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Aus der Stadt Scharfe Kritik an Hannovers Radkonzept
Hannover Aus der Stadt Scharfe Kritik an Hannovers Radkonzept
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00:16 21.05.2015
Von Bernd Haase
„Ich erkenne keine Strategie“: Radwege wie der vor dem Landesmuseum gelten Mikael Colville-Andersen ebenso wie vielen Hannoveranern als Beleg dafür, dass die Stadt einen erheblichen Nachholbedarf in Sachen Radverkehr hat. Quelle: Thomas
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Hannover

Politiker von SPD und Grünen fordern von der Stadt stärkeres Engagement in Sachen Radverkehrsförderung. „Wenn mehr Menschen auf das Fahrrad steigen, muss der Straßenraum neu aufgeteilt werden“, sagt Jürgen Mineur, Verkehrspolitiker der SPD-Ratsfraktion. Gisela Witte, Stadtverbandsvorsitzende der Grünen, sprach sich dafür aus, bei der Planung Prioritäten zugunsten des Fahrrad- und Fußgängerverkehrs zu setzen.

Die Grünen hatten kürzlich den international renommierten Stadtplaner Mikael Colville-Andersen aus Kopenhagen zu einer Expertentagung eingeladen. Der Däne, der weltweit Städte berät, hatte die Situation in Hannover kritisiert und damit der Eigenwahrnehmung der Stadt widersprochen. „Ich erkenne keine Strategie“, bemängelte er. Der Verkehrsraum werde für Autofahrer geplant, erst hinterher werde geguckt, wo noch Fahrräder hinpassen. Auf der Mängelliste finden sich unter anderem plötzlich endende oder zu schmale Radwege, uneinheitliche oder fehlende Markierungen, zu lange Wartezeiten an Ampeln oder fehlende Abstellplätze. Um die Dinge zu ändern, brauche man den politischen und planerischen Mut, Autofahrern Straßenraum und Vorfahrt an Kreuzungen wegzunehmen sowie deren Geschwindigkeit zu drosseln.

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Ganz so weit gehen Mineur und Witte nicht. Der Sozialdemokrat aus Linden sagt, das der städtischen Radverkehrspolitik zugrunde liegende Leitbild aus dem Jahr 2010 müsse überarbeitet werden. Außerdem will er sich bei den anstehenden Haushaltsplanberatungen dafür einsetzen, dass mehr Geld für den Radverkehr zur Verfügung steht. Mineur verwies darauf, dass die Politik schon handele. „Wir haben beispielsweise an der Wunstorfer Straße dafür gesorgt, dass der Radweg gradliniger ausgeführt wird, als die Stadt das geplant hatte“, sagt Mineur.

„Großzügige Radwege sind unabdingbar für mehr und sicheren Radverkehr“, sagt Witte und sieht die Verwaltung in der Pflicht, Lücken zu schließen. Eine Infrastruktur für Radfahrer sei ein großer Image- und Standortfaktor für die Stadt, wie das Beispiel Kopenhagen beweise. Die dänische Hauptstadt hat sich einen Namen als Weltfahrradhauptstadt gemacht. Witte wünscht sich, dass in Hannover mehr für den Radverkehr geworben wird.

Im städtischen Leitbild ist verankert, dass der Radverkehr bis 2025 einen Anteil von 25 Prozent am Gesamtverkehrsaufkommen erreichen soll. Die derzeitige Marke beziffert die Verwaltung auf 20 Prozent. Colville-Andersen bezweifelt beides – sowohl die Höhe des Ist-Wertes als auch unter den gegebenen Umständen die Erreichbarkeit der Zielmarke.

Nach Angaben der Stadt stammen die Daten für Hannover aus einer bundesweit erhobenen Infas-Studie, die im Auftrag des Bundes alle fünf Jahre erhoben wird. Zum Vergleich: In Kopenhagen gibt es 400 Stationen, an denen ständig das Verkehrsaufkommen gemessen wird. Im Übrigen verweist die Stadt auf eigene Anstrengungen in Sachen Radverkehrsförderung wie Leitbild, Masterplan und Netzkonzept. „Wir sind aber immer offen für Kritik und nehmen diese ernst“, sagt Sprecher Alexis Demos.

