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Aus der Stadt Schausteller warnen vor Aus für Schützenfest
Hannover Aus der Stadt Schausteller warnen vor Aus für Schützenfest
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19:51 21.01.2015
Foto: Bedroht: Die Fahrgeschäfte auf dem Schützenfest Hannover.
Foto: Bedroht: Die Fahrgeschäfte auf dem Schützenfest Hannover. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Das Problem hat einen sperrigen Namen: DIN EN 13814 heißt die EU-Norm, die laut Lothar Ahrend die Existenz kleiner Schaustellerbetriebe bedroht. Er ist Chef des Unternehmens Freizeittechnologie Ahrend in Eldagsen. Seine Fahrgeschäfte tragen Namen wie „Rollover“, „Salto Mortale“ oder „Take Off“ – und stehen etwa auf dem Schützenfest in Hannover. Tritt die neue Norm in Kraft, müssen alle beweglichen Teile neu berechnet werden, um zu prüfen, ob sie den Anforderungen von DIN EN 13814 entsprechen.

„Das kostet bis zu 150.000 Euro“, sagt Ahrend. „Manche kleinen Betriebe werden das nicht überleben – gerade jetzt, wo sie auch noch 8,50 Euro Mindestlohn zahlen müssen.“ Der Deutsche Schaustellerbund (DSB) sieht schon kleinere Volksfeste in Gefahr.

Hannover feiert sein Schützenfest. Angesichts der langen Tradition lohnt sich ein Blick zurück auf die besten Bilder aus der Geschichte des Schützenfestes Hannover.

Beim niedersächsischen Landtag haben die Schausteller ein offenes Ohr gefunden: Einstimmig beschloss das Parlament am Mittwoch, sich für einen Bestandsschutz für alte Fahrgeschäfte einzusetzen. Die Norm soll lediglich auf neue Geräte angewendet werden. „Die Fahrgeschäfte sind unverzichtbare Publikumsmagneten“, heißt es in dem gemeinsamen Entschließungsantrag. „Es gibt keine sachlichen Gründe, die bisherige Genehmigungspraxis für ältere Anlagen erheblich zu verschärfen und betriebssichere Anlagen zu verschrotten.“ Die Landesregierung solle daher bitte die Hinweise der Schausteller aufnehmen und die landesrechtliche Norm entsprechend anpassen, so der Auftrag.

Die EU habe niemals vorgeschrieben, dass der Bestandschutz für alte Anlagen wegfallen müsse, sagte die FDP-Abgeordnete Sylvia Bruns. Da es ohnehin fortlaufend Kontrollen der Anlagen bei jedem Aufbau gebe, sei die Sicherheit gewährleistet, sagt der Grünen-Abgeordnete Thomas Schremmer.

Der SPD-Abgeordnete Marco Brunotte verwies auf das Urteil des Verwaltungsgerichts Hannover in der Sache: Die neue Verordnung bedeute keine zusätzliche Sicherheit. Die Genehmigung für alte Geräte soll weiterlaufen, wie das übrigens bei stationären Anlagen etwa in Freizeitparks ohnehin der Fall ist.

Doch das klingt zunächst leichter, als es tatsächlich ist. Niedersachsen will seine Bauordnung nämlich nicht im Alleingang ändern, sondern eine bundeseinheitliche Regelung finden. Spätestens bei der Bauministerkonferenz die Ende November in Dresden dürfte feststehen, ob die anderen Bundesländer mitmachen.

Rechtstreit noch offen

Dabei dürfte aber auch ein Rolle spielen, wie der immer noch offene Rechtsstreit um die Sache ausgeht. Vor dem Verwaltungsgericht Hannover haben die Schausteller gewonnen, doch der beklagte TÜV Nord ist vor dem Oberverwaltungsgericht Lüneburg in Berufung gegangen. Auch in Bayern und Nordrhein-Westfalen sind erstinstanzliche Klagen der Schausteller gegen die neue Sicherheitsvorgabe anhängig.

Bis Klarheit herrscht, geht noch einige Zeit ins Land. Für das diesjährige hannoversche Schützenfest vom 3. bis zum 12. Juli gilt die neue Regelung noch nicht. Diskutiert werden wird sie trotzdem.     

DIN EN 13814 regelt die Sicherheit

Die Sicherheitsbestimmungen für mobile Fahrgeschäfte werden unter anderem in der europäischen Norm DIN EN 13814 geregelt. Betroffen sind sogenannte „Fliegende Bauten“, etwa Attraktionen wie Achterbahnen, Riesenräder, Autoscooter oder Karussells. Die vom European Committee for Standardization (CEN) entwickelte Norm soll europaweit für einheitliche technische Standards sorgen.

Die DIN EN 13814 regelt eine Fülle von technischen Details. So müssen etwa Kettenkarussells künftig Personen mit einem durchschnittlichen Körpergewicht von 100 Kilo tragen können, statt wie bisher nur 75 Kilogramm. In der Vergangenheit war es wiederholt zu Unfällen mit Fahrgeschäften gekommen.

Die 16 Landesbauministerien haben die DIN EN 13814 bereits zu Beginn 2013 zwar bauaufsichtlich eingeführt, dabei jedoch anders als im Entwurf vorgesehen auf den Bestandsschutz verzichtet. Das stößt auf heftige Kritik. Seitdem wird der Bestand in Deutschland vor dem Hintergrund der neuen Norm sukzessive überprüft und angepasst. Die Konstruktion neuer Fahrgeschäfte ist ohnehin auf die aktuellen Bedingungen ausgelegt.     

Von Heiko Randermann 
und Rüdiger Meise

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