Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Schimmel und Kot statt Traumurlaub
Hannover Aus der Stadt Schimmel und Kot statt Traumurlaub
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:48 10.03.2015
Von Michael Zgoll
Traumbild: Für die Familie aus Bayern sah der Urlaub an der türkischen Riviera zumindest im Hotel nicht ganz so attraktiv aus.
Traumbild: Für die Familie aus Bayern sah der Urlaub an der türkischen Riviera zumindest im Hotel nicht ganz so attraktiv aus. Quelle: Symbolbild
Anzeige
Hannover

Das hat Seltenheitswert: Bei zwei aufeinander folgenden Gerichtsterminen beim Amtsgericht trafen die selben Parteien aufeinander, eine vierköpfige Familie aus Bayern und der Reisekonzern Tui aus Hannover. In einem Fall drehte es sich um die nach Ansicht der Kläger katastrophalen Zustände in einem Vier-Sterne-Hotel in der Türkei, im anderen Verfahren um einen Unfall, den die zehnjährige Tochter der Familie in eben dieser Anlage erlitten hatte. Das Ergebnis: Im Rahmen eines Vergleichs, dem die Kontrahenten noch endgültig zustimmen müssen, bekommen die Urlauber als Reisepreisminderung 700 Euro erstattet. Mit einem Schmerzensgeld für die Tochter, gab Amtsrichterin Dagmar Frost mit Blick auf das in drei Wochen erwartete Urteil zu erkennen, dürften die Kläger aber nicht rechnen.

Als die Familie im August 2013 ihr Reiseziel in Belek an der türkischen Riviera erreichte, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Ihre Unterkunft in der River Garden Residence war verdreckt. Unter dem Bett tummelten sich Wollmäuse, im Kühlschrank hatte sich Schimmel eingenistet, auch waren die Wasserhähne mit Kalk überzogen und das Laminat aufgequollen. Immer wenn der Strom in der Anlage ausfiel, funktionierte die Dusche nicht mehr. Spuckte der Getränkeautomat keine Erfrischungsgetränke aus. Und der Strom fiel offenbar häufig aus: sechs- bis achtmal pro Tag.

Die Stromausfälle hatten noch einen weiteren Effekt – wenige Meter neben dem Fenster der Erholungssuchenden sprang ein Notstromaggregat an. Ein Dieselmotor, der heftig röhrte. Im Pool, so die Kläger, hätten sie Exkremente von Hunden und Kleinkindern entdeckt. Und auch im Speisesaal ging es offenbar wenig appetitlich zu: Die Tischplatten klebten, das warme Essen wurde kalt serviert und das Huhn war halb roh. Zu einem Foto, das aus Trockeneipulver gemixtes Rührei zeigte, gab selbst Tui-Anwalt Jochim Gildemeister einen galligen Kommentar ab: „Das sieht ja aus wie Pudding.“

Das Hotel wird auch auf den einschlägigen Bewertungsportalen im Internet mit wenig freundlichen Kommentaren bedacht. Allerdings hatten die Familie aus Bayern und ihr Anwalt Paul Degott Pech, dass jüngst beim Amtsgericht ein Vergleich wegen diverser Mängel im genau gleichen Hotel geschlossen worden war. Dort war der Reisepreis um 20 Prozent gemindert worden – sodass Reiserechtler Degott mit seiner Forderung von 50 Prozent auf verlorenem Posten stand.

3310 Euro hatten die Urlauber aus Süddeutschland für ihren zweiwöchigen Aufenthalt im River Garden bezahlt, dank des Vergleichs bekommen sie von der Tui 700 Euro erstattet. Ihre Hoffnung, für einen Sturz der Tochter mit 1000 Euro Schmerzensgeld entschädigt zu werden und die Arztkosten von 865 Euro zurückzubekommen, wird sich jedoch aller Voraussicht nach nicht erfüllen.

Die Zehnjährige war in der River Garden Residence zwischen Pool und Bar hingefallen, auf einem gefliesten Weg. Dabei war sie so unglücklich auf eine Steinkante aufgeschlagen, dass ihr Knie stark blutete und wenig später mit sieben Stichen genäht werden musste. Hatten Reiseveranstalter und Hotelier hier ihre Verkehrssicherungspflicht verletzt? Richterin Frost verneinte diese Frage. Die Fliesen seien allem Anschein nach nicht übermäßig glatt gewesen, wiesen eine leicht poröse Oberfläche auf. Ein zehnjähriges Mädchen müsse aber wissen, dass man sich auf Fliesen vorsichtig zu bewegen habe; wenn das Kind dann trotzdem falle, zähle das zum „allgemeinen Lebensrisiko“, für das die Familie die Tui nicht haftbar machen könne.

28.12.2016
Aus der Stadt "Unterm Schwanz und ümme Ecke“ - Hannovers erster literarischer Stadtplan
13.03.2015