Leserreaktionen – eine Auswahl

Kein Radweg in der neuen Karmarschstraße
Die Punkte, die dem Experten aus Kopenhagen gezeigt wurden, sind mir auch ein ständiges Ärgernis, aber noch ärgerlicher finde ich, dass die Karmarschstraße eben ganz neu gestaltet und gar kein Radweg angelegt wurde. Weil es jetzt eine Fußgängerinsel vor der Markthalle gibt, scheren überholende Autofahrer oft knapp vor den Radfahrern wieder ein. Sehr unangenehm, und gefährlich. Die Ampelschaltung am Schwarzen Bären ist auch hanebüchen. Radwege mit gefährlichen Höckern von Baumwurzeln sind ein zusätzliches Übel, dass das Radfahren für alle schwierig macht.
 Charles Ebert, Leserbrief

Alles schon erlerbt
Ich habe oft genug erlebt das Fußgänger auf dem Radweg gehen und sich dann noch aufregen wenn man klingelt.
Selbst auf dem Radweg ist man teilweise nicht mehr vor Autofahrern sicher.fußgänger die lieber auf ihr Smartphone schauen als auf die Straße und Autofahrer die beim Abbiegen nicht schauen ob ein Domenico Breitbach Fahrrad kommt oder über rot fahren. Alles mehr als einmal erlebt.

Domenico Breitbach, Facebook

Nicht grundlos Fläche für Blechboxen verbrauchen

Die Regeln sind für den Autoverkehr gemacht und benachteiligen dementsprechend den Radverkehr. Radfahrer müssen an Kreuzungen zwei bis dreimal halten, werden immer noch auf viel zu kleinen Wege gemeinsam mit dem Fußgänger geführt. Wenn ich als Radfahrer auf der Fahrbahn fahre, werde ich auch regelmäßig rechtswidrig von Autos geschnitten. Der Stärkere lässt sein angebliches Recht halt manchmal raushängen - sind alles Menschen. Aber eins muss ich sagen: Ein Fußgänger wurde noch nie von einem Radfahrer tot gefahren, von Autos jährlich tausende. Hier geht es um eine andere Sache: Eine Stadt in der wir nicht grundlos Fläche für Blechboxen verbrauchen, die Lärm und gesundheitsgefährdende Abgase produzieren, ist viel schöner und lebenwerter. Und dann haben Radfahrer und Fußgänger auch den Platz, der ihnen zusteht und sie kommen sich nicht in die Quere. Und wir verschwenden nicht unseren wertvollen Platz für Autos, in denen meist sowieso nur einer drin sitzt.

Sascha Priesemann, Facebook

Verkehrspolitik verursacht Konflikte

Das Problem zwischen Fußgängern und Radfahrern ist doch in erster Linie ein verkehrspolitisch. Es ist wenig zielführend das Verhalten einzelner Verkehrsteilnehmer zu pauschalisieren und dadurch den Gruppen Rechte abzuerkennen. Die Frage ist, warum kann es überhaupt zu Konflikten zwischen Fußgängern und Radfahrern kommen? Das liegt schlicht an der Herangehensweise den Verkehr auf Autos auszurichten und Fußgänger und Fahrräder auf die verbleibenden 1.50 m zu quetschen.

