie Sarah Eckhardt Mitglied der Mietergruppe und versucht im Sprachcafé, Zuwanderern die Angst vor der deutschen Sprache zu nehmen.

(Die Kurdin Fatma Dogan hat ein halbes Dutzend Ehrenämter. Sie fürchtet, dass sich die Probleme in der Siedlung verschärfen.) 

Fatma Dogan gehört wie Rentner Pohl eher zu den Pessimisten. Sie klagt über neue Nachbarn, die den Müll im Hausflur abstellen und ihre Kinder unbeaufsichtigt lassen. Viele Frauen könnten weder schreiben, noch lesen und dürften nicht ohne Erlaubnis ihres Mannes die Wohnung verlassen. Wenn ihr die Frauen erklären, dass dies ihre „Kultur“ sei, redet sich Fatma Dogan in Rage. „Der Grund ist doch klar: Diese Männer sind Egoisten.“

Peter Pohl will seinen Stadtteil nicht schlechtreden. Also erzählt er von dem neuen deutschen Restaurant neben Secondhand-Läden, Döner-Imbiss und türkischem Friseur. Ein Lichtblick sei das. Sarah Eckhardt sagt, in der Nordstadt gebe es nur Döner, Internet, Döner. „Hier gibt es Kita, Döner, Kita.“ Fatma Dogan sorgt sich um Deutschland. Es verändere sich momentan sehr viel. Zu viel? „Ich habe Angst, dass Deutschland Schaden nimmt“, sagt sie.

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