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Aus der Stadt Zurück ins Leben
Hannover Aus der Stadt Zurück ins Leben
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00:26 31.10.2015
Von Martina Sulner
Achim Brandau mit seiner Schwester Ulrike Brandau. Quelle: Rainer Surrey
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Hanover

Die drei weißen Blätter über dem Schreibtisch sind sorgfältig beschriftet. Auf ihnen stehen Achim Brandaus Konzertpläne für die kommenden Monate, per Hand geschrieben. In den linken Spalten der DIN-A-4-Blätter sind untereinander Bandnamen notiert, in der rechten Datum und Ort des Auftritts. Das Boy-Konzert im Capitol ist dort vermerkt, Jan Garbarek, die 17 Hippies. Solche Konzerttermine gehören zu Brandaus, nennen wir es mal so, altem und zu seinem neuen Leben. In beiden spielte und spielt Musik eine zentrale Rolle. Früher machte er selber Musik und gründete 1999 in Hannover die Konzertagentur Living Concerts. Die drei Seiten mit den Konzertterminen hängen allerdings an einer Pinnwand im Nordstädter Wohnhaus des St.-Nikolai-Stift. Dort lebt der 57-Jährige, der vor fünf Jahren einen Schlaganfall hatte, jetzt.

In der Wohnung erinnert einiges an Brandaus früheres Leben, vor allem die vielen CDs. Doch das Meiste deutet auf seinen Alltag nach dem Hirninfarkt hin, der Elektro-Rollstuhl zum Beispiel. Rund 24 Stunden hatte Brandau nach dem Schlaganfall in seiner Wohnung gelegen, bis er gefunden wurde. Für einen Schlaganfallpatienten eine furchtbar lange Zeit. Seine Einschränkungen sind noch heute erheblich: Die rechte Seite ist gelähmt, er kann - bis auf „ja“ und „nein“ und „tschüss“ - nicht sprechen.

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Hier gibt es Hilfe

Im Notfall sollte man niemals mit dem Taxi zum Krankhaus fahren oder sich von einem Familienangehörigen bringen lassen, sondern immer die Notrufnummer 112 wählen.

Zu den Kliniken mit einer sogenannten Stroke Unit, einer Intensivstation für Schlaganfallpatienten, gehören in Hannover: das Diakoniekrankenhaus Friederikenstift, das Nordstadt-Klinikum, das Klinikum Agnes Karll Laatzen, das Diakoniekrankenhaus Henriettenstiftung und die Medizinische Hochschule Hannover.

Die Schlaganfall-Selbsthilfe Hannover ist zu erreichen über Gabriele Flegerbein, flegerbeingh@arcor.de, Telefon: (0163) 4607911 und Rainer Kornet, rakoko@freenet.de, Telefon (0511) 35233 33.

Zahlreiche Informationen findet man auch im Internet auf schlaganfall-hilfe.de und schlaganfall-info.de.

Der Mann, der mit T-Shirt und Kapuzenjacke ziemlich jung aussieht, wirkt freundlich und guter Dinge. Doch er ist wohl auch ein Kämpfer, er musste und muss den Willen und die Geduld aufbringen, sich mit Hilfe verschiedener Therapien ins Leben zurückzukämpfen. Kurz nach dem Schlaganfall musste er das Schlucken wieder lernen. Die Fähigkeit dazu war durch den Hirninfarkt verlorengegangen, eine Zeitlang wurde er per Sonde ernährt. Er hat soweit laufen gelernt, dass er sich in seiner Wohnung bewegen kann; der Rechtshänder kann mittlerweile alle Handgriffe mit links ausführen, schreibt auch mit der linken Hand.

Seit März lebt Brandau in seiner eigenen Wohnung, morgens kommt ein Pflegedienst. Aus der Wohngruppe, in der er vorher mehrere Jahre war, wollte er raus, sagt seine Schwester Ulrike Brandau. Die 62-jährige frühere Lehrerin ist die Betreuerin ihres Bruders - und diejenige, die seine Gesten und Mimik in Worte umsetzt. Man kann sich durchaus mit Achim Brandau verständigen; Fragen beantwortet er mit „ja“ oder „nein“, mit Nicken oder Kopfschütteln, Wenn ihm etwas nicht gefällt, dann fällt das Kopfschütteln energisch aus. Mehrmals steht er während des Treffens auf, um etwas zu zeigen. Bei der Frage, welche Musik er heute gern hört, geht er an ein Regal und zieht CDs des deutschen Popstars Clueso heraus.

Bruder und Schwester haben sich zwar „immer gut verstanden“, doch ihr Leben war „schon sehr unterschiedlich“, sagt Ulrike Brandau: Hier der hannoversche Konzertveranstalter, dort die Lehrerin und zweifache Mutter, die auf dem Land in einem Resthof lebte. Jetzt wirken die beiden wie ein eingespieltes Team. „Es ist wichtig, dass man Einverständnis erzielt“, sagt Ulrike Brandau, dass man nicht über den Kopf des Bruders hinweg entscheide. Meistens klappt das gut, nur manchmal, „wenn er etwas im Kopf hat, aber nicht ausdrücken kann, wird er ungeduldig“.