Dennis Schröter, Facebook

Die Stadt ist sich zu fein
Radfahrer sind Bürger zweiter Klasse. Wenn Rad fahren schnell von A nach B führt und Wege gut und sicher sind, steigen Leute um, denen es heute noch zu unbequem und zu gefährlich scheint. Es müssen gute Radwege her, bei denen Radfahrer nicht ständig mit Autos konkurrieren. Die Stadt ist sich aber anscheinend zu fein, erfolgreiche Konzepte aus Amsterdam, Sevilla oder Kopenhagen zu kopieren.
Sandra Schütz, Leserbrief

Eine „Kopenhagenisierung“ kommt nicht mehr vor
Ein wirklich guter Bericht – nur: Wer in dieser Stadt täglich mit dem Rad unterwegs ist, weiß: Was da geschildert wird, ist nur die Spitze des Eisbergs. Neben einigen gelungenen Strecken gibt es im Stadtgebiet für Radler unglaublich absurde Verkehrsführungen, lange Ampelphasen, die Autofahrer zu massiven Protesten bringen würden, Rumpelstrecken neben Schnellstraßen, deren Beläge mit Millionen renoviert wurden, und lebensgefährliche Radwege. Hinzu kommen populistische Radlerkontrollen bei nachhaltiger Großzügigkeit gegenüber dem Zuparken von Rad- und Fußwegen – nicht nur an Orten wie Schwarzer Bär.
Zwar braucht Hannover dringend Verbesserungen für zügiges und sicheres Radfahren. Eine dazu erforderliche Verkehrsplanung ist aber leider kaum zu erwarten – eine „Kopenhagenisierung“ kommt im Planungshorizont der Verantwortlichen nicht vor. Und sogar die Forderung nach mehr Sicherheit fürs Radeln stößt leider auf die machtvolle Verkehrsideologie, derzufolge Radwege angeblich Radler schützten und man mehr Radwege bauen müsse. Leider falsch.
„Fahrradgerecht“ muss in Hannover also zuallererst bedeuten, dass einem der wichtigsten Grundsätze der Verkehrssicherheit – der Sichtbarkeit – Vorrang eingeräumt wird, und das bedeutet, der Erkenntnis Raum zu geben, dass die meisten Radwege Radler unsichtbar machen. Radwege (und Fahrradstraßen) gehören auf die Straße. Dort müssen sie – was es schon gibt – breit genug sein und einen auffälligen Straßenbelag haben. Das herkömmliche System aus Hochbord-Radwegen neben oder auf dem Fußweg hingegen ist häufig ein Sicherheitsrisiko, immer unterbrochen von Einfahrten und Nebenstraßen, oft polizeiwidrig schmal und vielfach in erbärmlichem Zustand. Das ist für Hannover kein Modell für eine Zukunft, in der es immer mehr und immer schnellere Radler geben wird.
Bernhard Krüger, Leserbrief

Viele Beispiele für schlechte Wegeführung
Als Radfahrerin, die sich täglich mit den Gegebenheiten der hannoverschen Radwegeführung herumärgert, kann ich diesem und diversen anderen Artikeln zum Thema Fahrradfahren in Hannover nur beipflichten. Beispiele lassen sich, wie ja schon im Artikel erwähnt, zuhauf in Hannover finden. Zu schmale Radstreifen (Königstraße), neu angelegte Prestigeprojekte (Podbi), bei denen sich die Radfahrer an den Ampeln am besten in Luft auflösen.  
Auch das hochgelobte Verkehrskonzept Lister Platz ist an den Ausläufern nicht zu Ende gedacht: Wie stellen sich die Damen und Herren Verkehrsplaner vor, dass Radfahrer stadtauswärts von der Podbi in die Rühmkorffstraße abbiegen? Dort kommt es immer wieder zu gefährlichen Szenerien, weil Radfahrer unter Missachtung sämtlicher Regeln ihre eigenen Wege finden. Wie einfach wäre es gewesen, in der Mitte der Straße einen rot markierten Streifen zu markieren, von dem aus Radfahrer links abbiegen können? Immer wieder enden Radwege plötzlich auf schmalen Bürgersteigen im Nichts, wo man dann nicht weiß, wie man sich verhalten soll.
Ich kann aus meiner Sicht die Ansicht von Herrn Collie-Andersen nur bestätigen.
Regina Zailskas, Leserbrief

Hannover ist ...

fahrradfreundlich, weil die Stadt relativ flach ist und viele miteinander verbundene Grünanlagen hat.
 Die Verkehrsplanung sieht aber in den Fahrradfahrern vorwiegend ein Hinderniss für den KFZ Verkehr.
 Radwege und -streifen werden vorwiegend angelegt um den KFZ frei Bahn zu schaffen, Sicherheit, Bequemlichkeit und zügiges Vorwärtskommen sind Faktoren die in der Planung keine wesentliche Rolle Spielen. Enge Fahrradstreifen in der "Dooring Zone" wie in König- und Celler Straße oder praktisch nicht zügig und sicher befahrbare Radwege wie in der Hildesheimerstraße sind da gute Beispiele.

