Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Die erste Taufe im Vereinsheim von Linden 1897
Hannover Aus der Stadt Die erste Taufe im Vereinsheim von Linden 1897
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
02:15 02.07.2017
Von Uwe Janssen
„Ich hoffe, es wird nicht mit Dartpfeilen auf mich geworfen“: Pastor Friedrich Brandi ist eigentlich Schaustellerseelsorger für den Hamburger Dom - heute muss er im Vereinsheim Linden ran. Quelle: Samantha Franson
Anzeige
Hannover

"Ich hab’ schon im Vereinsheim des FC St. Pauli getauft“, sagt Friedrich Brandi, „direkt unterm Wappen. War witzig.“ Er ist mit seinem alten, blauen Mercedes direkt aus Ratzeburg bis vors Riesenrad auf dem hannoverschen Schützenplatz gefahren. Es regnet in Strömen. Der evangelische Pastor soll hier ein Schaustellerkind taufen. Auf dem Platz, so macht es das fahrende Volk. Ein Taufbecken? Brandi sagt: „Ich hab alles dabei.“ Im St.-Pauli-Heim musste eine Teigschüssel herhalten.

Eigentlich sollte die Taufe am Riesenrad stattfinden. Doch wegen Dauerregens taufte Schaustellerseelsorger Dr. Friedrich Brandi die drei Monate alte Leni im Vereinsheim von Linden 1897.

Doch bei diesem Wetter geht hier gar nichts. Eigentlich ist Brandi als Schaustellerseelsorger für den Hamburger Dom zuständig. Nun wurde er nach Hannover gebeten, hat eine Vikarsausbildung unterbrochen, hat drei Stunden von Hamburg nach Hannover gebraucht. Und nun ist von der Taufgesellschaft keine Spur. Auf dem Schützenplatz wird gearbeitet. Freitag geht die Party los.

Anzeige

Ein Kastenwagen fährt vor. Es fährt Taufpate Adolf, hinten drin sitzen Mutter Geraldine Gergel und Baby Leni, um das es heute geht. Die Taufe ist kurzfristig verlegt worden, neuer Plan: Alle Mann ins Vereinsheim von Linden 1897, Stammestraße, nicht weit entfernt.

Vereinsheim kurzfristig umdekoriert

Hier hat Wirt Markus Kulz, sonst Gastgeber unter anderem für die Football-Schränke der „Grizzlies“, eiligst von rustikal auf feierlich umdekoriert. „Das ist unsere erste Taufe“, versichert er glaubhaft. Die Tische sind weiß gedeckt, die Stühle mit Hussen überstülpt. Ein geschwungener Kerzenständer und die Taufkerze zieren einen kleinen Tisch, hinter dem Brandi zur Taufgesellschaft sprechen wird. Ein Schälchen für die Taufe steht bereit. Keine Teigschüssel.

Dass der Geistliche vor zwei Dartscheiben und einem Poster der 1. Damenhandballmannschaft der HSG Badenstedt steht - geschenkt. Improvisation gehört zur Arbeitsplatzbeschreibung eines Schaustellerseelsorgers - wie auch seiner Klientel. Brandi legt Talar, Bäffchen und Stola an. Das sei schon eine Herausforderung hier, sagt er, weil „ich mit meiner Person die ganze Geistlichkeit herstellen muss. Das schafft sonst der kirchliche Raum.“

Das Schützenfest beginnt

Mehr zum Schützenfest finden sie auf unserer Themenseite.

Rund 50 Gäste sind da. Familie und Schaustellerfreunde. Baby Leni, drei Monate alt, trägt ein Taufkleid, das schon die Oma getragen hat. Mutter Geraldine, 27, trägt ein Kleid mit einem großen Tigerkopf. „Wir hatten echt Panik, dass wir nichts finden“, sagt sie. Aber nun sitzen alle im Trockenen. Papa Friedel, auch 27, hat sich ein Jackett übergeworfen. Die jungen Eltern, selber Schaustellerkinder, aus dem Ruhrgebiet betreiben eine Losbude. Was sie sich für die Taufe gewünscht habe? „Gutes Wetter.“ Es regnet Bindfäden.

Der Vater des Vaters ergreift das Wort. Man wolle nun zur Taufe schreiten, „damit wir es hinter uns haben“ - mit Rücksicht auf den Terminplan des Geistlichen, ergänzt er eilig. „So eilig habe ich es nun ja auch wieder nicht“, sagt Brandi. Er tritt vor und bittet um Aufmerksamkeit.

Raum spielt Pastor nicht in die Karten

Was gar nicht so einfach ist. Die Gäste sitzen sich an langen Tischen gegenüber, trinken Kaffee und haben sich viel zu erzählen. Der Raum spielt dem Pastor nicht gerade in die Karten. Vielleicht hilft ein Witz: „Ich hoffe, es wird nicht mit Dartpfeilen auf mich geworfen.“

Brandi liest aus dem 26. Psalm, aus dem Lenis Taufspruch ist. Er hält nach zwei Sätzen inne, schickt einen strengen Blick in die unruhige Runde. Es wirkt. „Auch wenn ihr Kaffeetassen vor euch habt, hier ist jetzt Kirche.“ In den strengen Worten liegt auch pastorale Güte.

Kirchenlied einfach umgedichtet

Vielleicht hilft Gesang der gemessenen Feierlichkeit auf die Sprünge. Brandi hat „Lobet den Herrn“ auf die Schaustellerei umgedichtet und hofft auf Beteiligung: „Wer unanständige Lieder kann, kann auch Kirchenlieder.“ Ein Teilerfolg.

Die Eltern und die drei Taufpaten werden nach vorn gebeten. Brandi geht zu klaren Anweisungen über. Aufstellen, Wasser eingießen, Taufkerze anzünden. Baby Leni ist tapfer, nörgelt nur ein bisschen. Da ist sie, die Feierlichkeit. Vater Friedel lehnt zwar an einem Pfeiler, aber er sieht ergriffen aus. Brandi betet. Direkt nach dem „Amen“ klingelt ein Handy.

Ende der Zeremonie. Mutter Geraldine sieht glücklich aus. Vater Friedel holt die Partyboxen aus dem Auto. Ein kleiner Junge im weißen Hemd versucht mit einer Wasserpistole die Taufkerze auszuschießen.

Hannover feiert sein Schützenfest. Angesichts der langen Tradition lohnt sich ein Blick zurück auf die besten Bilder aus der Geschichte des Schützenfestes Hannover.
Simon Benne 02.07.2017
30.06.2017
Aus der Stadt Alle Spuren zum Linksabbiegen gesperrt - Ab jetzt wird es eng am Pferdeturm
29.06.2017