Ein Schlaganfall kann verschiedene Ursachen haben. Quelle: dpa

Solche Ungeduld kennen auch Gabriele Flegerbein und Rainer Kornet, die Leiter der Schlaganfall-Selbsthilfegruppe Hannover. Beide haben selbst einen Schlaganfall gehabt - die 58-Jährige 2003, der 55-Jährige vor fünf Jahren. „Ich war damals sportlich, gesund und fit“, sagt er. An einem Sonntagmorgen spürte er nach dem Aufwachen seine gesamte linke Körperhälfte nicht - „ich wusste sofort, dass ich einen Schlaganfall hatte“. Beide haben sich mühsam wieder ins Leben zurückgekämpft. Kornet arbeitet sechs Stunden am Tag von zu Hause aus. Flegerbein - verheiratet und Mutter zweier erwachsener Kinder - hat einen Minijob.

In die Selbsthilfegruppe stecken beide viel Zeit und Engagement. „Es strengt an, macht aber auch Spaß“, sagt die zurückhaltende Gabriele Flegerbein. Zwischen fünf und 15 Menschen, im Alter zwischen Ende 40 und 80 kommen zu den Treffs. Es sei ein „freundliches Beieinander“, so Kornet. „Ich gebe gern meine Erfahrung weiter“, sagt die Leiterin. Schließlich gibt es auch reichlich Gesprächsstoff - etwa über Fragen zur Schwerbehinderung, Rente, Pflegedienste.

Ihre Leistungsfähigkeit habe nachgelassen, sagen beide. Doch sie gewinnen dem Schlaganfall durchaus auch positive Seiten ab. Jetzt nähmen sie sich mehr Zeit, könnten das Leben genießen. Allerdings: Die körperlichen und auch psychischen Handicaps sind da. Kornet leidet unter Winterdepressionen, nimmt psychotherapeutische Hilfe in Anspruch, Gabriele Flegerbein bekommt noch immer zweimal in der Woche Krankengymnastik.

Achim Brandau hat an jedem Nachmittag entweder Physio, Ergo- oder Sprachtherapie. Vormittags ist er in einer Förderstätte; dort hat er auch mit dem Malen begonnen. An den Wänden seiner Wohnung hängen Kopien von Bildern Henri Rousseaus und Paul Gauguins. Über dem Tisch ist ein leuchtend grünes Bild, die Kopie von Max Ernsts Gemälde „Die Lebensfreude“. Empfindet er Lebensfreude, trotz seiner Einschränkungen? Achim Brandau nickt, und er nickt nochmal.

Nachgefragt ...

... bei Andreas Schwartz, Neurologe im Nordstadt-Klinikum

Herr Professor Schwartz, was genau ist ein Schlaganfall?

Ein Schlaganfall ist eine Durchblutungsstörung des Gehirns. In vier Fünfteln der Fälle handelt es sich um eine Unterdurchblutung, die auch einen Infarkt zur Folge haben kann. Bei einem Fünftel ist es eine Blutung, die einen Bluterguss im Gehirn zur Folge hat.

Wer ist besonders betroffen?

Auch junge Menschen und sogar Kinder können einen Schlaganfall erleiden, die ganz überwiegende Zahl der Betroffenen ist jedoch 60 und älter. Die meisten Hirninfarkte sind die Folge von Arterienverkalkung, wie man umgangssprachlich sagt, also der Verschlusskrankheit von Blutgefäßen, die das Hirn versorgen. Oder aber Schlaganfälle sind die Folge der Herzrhythmusstörung Vorhofflimmern. Dabei bilden sich im Herzen Blutgerinsel, die – wenn sie ins Hirn gelangen – einen Schlaganfall auslösen können.

Was sind die Risikofaktoren für einen Hirninfakt?

Alles, was Arteriosklerose, also Arterienverkalkung, fördert, und Blutdruck und Blutzucker in die Höhe treibt. Um das Risiko zu mindern, hilft es, Bluthochdruck und den Blutzucker bei Diabetes zu senken – und natürlich Bewegung an frischer Luft, Übergewicht abbauen, Stress minimieren zum Beispiel.

Woran erkenne ich, ob ein Schlaganfall vorliegt?

Wenn auf einer Körperseite Taubheitsgefühle oder Lähmungserscheinungen in einem Bein, Arm oder in einer Gesichtshälfte auftauchen. Oder bei einer flüchtigen Blindheit auf einem Auge: Wenn man über Minuten hinweg nichts sieht oder das Gefühl hat, als senke sich ein Vorhang über ein Auge und ziehe sich nach ein paar Minuten wieder zurück. Außerdem bei Sprech- und Sprachstörungen: Wenn ich nicht richtig modulieren kann und verwaschen rede. Oder wenn ich einen Begriff nicht korrekt bilden kann und die Sprache meines Gegenübers nicht mehr richtig verstehe.

Was sollte man bei Verdacht auf Schlaganfall unternehmen?

Unbedingt den Notruf 112 wählen – ein Schlaganfall ist ein Notfall. Je schneller jemand ins Krankenhaus, in die sogenannte Stroke Unit für Schlaganfallpatienten kommt, desto höher sind die Heilungschancen. Innerhalb der ersten drei bis längstens sechs Stunden nach dem Anfall können wir gut und viel helfen.

Interview: Martina Sulner

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