"Oststädter", HAZ-Forum

Politik des geteilten Raumes nervt
Hannovers wohltönend verkündetes Ziel, bis 2025 auf 25 Prozent Radverkehrsanteil zu kommen, dürfte unerreichbar bleiben. Denn es fehlt jegliche Umsetzung. Was sollen bitte diese Cityring-Punkte? Wasch mich, aber mach mich nicht nass. Ich habe als Autofahrer die Nase voll davon, mir die Straße mit Radlern teilen zu müssen. Es kann doch nicht so schwer sein, Radfahrer auf eigene Wege zu hieven, damit Autos ungehindert fahren können. Die Politik des geteilten Raumes, wo alle aufeinander Rücksicht nehmen sollen, nervt. Sie ist gefährlich für Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger. Kein Autofahrer will Tempo 30 oder Radler auf Hauptverkehrsstraßen.
 Nicole Hackmann, Leserbrief

Wenn es nur die Busse wären...

Ich komme gerade mit dem Rad von der Christuskirche. 12t-Lkw steht auf der Fahrbahn und lädt ab, aus beiden Richtungen Busse, von hinten überholt ein Sprinter, und auf meiner Fahrbahn kommt mir ein Rettungswagen entgegen, der am LKW vorbei will. Da kann einem schon das Herz in die Hose rutschen und ich fange an Gebete an Götter zu sprechen, an die ich nicht glaube. Nun, diese Situation ist so geplant und auch so gewollt, und genau daran kann. man messen, wie "fahrradfreundlich" die Verkehrsplanung tatsächlich ist!

"Nick Tungsten", HAZ-Forum

Radfahren ist kein saisonales Phänomen
Als Radfahrer in Hannover unterwegs zu sein ist abseits der autofreien Bereiche wie der Eilenriede eine Zumutung. Man gerät ständig mit Autos oder Fußgängern in Konflikt, selbst neue Radwege sind holprig, da nicht asphaltiert, oder viel zu schmal. Zum Beispiel die Egestorffstraße in Linden: Ein halber Meter zwischen Parkstreifen und Fußgängern reicht nicht einmal für ein gewöhnliches Fahrrad, geschweige denn für Lastenräder oder Kinderanhänger. Der Radweg-Minimalstandard sollte Breiten und Beläge vorsehen, die für Räumfahrzeuge geeignet sind, denn das Radfahren ist längst kein saisonales Phänomen mehr. Zu den Konflikten kommt eine unnötige Gängelung: Ampelphasen sind in Hannover auf Autos ausgerichtet, und Kontaktschleifen lösen oft nicht für Fahrräder aus. Der Stadtplaner aus Kopenhagen hat Hannover zu Recht ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Eine menschen- und stadtgerechte Radverkehrsplanung, die etwa zum Ziel hat, dass unsere Kinder wieder alleine und sicher Rad fahren können, findet in Hannover nicht statt.
Bert Ungerer, Leserbrief

Koexistenz braucht eindeutige Wege
Als Teilnehmer der Bike Conference war diese Erkenntnis aus Amsterdam und Kopenhagen für mich der Hammer: Wenn sich Radler nicht an die Regeln halten, reagieren sie lediglich auf schlechte Infrastruktur! Eine friedliche Koexistenz zwischen Auto-, Radfahrern und Fußgängern braucht eindeutig gekennzeichnete Wege. Logisch geführt, farbig gekennzeichnet und lückenlos. Die Regeln und diese Stadt sind für Autos gebaut, nicht für Menschen.
Anton Dudek, Leserbrief

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